Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1918)
- Article
- Sein oder Nichtsein?
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 101 - 102 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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101 Sein oder Nichtsein? 102 ein Jude sei, Rappaport heiße und aus Tarnopol stamme. Der Herausgeber der Zeitschrift für Bücherfreunde, Prof. Dr. Witkowski, gewahrte, daß Maurice Barres ein Jude sei; dieser Auvergnate von altem Stamm, der seit einem Menschenalter in Literatur und Parlament die eifrigste monarchistische und klerikal-nationalistische Propaganda treibt, hat natürlich Deutschland gegenüber eine sehr feindliche Haltung eingenommen, darum wird er flugs zum Juden umgeprägt. (Es 'besteht die Glefahr, daß jemand auf die Idee kommen könnte, Herr Prof. Dr. Witkowski sei ebenfalls ein Jude.) D'Annunzio und Barres wechselten 1915 untereinander kriegsbegeisterte lyrische Ergüsse über die Erhabenheit der lateinischen Rasse und die Notwendigkeit ihres Sieges über die Germanen. Aber das war nur Täuschung; in Wirklichkeit führte da nur Israel Zwiesprache mit sich selber. Das Spassigste an der Sache war, daß derselbe „Jude" Maurice Barres gegen einen wirklichen und leibhaftigen Juden erst vor kurzem einen erbitterten Kampf führte, als er sich um den erledigten Sitz Emile Olliviers in der französischen Akademie bewarb — inämlich gegen Henri Bergson, obgleich dieser dem französischen Konservatismus das philosophische Rüstzeug lieferte und die Echtheit seiner nationalistischen Gesinnung nichts zu wünschen übrig ließ. Hält man sich alle diese Tatsachen vor Augen, so vermeint man, es mit einer Art Delirium zu tun zu haben; aber der Krieg hat es nicht erzeugt, sondern nur gesteigert. Eine förmliche Sinnesverwirrung scheint Trotzki angerichtet zu haben. Es gab eine Zeit, da er aller Welt in Deutschland und Oesterreich sehr genehm1 war; die sozialdemokratischen Blätter sangen sogar begeisterte Hymnen auf ihn, als den Bringer des Friedens ohne Annexion und Kontribution; die konservative und die alldeutsche Presse nannte ihn respektvoll Herr Trotzki, aber keiner gedachte, daß er Jude ist; in Frankreich und England war man sehr unzufrieden mit ihm, und daher sprach die Pariser Presse von einem jüdischen Frieden, den Trotzki dem russischen Volke aufdrängen wollte, und die Londoner nannte ihn und seine Genossen eine Bande von Verrätern und versicherte, die Juden hätten vor so und so vielen Jahrhunderten Spanien an die Mauren ausgeliefert. Aber da wendete sich das1 Blatt — und der russische Volksbevollmächtigte für auswärtige Angelegenheiten hieß auf einmal Leo Braunstein, oder Ehren-Braunstein, und seine ganze Tätigkeit war nichts, als „Arbeit im Dienste des internationalen Judentums". Das eben gedachte führende Blatt der Konservativen ernannte ihn sogar zum Führer der „Alljuden", einer neuen Gattung, welche mit den Bolschewiki identisch sein soll. Aus eigener Machtvollkommenheit stempelten die Blätter dieser Richtung auch Lenin zum1 Juden, Lenin, der eigentlich Uljartow heißt, der Sohn eines Gymnasialdirektors in Moskau ist, und dort früher Professor war, und in dessen1 Adern, wie schon ein Blick auf seine Physiognomie zeigt, kein Tröpfchen jüdischen Blutes, fließt. In Rußland verläuft die Sache umgekehrt, aber durchaus parallel. Die Juden, insofern sie politisch orientiert sind, stehen fast durchweg im Lager der Kadetten, die Sozialisten unter ihnen sind im sogenannten „Bund" organisiert, der zu den Anhängern der Menschewiki gehört, den heftigsten Gegnern der Bolschewiki. Trotzki und Lenin haben denn auch den jüdischen Führer der Kadetten, Winawer verhaften lassen, ebenso den Führer des „Bundes", Liber; Professor Hessen, ein getaufter Jude (dessen jüdisch gebliebener Neffe ein verdienstvoller jüdischer Historiker ist und sogar vorzüglich Hebräisch schreibt) meldete sich selber in die Peter-Pauls-Festung, um das Schicksal. seiner Genossen zu teilen. Und während die Anhäng;er Trotzkis und Lenins den „Juden Kerensky" vei> fluchten, — sie hatten also Kerensky zum Juden gemacht — weil er keinen Frieden; um jeden Preis schließen wollte, verfehlten die gegnerischen Zeitungen, sowohl die kadettische „Rjetsch", als die menschewistis'che „Rabotschaja Gazeta" niemals, beim Erwähnen des Namens von Trotzki in zarten Klammern hinzuzufügen „Lew Braunstein". Ein Augenzeuge berichtet im jüdischen „Petrograder Tageblatt" vom 1./13. November 1917, die Matrosen beschossen auf Trotzkis und Lenins Anordnung' das Winterpalais, welches von der Truppe der sogenannten „Junker" verteidigt wurde, unter diesen befand sich ein hoher Prozentsatz jüdischer Soldaten; die Angreifer stürzten sich auf die Verteidiger mit dem Kriegsruf „Zydy!" (Juden). Ist das nicht bezeichnend? Die Bolschewiki haben unter dem Regime Trotzki-Lenins eine Reihe blutiger Judenpogrome veranstaltet, nach ech:t russisch - orthodoxer Manier, ganz wie zu jenen Zeiten, als noch