Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1918)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 113 - 114 (sequence 2)
- Language
- German
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113 Rumänien und seine Juden. 114 JUDENDEBATTEN IM RUMAENISCHEN PARLAMENT. Das Niveau, auf dem sich die Judendebatten in den rumänischen Kammern hielten, war jämmerlich niedrig-. Die ganze damals vorhandene judenfeindliche Literatur wurde weidlich geplündert, am meisten das bekannte armselige Pamphlet des getauften Juden Brafman über die jüdische Gemeindeorganisation. Was am stärksten auffällt, ist, daß auch die heftigsten Reden einen Ton echten, leidenschaftlichen, aus tiefster Seele kommenden Hasses vermissen lassen. Alles ist gemacht, künstlich hergestellt, ausgeklügelt, denn im Grunde war das alles ja nur Pose und parteipolitische Schablone, wirklichen Haß gegen die Juden empfand im innersten Herzen keiner dieser Judenfresser. Daher zündeten''' die Reden nur im Auslande: in Rumänien selber machten sie auf das Publikum gar keinen Eindruck. Während die Erwählten des Volkes auf die Juden Schwefel und Pech nicdciregnen ließen, ging das Volk ruhig seinen alltäglichen Beschäftigungen nach. Alle Redner überquollen förmlich von Beteuerungen, daß in Rumänien von religiöser Unduldsamkeit niemals die Rede sein könne, weder in der Vergangenheit, noch in der Gegenwart, noch in der Zukunft. Aber das Land müsse vor der Invasion einer halben Million fremder Juden geschützt werden, die die Reinheit der lateinischen Rasse und des Christentums bedrohe. Eine volle Schale des Zorns ergoß sich über die Allianee Israelitc Universelle. Die Legende von der Allgewalt dieser Gesellschaft,, die über Völkern und Königen stehe und Europa im geheimen regiere, wurde damals, wenn nicht erfunden, so doch mit größtem Nachdruck verkündet und verbreitet. Sie hat seither in der antisemitischen Propaganda die größte Rolle gespielt, noch mehr Schaden hat sie dadurch gestiftet, daß sie zum Teil selbst bei den Juden Glauben fand und sie zu der Meinung verleitete, geheimnisvolle Schutzengel wachten über ihr Schicksal und sie wären aller Sorge um die Zukunft enthoben. „Das ganze Uebel kommt von der Allianee", sagte einer der Redner. ,.Sie hat sich wahrscheinlich unerlaubter Mittel bedient, um die Ergebnisse des (russisch-türkischen) Krieges zu altcrieren, und ist dann zu einer furchtbaren Macht herangewachsen. Sie ist nach Berlin gegangen, hat hier beharrlich intrigiert und alles angewandt, um zu erreichen, daß uns der Artikel 44 als Vorbedingung unserer Anerkennung auferlegt wurde." Ein anderer sagte: „Die Allianee will nicht, daß die Juden aufrichtig ergebene Bürger unseres Landes würden. Das Ziel der Allianee ist, die Israeliten in der Abgeschlossenheit zu erhalten und ihre Assimilation zu hintertreiben. Die Allianee strebt danach, die ganze Welt zu beherrschen und sie zu verjuden. Die Juden, diese Barbaren, wollen, von der Allianee angeleitet, in Massen nach Rumänien eindringen, um die Rumänen zu vernichten. Sie korrumpieren das Volk. Sie werden hier, wie sie das in anderen Ländern getan, die Kommune einführen, denn sie sind die Häupter der Communards. Man weiß ja, daß sie, als Angehörige der französischen Armee, während der Belagerung von Paris, den Bürgerkrieg entfacht und die Hauptstadt von Frankreich in Brand gcg'csteckt haben." In diesem Tone ging es tagelang einher. Ueber das eigentliche Thema, die Erfüllung der Bedingungen des Berliner Vertrages, verlor man nicht viel Worte. Als Merkwürdigkeit muß hervorgehoben werden, daß Boercsco, der einige Monate darauf die ganzen Hoffnungen und Anspräche der Juden für immer begrub, in der Senatsdebatte die Notwendigkeit, den Artikel 44 loyal durchzuführen, mit großem Nachdruck verteidigte, die vollständige Emanzipation der eingeborenen Juden forderte und hervorhob, daß deren Zahl mit Absicht ins ungeheure ubertrieben werde; er wies nach, daß die bloße Aufhebung des Artikels 7 der Verfassung keine Erfüllung der Bedingungen des Berliner Vertrages bedeutete. Seine Stimme verhallte völlig ungehört. Peter Carp, der Führer der Junimisten oder Jungkonservativen, war der einzige, der im Senat als warmer Verteidiger der Juden auftrat. Folgender Passus aus seiner Rede verdient wiedergegeben zu werden: „Wenn Sic sich vor den Juden schützen wollen, arbeiten Sie und bilden Sie sich. In allen Kammersessionen, sooft die Judenfragc verhandelt wurde, wiederholte ich dies eine Wort. Seit dem Jahre IStKi stehe ich in einem unaufhörlichen Kampfe gegen die nationalliberalc Partei (Bratianus und Rosettis); immer sage ich, das einzige Mittel, das uns retten kann, besteht in der wirtschaftlichen Aktivität, in der Konkurrenz der Juden sehe ich nur einen Stachel für uns, um unsere ökonomischen Reichtümer zu entwickeln. Meine Ucberzcugung ist die: wenn es uns gelänge, alle Juden aus dem Lande zu jagen, so würden wir, anstatt wirtschaftlich fortzuschreiten, in unsere traditionelle Trägheit verfallen und zu dem Zustand zurückkehren, in dem wir uns vor fünfzig Jahren befanden." Der Ministerpräsident Bratiano hatte nach zwei Fronten zu kämpfen. Es galt für ihn, der Opposition wenigstens die Aenderimg des Artikels 7 und irgend einen Anfang, irgend einen Schein von Emanzipation abzuringen und gleichzeitig die europäischen Mächte zu bewegen, daß sie sich mit dem Errungenen zufrieden gaben. Am 17. März hielt er im Senat eine lange Rede, die zweieinhalb Stunden dauerte und in der er die ganze „Judenfrage aufrollte". Er verwahrte sich, wie alle seine Vorredner, dagegen, als wäre die Judenfrage eine religiöse Frage; religiöse Intoleranz sei in Rumänien undenkbar. Die Frage sei eine soziale, ökonomische, eine nationale, eine internationale und eine Sittenfragc. Denn eine in ihren Sitten bedrohte Nation sei dem Untergange geweiht. Der Berliner Vertrag habe im Artikel 44 bloß ein Prinzip aufgestellt, dessen Durchführung im einzelnen aber ganz der rumänischen internen Gesetzgebung überlassen sei. „Kann Europa von uns verlangen, daß wir diese Frage -mit einem Feder- { zug lösen? "Wieviele Jahrhunderte sind dahingegangen, bis Europa diese Frage für sich löste? Nach Jahren des Fortschrittes und auch da erst dann, nachdem es, durch Feuer und Schwert durchgehend, den größten Teil seiner Juden sich vom Halse geschafft hatte... Kann man glauben, daß Europa trotz aller Intrigen es nicht schon längst begriffen habe, daß die Rumänen einen Selbstmord begehen würden, wenn sie bei einer Eingeborenenbevölkerung von fünf Millionen einer halben Million Juden das Indigenat erteilen würden? Eine solche Verpflichtung kann uns Europa nicht auferlegen wollen. Wenn in den Parlamenten von Wien, Paris. Berlin, London und Rom Deputierte israelitischer Konfession sitzen, so gereicht das jenen