Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1918)
- Article
- Sein oder Nichtsein?
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 103 - 104 (sequence 6)
- Language
- German
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103 Sein oder Nichtsein? 104 Väterchen Zar der Alleinherrscher im heiligen russischen Reich, war. Und für Trotzkis persönliches Verhältnis zum Judentum ist folgendes Gerüc'ht bezeichnend, welches das genannte Blatt vom obigen Datum verzeichnet. Als Trotzki an die Spitze der Bolsc'hewiki trat, um zum Novemberaufstand zu rüsten, erschien bei ihm eine Deputation, bestehend aus den beiden Rabbinern von Petersburg, den Synagogenvorstehern und den Spitzen der jüdischen Gemeinide, und flehte ihn mit Tränen in den Augen an, seine Hand von der Sache zu lassen, da sein Unternehmen die russischen Massen gegen die Juden aufreizen und unabsehbare Leiden über sie heraufbeschwören könnte. Trotzki antwortete: „Meine Herren, ich fühle mich nicht als Jude, ich bin Sozialist und kann mich um das jüdische Volk nicht kümmern." Gleichwohl aber arbeitet, nach der Behauptung seiner Gegner in Rußland und in Deutschland, Trotzki allein im Interesse des internationalen Judentums, er ist ein „Alljude". Jede von beiden großen Parteigruppen in Rußland ist also über die Juden der anderen Partei erbittert, und welcher immer der Sieg zufallen wird, beide zusammen werden es die jüdischen Massen schwer entgelten lassen, daß an der Spitze der anderen, Juden als Führer gestanden. Wären aber die Juden politisch unbeteiligt geblieben, so hätte man daraus gegen sie den Vorwurf abgeleitet, sie hätten kein Interesse für das Gesamtwohl und das Schicksal des Vaterlandes, und dächten nur daran;, aus dem Kampf der Parteien für sich Vorteile' herauszuschlagen. ■ Und gleich wie die Parteien, so haben auch die Stämme und Nationalitäten, wo sie auf gemeinsamem Boden um die Herrschaft ringen, jede im besonderen ihre Prätensionen an uns Juden, und wir können es keiner von ihnen recht machen. Ueberall stellt die Mehrheit an uns die „rechtlich, geschichtlich und sittlich wohlbegründete" Forderung, wir sollen ihr behilflich sein, die Minderheit zu unterdrücken; wobei diese Bezeichnungen nicht etwa ziffernmäßig zu verstehen sind; die „Mehrheit" hat in Europa wer im Besitze der Macht wohnt, der Ohnmächtige ist in der Minderheit. Wir werden überall vorgeschoben und mißbraucht, um mitzuhelfen, die Schwachen zu knebeln. Und wenn schließlich die Gegner, des Kampfes müde, sich aussöhnen und die Vergangenheit vergessen machen wollen, fallen sie vereint über uns her, wir werden als die hauptsächlichen Unfriedenstifter hingestellt, die Haß und Streit geschürt. Auf unsere Schultern wird die beiderseitige Schuld abgeladen, und wir haben dafür zu büßen. Wir erscheinen als der gemeinsame Feind. Nun sind wir selber eine Minderheit in jedem Sinne, sind es immer gewesen. Schon Moses sprach zu uns: „Ihr seid die Wenigen," und das sind wir seither geblieben. Wir existieren allein auf Grund des Rechtes, das jede Minderheit hat, zu leben und zu gedeihen. Wenn wir dieses heilige Recht antasten helfen, haben wir über uns selber den Stab' gebrochen. Es gehört mit zur Tragik unserer Geschichte, daß die Gewalt uns zwingt, das Prinzip zu verletzen, von dem allein wir unsere Daseinsberechtigung herleiten. Wenn wir im Mittelalter als das „gottesmörderische Volk" verlästert und gepeinigt wurden, welches den zur Erde herabgestiegenen Heiland umgebracht, so sollen wir in der Neuzeit zu Völkermordern werden, die man bei der Zersetzung und Vernichtung der kleinen in Abhängigkeit verfallenen Völkerschaften als Werkzeug mißbraucht, um es dann mit Abscheu beiseite zu werfen. Wir sollen mit dem Fluch der Schwachen beladen durch die Geschichte schreiten, an uns soll der historische Makel haften bleiben, daß wir es stets bedientenhaft mit dem Starken halten. Religiöse und n at Nun ist von allen Kämpfen, die die Menschen je untereinander geführt, der Kampf der Nationalitäten der unsinnigste und zugleich der grausamste, letzteres weniger durch die Mittel, mit denen, als wegen der Ziele, um welche er geführt wird. Die Kriege zwischen Staaten werden geführt, um ein Stück Landes zu erobern und zu besitzen, die Kämpfe zwischen i o n a 1 e Intoleranz. Nationalitäten aber, um den Gegner vom Erdboden verschwinden zu machen; es soll ihm sein inneres Wesen, seine Eigenart genommen, seine Kulturentwicklung gehemmt, sein Aufstieg zu höherem Menschentum von der natürlichen Linie abgebogen, er soll auf eine tiefere Stufe hinabgedrückt werden, bis er als Gesamtheit, als Volksganzes aus der Reihe der Lebenden