Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1918)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 115 - 116 (sequence 3)
- Language
- German
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115 Rumänien und seine Juden. 116 Staaten nur zum Vorteil, weil jene erleuchteten Israeliten ihre ganze Intelligenz, ihre ganze Aktivität dem Dienste jener Länder weihen, während die hiesigen Juden in der Kultur noch ganz zurück sind und man unter ihnen keinen einzigen Dichter, keinen einzigen Musiker, keinen einzigen Gelehrten, keinen Großindustriellen, keinen einzigen Mann der Wissenschaft findet. Einen einzigen halten wir, den seligen J u - 1 i u s Barasch, und den hatte Rumänien als einen seiner beliebtesten \Söhne anerkannt. Wie könnte also jemand glauben, daß Europa uns die Pflicht auferlegen wollte, den Juden in, Massen Tür und Tor zu öffnen? Die Lösung der Judenfrage kann nicht früher als höchstens in einem halben Jahrhundert erfolgen;' Die Haltung der Moldauer Fraktion sei zu verwerfen, durch ihre Verweigerung jedes Zugeständnisses habe sie die liberale Partei gespalten und geschwächt und. in Europa die Meinung erweckt, als gäbe es hierzulande eine Bevölkerung von einer halben Million, die unter dem Druck eines unerbittlichen Hasses stehe und steten Gefahren ausgesetzt sei. Sollte sich diese Meinung befestigen oder gar durch eine Tatsache bekräftigt werden, so könnten daraus für das Land unerhörte .Schwierigkeiten erwachsen. Der Artikel 7 müsse also unbedingt abgeändert werden. Die einzige Rettung vor der drohenden Gefahr, von den Israeliten überflutet zu werden, bestehe in der Schaffung solcher Institutionen und Gesetze, die die sozialen, wirtschaftlichen, nationalen und politischen Interessen wirksam schützen sollen. * * * Der langen Rede kurzer Sinn war also, daß man genau dort stand, wie zu Beginn des Kampfes. Die Regierung drang auf eine Abänderung (noch nicht Abschaffung) des Artikels 7, um das Prinzip der Gleichheit der Konfessionen vor dem Gesetz (scheinbar) in die Verfassung einzuführen und Europa zu befriedigen. Dafür, daß diese Gleichheit eine Phrase blieb, wollte sie schon durch! „schützende*' Gesetze und Institutionen sorgen. Von der Erteilung des Indigenats (Staatszugehörigkeit) an die Juden wollte auch sie nichts wissen. Die Erteilung der Bürgerrechte und Aufhebung der Ausnahmegesetze war ganz unter den Tisch gefallen. Das sollte ihr großer, in schwerem Kampf gegen die Opposition errungener Sieg sein, für den Europa ihr den Lorbeerkranz um die Stirn zu winden hatte, in Gestalt der Anerkennung Rumäniens. Die Opposition nämlich war noch lange nicht bereit, auch nur dieses Zugeständnis zu machen, und beharrte auf Beibehaltung des Artikels 7, den die Regierung abgeändert wissen wollte, ohne jedoch zu sagen, was an dessen Stelle zu kommen hätte.. Bezeichnend für diese Rede Bratianos. die in verkürzter Form sämtliche bis dahin und nachher gegen die Juden vorgebrachten Anklagen enthält, ist es zunächst, daß sie deren Anzahl um mehr als das Doppelte übertreibt. Nach der beglaubigten Statistik gab es nämlich damals in Rumänien wenig mehr als zweihundertfünfzigtausend Juden. Sodann suchte Bratiano den Anschein zu erwecken, daß sein Land «von einer „Invasion ausländischer Juden" überschwemmt zu werden Gefahr lief, als! ob an den Grenzen Rumäniens ihrer Hunderttausende nur auf die Dekretierung der Emanzipation warteten, um massenhaft in