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Ost und West · 1918-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1918) · p. Seite 105 - 106

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1918)
Article
Sein oder Nichtsein?
Date
1918-03-01
Page
Seite 105 - 106 (sequence 7)
Language
German
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105 Sein oder Nichtsein? 106 gestrichen ist. Und zwar geschieht das alles im1 iNamen der Kultur, deren höhere und reichere Formen angeblich das Recht und die Pflicht haben, die niederen und ärmeren Formen auszutilgen, um sich an deren Stelle zu setzen. Dabei vergißt man, daß jedes Volk einmal auf einer niederen und ärmeren Kulturstufe sich1 befand, und daß auch das ärmste und niederste sich im Verlaufe der Zeit zu entwickeln vermag, wenn nur sein Gang aufwärts nicht gewaltsam unterbrochen wird. Jedes Blatt der Völkergeschichte ist Zeuge dafür. Wir lächeln heute unter Grauen über die Religionskämpfe des Mittelalters, in denen die Menschen einander zerfleischten, weil einer dem anderen seine Glaubenssätze- und -formen aufzwingen wollte. Wir geben uns aber keine Rechenschaft darüber, daß die nationalistische Intoleranz ungleich sinnloser und verwerflicher ist, als die religiöse. Jede Religion sehließt grundsätzlich jede andere aus, es können nicht zwei zugleich wahr sein, und kein Mensch kann sich gleichzeitig zu zweien bekennen. Entweder es gibt nur eihen Gott, oder es gibt mehrere Götter; entweder ist der Messias bereits gekommen, oder er wird erst in Zukunft erscheinen, entweder war Jesus von Nazareth der Sohn und Abgesandte Gottes, oder Mohammed war sein letzter Prophet, der die einzige Wahrheit in die Welt gebracht. Und da die Menschen des Mittelalters überzeugt waren, daß ihr Heil sowie das des Nächsten, im Himmel und auf Erden, einzig davon abhing, daß sie eine dieser Lehren bekannten, so war es nicht Bosheit, sondern eher das Gegenteil, was' sie bewog, die Lehre, die sie für ausschließlich wahr hielten, den anderen mit alier Gewalt einzuflößen. Der heilige Augustinus sagt einmal, Toleranz gegen Andersgläubige oder Ketzer sei die größte Lieblosigkeit, ja Grausamkeit, da sie zulasse, daß der andere der ewigen Verdammnis anheimfalle. Was galten die furchtbarsten Marterqualen des sterblichen Leibes im Vergleich mit der ewigen Höllenpein, die die unsterbliche Seele des Ungläubigen oder Irrgläubigen erwarteten? Dabei vermochte die unentwickelte Psychologie nicht zwischen äußerlichem Bekennen und innerlichem Gläubigsein zu unterscheiden, und meinte, der Mensch brauchte nur mit den Lippen etwas auszusprechen, der Glaube würde sich schon hinterher von selber einstellen. (Das hat ja bis zu einem gewissen Grade seine Richtigkeit, wankelmütige Naturen können ja durch häufiges Wiederholen auch das unsinnigste Zeug sich so zu eigen machen, daß sie schließlich daran aufrichtig zu glauben vermeinen.) Wenn sich der Ungläubige aber hartnäckig weigerte, das ihm widerstrebende Bekenntnis abzulegen, so war das eben nichts anderes als Teuf eis werk, Satan wollte seine Seele besitzen. Und man übte nur ein Werk barmherziger Liebe, wenn man seinen sterblichen Leib marterte, räderte, den Flammen überlieferte, um nur seine unsterbliche Seele aus' den Klauen des Höllenkönigs zu befreien. Die Großinquisitoren und ihre Helfershelfer waren nicht etwa von Menschenhaß erfüllt, sondern von aufrichtigem Mitleid mit ihren Opfern und von Sorge um deren ewiges Heil. Die Grausamkeit stellte S'ch bei ihnen erst später ein, als eine Erscheinungsform der Abstumpfung des Gefühls für irdisches Leid, infolge der langjährigen Uebung ihrer „Liebeswerke". Konnten sie ja gegen sich selbst nicht minder grausam sein, als gegen andere, wenn sie wahrnahmen, daß ketzerische Gedanken sich in ihrem Jnnern regten. Die wirkliche religiöse Toleranz — verschieden von der altrömisc'hen, die nur der Gleichgültigkeit gegen alle höheren Probleme und dem Staatsmaterialismus entsprang •— die moderne religiöse Toleranz, obgleich ihre Wurzeln weit in das hebräische und griechische Altertum hinaufreichen, konnte erst auf Grund eines verfeinerten und vertieften Gedankenlebens entstehen,•welches dahinter kam, daß der Wert des Menschen weniger nach seiner Art, zu glauben, als nach der, zu handeln, bemessen werden darf, und nach der Gesinnung, die ihr zugrunde lag. Und da man merkte, daß alle Glaubensgemeinschaften Menschen von edler Gesinnung und edlem Handeln aufwiesen, so kam man auf die Vermutung, daß' den verschiedenen Glaubensarten eine gemeinsame Grundlage eigne, daß sie alle nur getrennte Erscheinungsformen einer gemeinsamen Wahrheit seien, die hinter allen ruhe, über allen schwebe, dem Menschen ewig verborgen. Diese feine Skepsis ließ die Glaubenssubstanz unberührt, sie zerstörte nur die Meinung der Menschen, ihre subjektiven Ueberzeugungen seien allgemein gültig und absolut. Der erwachende historische Sinn zeitigte seinerseits die Erkenntnis, daß die verschiedenen Glaubensformen und Bekenntnisse nicht etwas willkürlich Erzeugtes, künstlich Her-

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