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Ost und West · 1918-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1918) · p. Seite 117 - 118

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1918)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1918-03-01
Page
Seite 117 - 118 (sequence 4)
Language
German
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117 Rumänien und seine Juden. 118 der westlichen Zivilisation sich zu eigen machten? Wir haben aber gesehen, daß sie sich lange zuvor für reif genug hielten, um ihrem Lande eine radikalfreiheitliche, der belgischen nachgebildete Verfassung zu geben, mit unumschränkter Preßfreiheit und Schwurgerichten, obgleich diese einen hohen Grad von allgemeiner Volksbildung und entwickeltem Rechtssinn voraussetzen. Wenn aber Bratianu darauf hinwies, daß Europa sich den größten Teil seiner Juden mit Feuer und Schwert vom Halse geschafft hatte,, so waren allerdings die hierfür geeigneten Zeiten selbst in Rumänien längst vorüber. Aber trotz ihrer offenbaren Unwahrhaftigkeit und Absurdität verfehlte die Rede Bratianus die Wirkung nicht, denn sie fand in Europa bereits einen gut vorbereiteten Resonanzboden. Auch nach innen hatte die Regierung einen Erfolg zu verzeichnen. Am 25. März nahmen beide Kammern endgültig den Beschluß an, die Konstituante solle den Artikel 7 abändern. Der Fürst Carol verlieh bei dieser Gelegenheit allen Parlamentarien die neugestiftete Denkmünze „für die Verteidigung der Unabhängigkeit". Die Wahlen zu der Konstituante wurden für die Deputiertenkammer auf den 15., 17., 19. und 21. Mai, für den Senat auf den 23. und 25. Mai festgesetzt. Am 27. Mai sollten die beiden Universitäten Bukarest und Jassy ihre Vertreter wählen. Die neugewählten Kammern sollten am 5. Juni zusammentreten. Am 15. April schrieb der Fürst Carol an seinen Vater erleichtert: „Damit" (nämlich mit der Parlamcntsabstimmung vom 25. März) „haben wilden ersten Abschnitt der gefahrvollen Campagne, die uns durch den Berliner Vertrag aufgezwungen ist, glücklich hinter uns: das Land hat die Notwendigkeit der Abänderung des Artikels 7 anerkannt. Jetzt kommt der zweite und schwierigere Abschnitt; die Abänderung selbst, deren Ausführung die Vornahme einer sozialen Revolution auf friedlichem Wege bedeutet." Das war erheblich verfrüht. Zunächst hatte das Land 'die Notwendigkeit der Abänderung des Artikels 7 .noch gar nicht eingesehen, denn, wie sich bald zeigte, ging die ganze Opposition in dem Wahlkampf gegen die Regierung mit dem Programm, daß der Artikel 7 beibehalten werden müsse, andererseits waren die Kabinette von diesem Beschluß keineswegs befriedigt. Liteano berichtete nämlich am 2V). März aus Berlin, daß keine Hoffnung auf Anerkennung durch Deutschland vorhanden sei, so lange die neuen Kammern nicht ausgesprochen hätten, welche Rechte sie den Andersgläubigen gewährten; nach den Aeußerungen der rumänischen Presse und den Debatten im Parlamente befürchte man in Deutschland, daß diese Rechte auf das geringste beschränkt werden sollten, und das häufige Ansuchen der rumänischen Regierung um Anerkennung (ohne Vorleistung) habe den Verdacht .erregt, daß Rumänien sich seinen Pf lichten zu entziehen bestrebe. Und der rumänische Geschäftsträger in Paris hatte noch vor Abschluß der Debatten im Senat von Waddington die Erklärung vernommen, daß „die Mächte erst dann die Unabhängigkeit Rumäniens anerkennen würden, wenn sie über die Bedingungen Gewißheit erhalten haben, unter denen die Juden die bürgerlichen Rechte erlangen könnten/'' Die englische Regierung aber ließ unumwunden wissen, daß sie nicht daran denke, das aufgetauchte Projekt einer „individuellen Naturalisation'* als eine genügende Erfüllung des Berliner Vertrages zu betrachten. Der Vater des Fürsten Carol schrieb: „Buchstäbliche Erfüllung des Berliner Vertrages wird aber conditio sine qua non sein,, denn auch in letzter Stunde wird weder England, noch Frankreich, noch Deutschland, noch Italien mildernde Umstände gelten lassen." Fürst Carol aber sah den stürmenden Wogen ruhig zu und lachte sich ins Fäustchen. Er steuerte gelassen auf sein Ziel los und war sicher, es zu erreichen. DER WAHLKAMPF. Die Parteien waren in den Wahlkampf eingetreten. Das , Kriegsgeschrei lautete: für oder gegen Bratianu (die ganze Judenfrage war ein zufälliges Aushängeschild geworden). Das Kabinett Bratianu hatte es auf sich genommen, durch Abänderung der Verfassung die europäischen Kabinette zur Anerkennung Rumäniens zu bewegen. Die Gegner gaben die Losung aus .- fort mit dem Kabinett Bratianu! Wir wählen in die Konstituante nur solche Deputierte und Senatoren, die die Abänderung der Verfassung ablehnen, dann muß Bratianu weichen. Wie bereits oben angedeutet, verbanden sich die Konservativen (Bojaren) mit der erzliberal schillernden Moldauer Fraktion gegen das Ministerium. Gleichwohl war die Stellung dieser beiden Verbündeten zur Judenfrage grundverschieden. Die konservativen Bojaren wollten nur Bratianu stürzen, dann aber, sobald sie das Heft in die Hand bekamen, waren sie gewillt, dem Artikel 44 die weitestgehenden Zugeständnisse zu machen. Die Moldauer Fraktion dagegen war „fest entschlossen, sich der Emanzipation der Juden unter allen Umständen zu widersetzen und die dahin zielenden Bestrebungen bis aufs Messer zu bekämpfen*'./ Merkwürdigerweise hatte sich auch Cogalniceano, der eifrige Befürworter der Juden, der Moldauer Fraktion angeschlossen. Es hieß, er wäre aus persönlicher Verstimmung . gegen den Fürsten zur Opposition übergegangen und wollte das Kabinett stürzen helfen. Die vereinigte Opposition gab nun das Losungswort aus, „es sei in die kommende Konstituante keiner zu wählen, bevor er sich nicht verpflichtet hat, gegen die Revision, des Artikels 7 zu stimmen, im Falle, daß die Krone sich nicht entschließen würde, das jetzige Kabinett in dem Sinne umzugestalten, daß auch die genannten beiden Parteien in ihm vertreten seien!" Hier also lag der Flase im Pfeffer! * * * Mittlerweile war dem Ministerpräsidenten Bratianu ein warmer Verteidiger entstanden in — der Wiener „Neuen freien Presse''! Diese führende Zeitung des österreichischen, man darf sogar' getrost sagen, des mitteleuropäischen Liberalismus und Sprachrohr des Grafen Andrassy, war noch vor einem Jahre als „Judenblatt" verschrien worden, die Rumänen drohten, für seine Haltung an den Juden ihres Landes blutige Rache zu nehmen; es bekämpfte Bratianu mit besonderer Heftigkeit und bereitete ihm bei seiner Ankunft in Wien einen

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