dieses1 Land einzudringen. In Wirklichkeit wanderten einheimische Juden unaufhörlich von dort aus, nur v ereinzelte, unternehmungslustige, ka pitalkrä f tige Elemente unter den ausländischen Juden siedelten sich in Rumänien an, angelockt von dem erstarkenden wirtschaftlichen Leben an der unteren Donau, an dessen Emporblühen sie den regsten Anteil nahmen und zu dem sie vielleicht das! meiste beitrugen. Diese ausländischen Juden waren den rumänischen Machthabern sehr willkommen und lebten unbehelligt unter dem Schutz ihres jeweiligen Heimatstaates. Unter den Ausnahmegesetzen, denen ihre eingeborenen Glaubensgenossen unterstanden, hatten sie nicht zu leiden und nach den Rechten eines rumänischen Vollbürgers trugen sie kein Verlangen. So bildete sich in diesem Lande die Anomalie heraus, daß ausländische Juden es hier ungleich besser hatten, als ihre einheimischen Glaubensgenossen, die alle Lasten des Bürgers, einschließlich der Blutsteuer, tragen mußten. Diese Schilderung Rumäniens, als von einer Judeninvasion bedroht, war auf das Ausland berechnet; dem gleichen Zweck diente es auch, die Juden in den schwärzesten Farben zu malen und sie als völlig kulturlos hinzustellen, sie-in den Augen von Westeuropa herabzusetzen, da sie keine Philosophen, Gelehrte, Künstler und Schriftsteller in ihrer Mitte zahlten. Als wären die Bürgerrechte eine Prämie für wissenschaftliche und künstlerische Leistungen, und als wären die christlichen Rumänen, die sich aller Rechte erfreuten, lauter Denker, Forscher, Dichter, Maler, Bildhauer und 'Schriftsttellcr von europäischejm Ruf. Das Komische an der Sache ist, daß an dem Ausbau dessen, was in' Rumänien von ,,rumänischer" Wissenschaft vorhanden ist,' nämlich der rumänischen Sprachwissenschaft und Philologie, ein sehr großer Anteil einigen Juden gebührt. Nicht minder komisch wirkt es, die „Reinheit der lateinischen Rasse" von einem Staatsmann wie Bratianu verteidigt zu hören, der ein Bulgare von Geburt war, dessen Vater Brat Jano (Bruder Johann) hieß, noch nicht gut rumänisch sprach, der selber sich noch öfter im Privatleben mit Vorliebe des Bulgarischen bediente, die meisten führenden Staatsmänner Rumäniens waren Fremde (veneteci Neuankömmlinge). . Die Pherekidi, LIeraklidi, Polychromiades, Pontes, Mavrogheni, Mavrokordato, Ghermani, Lahovary, waren Griechen aus dem Phanar, die mit den phanariotischen Wojwoden ins Land gekommen und Jahrzehnte hindurch dessen ärgste Bedrücker waren. Die griechischen Mönche besaßen den besten Teil des urbaren Bodens, und sie enteignet zu haben, wurde dem Fürsten Cusa als' eine seiner verdienstvollsten Taten angerechnet. Die Ghicas und D'juvaras> waren albanesischen, Rosetti und Vizanti italienischen Ursprungs. Der dreihunderttausend Zigeuner, der hunderttausend Armenier, die emanzipiert und völlig gleichgestellt worden waren, gar nicht zu gedenken. Wahr ist, daß in Europa Jahrhunderte dahingegangen waren, bis den Juden Gleichberechtigung gewährt wurde. Aber es hat auch Jahrhunderte gedauert, bis die technischen Erfindungen,, Eisenbahnen, Telegraphen, Automobile eingeführt wurden, auch die sozialpolitischen Einrichtungen, wie allgemeine Schulpflicht, geordnete Statistik, Volkszählung, sogar einfache sanitäre Verbesserungen, wie Kanalisation, Straßenreinigung haben Jahrhunderte auf sich warten lassen. Beabsichtigten die Rumänen, sich noch Jahrhunderte Zeit zu nehmen, bis sie alle diese Errungenschaften