Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1918)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 119 - 220 (sequence 5)
- Language
- German
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119 Rumänien und seine Juden. 120 demütigenden Empfang. Die Juden der ganzen Welt und insbesondere Rumäniens hatten sich gewöhnt, in der „Neuen freien Presse" einen felsenfesten, unerschütterlichen Beschützer zu sehen. Inzwischen hatte der Wind sich gedreht. Graf Andrassy, der Rumänien immer eifriger umwarb, hatte sich mit Bratianu verständigt, und fortab wurde sein Wiener Hauptorgan dessen eifrigster Verteidiger und blieb es, bis es Bratianu gelang, die Judenemanzipation für immer zu begraben. Das Pikante dabei ist, daß 'hier die Sache des rumänischen Ministerpräsidenten im Namen des Liberalismus geführt wurde. Dieser hatte damals den Höhepunkt seiner Bedeutung überschritten, und sah sich von einer reaktionären Strömung bedroht, man mußte ihm also allenthalben zu Hilfe eilen. Bratianu war in Rumänien der Führer der sogenannten Liberalen, die von den konservativen Bojaren bekämpft wurden. Freilich hatte der rumänische Liberalismus mit dem europäischen nichts als den Namen gemein. Keine einzige von (den Streitfragen, die in Europa die Geister in zwei Lager spalteten, wie Staat und Kirche, freie Schule, Freihandel, Erweiterung des Wahlrechts usw. standen in Rumänien auf der Tagesordnung. Die Klasse, die die Trägerin der liberalen Ideen ist, war in Rumänien kaum erst im AVerden begriffen. Aber Bratianu hatte das Schild „Liberalismus" herausgehängt; seine Gegner waren Großgrundbesitzer, Bojaren; er gehörte also zur Familie und es galt, für ihn eine Lanze zu brechen. Darum hieß es schon im Januar, das Volksministerium Bratianu verkörpere die Volkspartei und strebe nach dem Wohl des Gesamtstaates, es sei von der reaktionären Partei der Bojaren bedroht, und der gesamte Liberalismus Europas müsse seine Partei ergreifen. Die „Neue freie Presse" unterstützte sogar die Forderung der rumänischen Regierung, die Kabinette sollten die Anerkennung noch vor :der Abschaffung des Artikels 7 aussprechen. Daß die Großmächte die Anerkennung noch immer nicht ausgesprochen, erschwerte nämlich die Lage des Kabincttes Bratianu und entzog ihm die 'moralische Unterstützung, die eben zur Durchführung einer so schweren Aufgabe, wie die Judenemanzipation, dringend notwendig war; diese Aufgabe durchzuführen, war aber das „populäre, liberale Volksministerium" Bratianu allein befähigt. Nach dieser Logik war es also nötig, die Anerkennung ohne die Emanzipation auszusprechen, um eben diese Emanzipation sicherzustellen. Der Fürst Carol zog bedeutenden Nutzen aus dieser Unversöhnlichkcit der vereinigten Opposition. Diese bewies den Mächten, daß ihre Forderung an Rumänien unangebracht und undurchführbar war, daß sie auf unüberwindlichen Widerstand stieß und daß die Kabinette sich schließlich mit einem Minimum begnügen müßten. Er sprach von der großen Aufregung-, die sich besonders der ganzen Moldau bemächtigt hatte, und versicherte, mit vielen dortigen einflußreichen Männern ^gesprochen und sie auf die vom Auslände drohenden Gefahren hingewiesen zu haben, allein alle sahen nur die unüberwindlichen Schwierigkeiten und befürchteten sogar Ausschreitungen. „Den Metropoliten von Jassy hatte ich zwei Stunden vorgenommen, ihn beschwörend, Frieden und Eintracht zu predigen und sich toleranter als alle zu zeigen. Als er mir entgegnete, die christliche Moldau dürfe nicht den Juden ausgeliefert werden, machte ich ihn darauf aufmerksam, wie gefährlich es sei, solchen Ideen Nahrung zu geben, und bat ihn zum Schluß, seinen Einfluß aufzubieten, um der Regierung ihr Werk zu erleichtern/' Bei der uns bekannten Wahrheitsliebe des Fürsten und angesichts der Tatsache, daß der rumänische Klerus sich überhaupt nicht in die Politik mengte, darf man getrost annehmen, daß der Fürst den Metropoliten zur Opposition anfeuerte, aber es mit glatter Rede so anstellte, daß der Kirchenfürst diese Meinung für seine eigene halten mußte. Was aber die befürchteten Ausschreitungen anbetrifft, so muß hervorgehoben werden, daß das Volk, trotz der heißen Wahlschlachten zwischen den Parteien, trotz der zügellosen 'Judenhetze, sich den Juden gegenüber durchaus freundlich verhielt. Nur eine einzige Ausschreitung kam, vor. Am23. März wurde der allgemein geachtete Jassyer Oberrabbiner Schon* zu Grabe getragen. Als der Leichenzug in der Nähe des jüdischen Krankenhauses anlangte, flog aus dem Hof des gegenüberliegenden Hauses eines Popen ein Hagel von Steinen und Kot auf den Sarg und die ihn begleitende Menge. Mehrere Juden drangen darauf in den Hof und zertrümmerten einige Fensterscheiben. Die Polizei schritt ein und bald war die Ruhe wieder hergestellt. Die Frau des Popen, die nach den telegraphischen Meldungen schwer verwundet worden war, erschien am nächsten Tage kerngesund und wohlbehalten vor Gericht, um Zeugnis abzulegen. Der Vorgang zeigt, wie wenig die Juclen den Zorn des Volkes zu fürchten hatten, und daß die Animosität gegen sie nur in der Kaste der „Intelligenz" herrschte, (Mehrere der „Auf rühr er" wurden übrigens zu schweren Strafen verurteilt — ganz anders, als im Prozeß Cimara.) Das rumänische Volk weigerte sich beharrlich, die ihm zugeschriebene Abscheu vor den Juden durch Taten an. den Tag 7X\ legen. Am 15. April schrieb Fürst Carol an seinen Vater : „Auch eine andere schwierige Frage tritt an uns heran, von deren Lösung die Ernennung eines deutschen Gesandten in Bukarest abhängen soll — der Rückkauf unserer Eisenbahnen, über den schon seit Jahren verhandelt wird, der aber bisher an den drückenden Bedingungen der Berliner Bankiers gescheitert ist. Die deutsche Regierung dringt jetzt energisch darauf, die Angelegenheit zum Abschluß zu bringen, indem sie erklärt, daß vom Rückkaut der Eisenbahnen ihr ferneres Wohlwollen für Rumänien abhängen werde. Hier wünscht man zwar, in den Besitz der Eisenbahnlinien zu gelangen, findet sich aber durch diese Pression unangenehm berührt . Juden frage und Ankauf der Bahnen sind zwei große Probleme, daß sie sich kaum gleichzeitig bewältigen lassen. In beiden Angelegenheiten macht sich der E i n f 1 u ß Bleich r ö ders ge! - tend." Am 26. April antwortet der Vater des Fürsten : „Was nun Eure Differenz mit den Berliner Eisenhahnaktionären betrifft, so bin ich leider in dieser Frage gar nicht orientiert. Es ist sehr merkwürdig, daß die Presse dieselbe totgeschwiege n h a t. —B leichröder ist eine Finanzmacht, welche Bismarck sehr zustatten kom m t." Man muß sich diesen Briefwechsel merken, denn hier wird zum ersten Male die Judenfrage mit