Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1918)
- Article
- Sein oder Nichtsein?
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 107 - 108 (sequence 8)
- Language
- German
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107 Sein öder Nichtsein? 108 gestelltes seien, das man nach Belieben anlegen oder abtun könne, sondern unter bestimmten historischen und ethnologischen Bedingungen geworden und gewachsen sind, und darum' respektiert werden müssen. Die Menschen fingen an, einander Verständnis entgegenzubringen, das religiöse Leben gewann an Verinnerlichung, und die Religionen wurden duldsamer gegeneinander. Es wäre unbillig, den so ganz anders gearteten Menschen des Mittelalters ob ihrer Unduldsamkeit zu grollen. Was aber kann die Intoleranz und die gegenseitige Vernichtungswut unter den Nationalitäten in der Gegenwart rechtfertigen, oder auch nur entschuldigen? Die verschiedenen Nationalitäten schließen einander nicht nur nicht aus, sondern sie bedingen sich gegenseitig, sie haben eine die andere nötig, jeder ist ein bestimmter Teil der Kulturarbeit zugewiesen, den die andere gar nicht zu vollbringen imstande wäre. Wenn die Sprache das vornehmste Merkmal der Nationalität ist, so kann ein Kulturmensch' zwei oder mehrere Sprachen gründlich beherrschen, und ohne che Liebe zu seiner eigenen im geringsten zu beeinträchtigen, auch die fremde innig lieben, gleichwie die Elternliebe sich mit der Liebe zu fremden Menschen verträgt. Ja, man kann die Muttersprache erst dann verstehen, wenn man eine fremde gründlich erlernt hat. Die Grenzbewohner zweier Länder sind sogar immer zweisprachig. Seine Religion kann ein Mensch wechseln nur mittels eines Aktes der Abtrünnigkeit, indem er gewaltsam mit seiner Vergangenheit bricht, sie abschwört, seine bisherige Gemeinschaft abschüttelt, das Verdam- . rnungsurteil über sie spricht, die alten Bande zerreißt. Das ist unter allen Umständen, mag man es noch so milde beurteilen, ein Akt von höchst fragwürdiger sittlicher Beschaffenheit, und es hat noch keine Religionsgemeinschaft gegeben, die nicht über den Abtrünnigen den Stab gebrochen. Dagegen vollzieht sich der Uebergang von einer Nationalität in die andere bei Hunderttausenden, ja bei Millionen auf die friedlichste und ehrenhafteste Weise, er ist sozusagen ein geographischwirtschaftlicher Prozeß. Wirtschaftliche Motive nötigen zahllose Menschen, in ein anderes Land auszuwandern und sie wachsen langsam in eine andere Nationalität hinein, sie bewahren ihrem alten Vaterlande die herzlichste Erinnerung, aber schon ihre nächsten Nachkommen, oft sie selber nach einigen Dezennien, haben sich ganz mit der neuen Nationalität verschmolzen. Und das Heimatland grollt nicht nur den Auswanderern nicht, sondern sorgt für sie nach Kräften, hält seine schützende Hand über sie, obgleich es sie immer mit Wehmut scheiden sah. Auf diese Weise hat sich der Besiedelungsprozeß ganzer Erdteile vollzogen. Und plötzlich stehen sich die Nationalitäten als unversöhnliche, blutige Feinde gegenüber, versichern, eine müßte die andere auffressen, denn sie könnten neben einander nicht bestehen, die Erde hätte keinen Raum für alle. Das ist der Nationalismus. Sein geistiger Urheber war Napoleon III., das von ihm proklamierte „Nationalitätenprinzip" erschien anfänglich nicht nur harmlos, sondern als Triebfeder zur Pflege und Bewahrung der Eigenart und 'der geistigen Güter jedes einzelnen Volkes wirkte es wirklich kulturfördernd . und befruchtend. Aber Napoleon beabsichtigte damit nur, die Fackel der Zwietracht unter die Nationen zu werfen, das Gefüge starker und großer Staaten zu lockern, um die Herrschaft des französischen Imperialismus über Osteuropa und den nahen Orient zu befestigen. Das Nationalitätenprinzip artete bald in gegenseitige Zerstörungs¬ und Vernichtungswut aus. Was es in seiner Entartung an Unheil gestiftet, überwiegt bei weitem das Wertvolle, das es in seiner ursprünglichen Form gefördert hatte. Der Nationalismus erwies sich als eine schwere Gefahr für den Kulturfortschritt der europäischen Menschheit, ja noch mehr, als eine Gefahr für - den Bestand der kleinen Völkerschaften, die ja das Nationalitätenprinzip schützen sollte. Es war einer der stärksten Anreger dieses Weltkrieges," aber dieser Weltkrieg hat auch den Anfang von seinem Ende herbeigeführt, er läutet schauerlich seinen Niedergang ein. Die kommenden Generationen werden den Nationalismus als eine der verhängnisvollsten und traurigsten Verirrungen der Menschheit ansehen, und über die ihm entflossenen Lehren ein scharfes Urteil fällen, ein schärferes, als wir Heutigen über den Religionshaß 'des Mittelalters.