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Ost und West · 1918-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1918) · p. Seite 99 - 100

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1918)
Article
Sein oder Nichtsein?
Date
1918-03-01
Page
Seite 99 - 100 (sequence 4)
Language
German
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99 Sein oder Nichtsein? 100 fürchtet zu machen, nach dem Grundsatz „oderint, dum metuant," es sei aber eine edlere Aufgabe, das Vaterland in der Welt geliebt zu machen. Nun, den Politikern, auch den erfolgreichsten, ist es viel häufiger gelungen, das Vaterland verhaßt als gefürchtet zu machen, wer ihm aber Liebe, Wertschätzung und Bewunderung eingebracht hat, das waren eben die Aestheten und Intellektuellen. Giewiß braucht die Welt diese beiden.Gattungen von Menschen,, die Politiker ebenso wie den Aestheten und Intellektuellen, sie könnte ohne keine von beiden gedeihen, aber für uns Juden wäre es jedenfalls besser, wenn die hervorragenden aktiven Begabungen, ebenso wie die rezeptiven genießenden Naturen unter uns viel mehr in den Reihen der Aestheten und Intellektuellen, als in denen der Politiker zu finden wären. Recht machen werden wir es ja der Welt sowieso niemals. Wir sind das Stiefkind oder die Schwiegertochter im Hause, denen man gern die Verantwortung für alle Uebel zuschiebt, während man ihre Verdienste den eigenen Kindern aufs Konto schreibt. Da dies nicht zu ändern ist, . müssen wir uns damit abfinden und es mit gutem Humor tragen. Es gibt jetzt in jeder politischen Partei Juden, ,Judenstämmlinge'', sogar unter den Antisemiten und Arisch-Völkischen; es sind Juden, die aus ihrer Rasse ausgetreten. Und wenn die Parteien sich untereinanden zanken, so werfen sie sich gegenseitig ihre Juden an den Kopf, schimpfen sich gegenseitig „verjudet". Die Arisch-Völkischen haben die Konservativen mehr als einmal an den Schandfleck in ihrer Familie erinnert, an Stahl nämlich, ihren geistigen Stammvater, der ein Jude war. Andererseits haben, besonders während eines Wahlkampfes, alle Parteien Prätensionen an uns, auch jene, die nie aufgehört haben, uns zu bekämpfen, und die sich am hartnäckigsten gegen unsere Emanzipation gewehrt haben; da sie allein staatserhaltend seien, so fordern sie von den Juden, mit ihnen zu gehen, zum Beweis ihrer Staatstreue. Die Deutsch-Radikalen in Oesterreich, die verbissensten und unversöhnlichsten Feinde der Juden, die deren Ausrottung predigen, verlangen es als selbstverständlich, daß sie mit ihnen gegen Tschechen und Sozialdemokraten stimmen. Alle lassen sich die Wahlhilfe und Mitläuferschaft der Juden gnädigst gefallen und verzeihen ihnen eine Weile, daß sie existieren, und übersehen, daß sie Juden sind. Das ist übrigens auf allen Gebieten so, auch im Bereich des höchsten Geisteslebens. Es gibt Abhandlungen von Bewunderern der Philosophie Spinozas, in denen mit keinem Wort erwähnt wird, daß er Jude war. Wer sich ablehnend zu ihm verhält oder gar in seiner Philosophie den Urquell alles Bösen der modernen Welt erblickt, leitet sie von seiner jüdischen Abstammung und vom Talmud her. Das verleiht oft sogar ernsten wissenschaftlichen Werken etwas Drolliges. Interessant und bei aller tiefen Traurigkeit erheiternd wirkt es, das gleiche Spiel mit den Juden während des Weltkrieges zu beobachten. Die Russen beschuldigten die Juden der verräterischen Sympathie für Deutschland, richteten Blutbäder unter ihnen an und unterwarfen sie tausend Martern, verboten sogar unter schwerer Strafe auf der Straße Jüdisch zu sprechen, weil es von der Ferne wie Deutsch klingt. Nach der Besetzung Kurlands durch die Deutschen scheute sich ein großes englisches Blatt nicht, zu versichern, die russischen Juden wären es, die dem Feind die Tore Rußlands geöffnet. Aber die alldeutsche und verwandte antisemitische Presse in Deutschland widerhallte unaufhörlich von der Beschuldigung, daß es überall „die Juden" wären, die zum1 Krieg gegen Deutschland hetzten. Ein hoher Würdenträger versicherte kurz nach der italienischen Kriegserklärung: „Mit den Juden werden wir nach dem Kriege abrechnen müssen; sie sind es, die Italien in den Krieg gehetzt haben." Welche Juden? Sonnino! Man muß nämlich wissen, daß Sonninos Vater, Dr. Saul IsaaC Sonnino, sich in jungen Jahren taufen ließ, um eine Engländerin zu heiraten, die er in Alexandrien kennen gelernt hatte; Sonnino führt denn auch den englischen Personennamen Sidney; er hat keinen persönlichen Zusammenhang mit der jüdischen Gemeinschaft, und hat nie irgend ein Interesse für das Judentum bekundet. Gleichwohl muß man seinetwegen mit den „Juden" abrechnen, wohlgemerkt, nicht nur mit den italienischen, sondern auch mit den deutschen. Wäre Sonnino ein Gegner des Krieges gewesen, die italienischen Patrioten hätten ihrerseits seinethalben allen Juden der Welt Rache geschworen. Während man allseits klagt, es gäbe viel zuviel Juden|. in der Welt, wurden jetzt ad hoc zahlreiche Juden künstlich hergestellt. Ein erzkonservatives alldeutsches Blatt machte die Entdeckung, daß DAnnunzio

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