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Ost und West · 1918-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1918) · p. Seite 111 - 112

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1918)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1918-03-01
Page
Seite 111 - 112 (sequence 1)
Language
German
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III Rumänien und seine Juden. 112 RUMAENIEN UND SEINE JUDEN. Von Dr. S. Schiffer. XI. VOR DEM STURM. Der Vater des Fürsten Carol, der die Lage von einer höheren Warte überblickte, schrieb anfangs Februar an seinen Sohn: „Schon um den Mächten jeden Vorwand zur Nichtanerkennung zu nehmen, wäre es überhaupt wünschenswert, wenn ihr eure ominöse Judenfrage schleunigst zum Austrag brächtet, zumal, da mit dieser Anerkennungsfrage so viele andere Fragen zusammenhängen, deren Nichtlösung am Ende das Nationalgefühl ernstlich beleidigen muß, daß es höchste Zeit ist, die politische Gleichstellung der Juden sans phrase zu vollziehen." Und am 19. Februar berichtete Kallimachi- Catargiu aus Paris, daß iauch Waddington das Hinausschieben der Judenfrage mißbilligte. Bratiano hatte also in Paris ebensowenig ausgerichtet, wie Rosetti in London und Rom. Was die Rumänen bis dahin zugestanden hatten, war die Notwendigkeit, in Erwägung zu ziehen, den Artikel 7 abzuändern. Der soeben geschilderte allseitige Druck von außen bewirkte, daß am 25. Februar die Vorlage, eine Konstituante zusammenzuberufen, mit der ausdrücklichen Bestimmung, den besagten Artikel abzuändern, in erster Lesung beschlossen wurde. Also in acht Monaten war erst ein so schmaler Streifen Bodens gewonnen. Die Abänderung des Artikels 7, welche der Fürst gleich nach Unterzeichnung des Berliner Vertrages als notwendig bezeichnete, war, und dies auch nur in erster Lesimg beschlossen; was an Stelle dieses! Artikels kommen sollte, stand noch dahin, und von der Hauptfrage, der Aufhebung der Ausnahmegesetze, war nicht die Rede. * * * Fürst Bismarck ignorierte den rumänischen Geschäftsträger in Berlin vollständig, und hatte in Bukarest keinen Vertreter. Er ließ durch den Grafen Andrassy bei Campineano anfragen, wann endlich die Judenfrage geregelt werden sollte. Fürst Carol war über diese Form tief verletzt, Andrassy fügte aus eigenem den wohlgemeinten Rat hinzu, man möge nur aufrichtig an die Piersteilung der bürgerlichen Gleichheit aller Konfessionen gehen, dann werde die Verstimmung Deutschlands sich schon legen. Campineano antwortete mit dem Plinweis auf das letzte Kammervotum als auf einen „Anfang zur aufrichtigen Durchführung der Rechtsgleichheit aller Bewohner Rumäniens ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses". Am 6. März berichtete Liteano aus "Berlin, die deutsche Regierung habe befriedigt von der ersten Lesung des Beschlusses der Verfassungsänderung Kenntnis' genommen und hoffe, daß nunmehr der Anerkennung Rumäniens von seiten der Mächte nichts mehr im Wege stehen werde. Dagegen berichtete Kallimachi-Catargiu gleichzeitig aus Paris, Waddington habe sich geäußert, die Mächte würden erst dann die Unabhängigkeit aussprechen, wenn sie „über die Bedingungen Gewißheit erhalten haben würden, unter denen die Juden bürgerliche Rechte erhalten können". Vier Tage zuvor, am 2. März, erhielt Baron Henri de Worms, der Präsident der Anglo JewishAssociation, von Lord Salisbury ein Schreiben, in welchem dieser versicherte, daß «die Regierung alle Anstrengungen machen werde, um die Ausführung des Artikels 44 des Berliner Vertrages zu sichern. Am 4. desselben Monats beantwortete der Schatzkanzler N o r t h o c e im Unterhause eine Anfrage des Abgeordneten Simon dahin, daß die Regierung entschlossen sei, bei Anerkennung Serbiens und Rumäniens auf die Durchführung des Gleichberechtigungsartikels zu bestellen. Dieser gewaltige Druck hatte die Bedeutung der Opposition in den rumänischen Kammern erheblich gestärkt. Sie verteidigte jetzt das Vaterland gegen die vereinigten Mächte von ganz Europa welche, im Dienste der geheimnisvollen, schier unüberwindlichen Gewalt des Judentums, sich darauf verlegt hatten, aus dem armen Rumänien „ein neues Palästina" zu machen, wie die russischen Diplomaten sich ausdrückten. Der Weizen der Moldauer Fraktion blühte, ihr Anhang wuchs und mit ihm der russische Einfluß. Fürst Carol und seine Minister befanden sich in Bedrängnis. Alle diese Stimmungen kamen in den Debatten zum Ausdruck, die in den rumänischen Kammern im Monat' März stattfanden. Man muß dabei im Auge behalten, daß damals der Antisemitismus in Deutschland aufkam und seine ersten, anfangs schüchternen, dann immer kühneren Vorstöße in die Welt hinaussandte. Das Verhältnis Bismarcks zu den Liberalen unter Führung von Lasker und Bamberger fing an, wankend zu werden, der vollständige Bruch ließ nicht mehr lange auf sich warten. In der Publizistik trat unter Führung Treitschkes eine immer feindseligere Stimmung gegen die Juden an den Tag. Die Debatten im Bukarester Parlament fanden einen Widerhall„ der ihrer Bedeutung in keiner Weise entsprach. Die Hauptstadt Rumäniens war voll von ausländischen Korrespondenten, die jeden Erguß der Redner in alle Windrichtungen hinaustelegraphierten. Der Fürst Carol, ein Meister in der Behandlung der Presse, sorgte dafür, daß ganz Europa gründlich über das schwere Verhängnis aufgeklärt wurde, welches in der Form Jder Judenfrage auf sein armes Land drückte. Die Führer der immer mehr erstarkenden antisemitischen Bewegung in Deutschland schlürften mit gierigem Ohr die aus dem Wetterwinkel im Südosten von Europa kommenden Töne. Eine unerwartete Hilfsgruppe war ihnen hier entstanden. Ein ganzes Parlament erhob sich wie ein Mann und klagte die Juden, allei Juden als solche, an. Rumänien wurde auf einmal das Idealland, der Musterstaat, der Europa voranleuchten konnte. Und in der Tat, Rumänien, das auf so vielen Gebieten von Europa hätte lernen können und sollen, ist auf einem Gebiete der Lehrmeister Europas geworden: auf dem Gebiete des Antisemitismus. Die meisten Schlagworte, mit denen diese Bewegung seither arbeitete, waren in Bukarest geprägt worden.

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