Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1918)
- Article
- Sein oder Nichtsein?
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 97 - 98 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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97 Sein oder Nichtsein? 9S und Verfeinerung des Seelenlebens geht dabei zugrunde. Das allzuviele Zeitungslesen und Besprechen der Tagesereignisse prägt dem Denken und 'Empfinden etwas Flüchtiges auf, man gewöhnt sich, den Nichtigkeiten der Stunde ein ungleich lebhafteres Interesse zu widmen, als den großen und ewigen Problemen der Welt und des Daseins. Der Lärm des Parteitreibens — und alle Politik verkörpert jsich schließlich in der „Partei" — betäubt das stille Weben der Gedanken. Wenn einige gebildete Juden beisammen sind, so werden sie sich in neun von zehn Fällen über Fragen der Politik anstatt über wissenschaftliche oder gar religiöse Probleme unterhalten, unter zehn Juden werden neun in der Tagespresse und deren Größen, aber kaum einer in der Bibel Bescheid wissen. Wenn das in dieser Richtung weitergeht, kann es zu einer Ausdörrung des geistigen Nährbodens unter den Juden führen, für uns große Gefahren, der Politik jedoch wenig Nutzen bringen. Es ist durchaus nicht nötig, noch heilsam, daß in allen politischen Parteien (mit Ausnahme der rein antisemitischen) Juden in so großer Anzahl als Unterführer oder Mitläufer dienen. Als Führer ersten Ranges können sie auch bei den Liberalsten seit einem Menschenalter nicht mehr fungieren, und mit Ludwig Bamberger ist der letzte Jude gestorben, der eine hervorragende politische Führerrolle innegehabt. Es ist auch durchaus nicht nötig, daß in der Tagespresse aller Parteirichtungen,.sogar der alldeutschen, eine so große Anzahl von jüdischen Talenten ihre Kraft vergeude und zersplittere, die, konzentriert und gesammelt, auf höhere Ziele gerichtet, Schöpfungen von dauerndem Wert hervorzubringen befähigt wäre. Gfewiß ist die politische Betätigung auch Sache des Temperaments, und Lassalle und Marx hätten es vielleicht nicht vermocht, auf einem anderen Gjebiete ihre Kräfte so voll zu entfalten und ihre Persönlichkeit so ganz auszuleben, wie dies der Fall war. Aber Lassalle und Marx sind vereinzelte Gipfel; hier ist die Rede vom Mittelgebirge. Ueberdies hatten jene beiden den inneren Zusammenhang mit Juden und Judentum völlig gelöst. Allerdings liegt eine der Hauptursachen unserer übermäßigen Hinneigung zur Politik in der sozialen Struktur unserer Gtesellschaft. Die sogenannte Bildungsschicht ist unter uns übermäßig groß, und innerhalb dieser nimmt die der Juristen einen vierzehn bis fünfzehn Mal so breiten Raum' ein, als es unserem Anteil an der Gesamtbevölkerung entspricht. Es ist kaum eine jüdische Familie zu finden, die nicht mindestens einen Juristen unter ihren Angehörigen zählte. Das ist die Folge unserer historischen Entwicklung, bei der wir nur passiv beteiligt waren. Nun neigt der Jurist von Haus aus zur Politik; diese befaßt sich ja überwiegend mit dem Abfassen oder Verbessern der Gesetze. Allein um so mehr wäre es unsere Aufgabe, die durch so viele äußere und innere Ursachen angestachelte Leidenschaft für die Politik zu zügeln, indem die geistige Energie auf andere, edlere Ziele hingelenkt wird. Hier müßten Familie, Religionsschule und Predigt einträchtig und zielbewußt zusammenwirken, um ein Milieu zu erzeugen, in welchem weniger Politik und mehr Wissenschaft und Kultur den Inhalt der geistigen Bestätigung bilde. Der Kampf der politische Es ist sicher zu erwarten, daß eine Dämpfung der politischen Leidenschaft bei den Juden ihnen den Vorwurf zuziehen wird, sie hätten kein rechtes Verständnis für die lebendigen Interessen des Vaterlandes. Besonders jene Parteien, die aus Ueberlieferung einen Anspruch auf die Gefolgschaft und Unterstützung der Juden zu haben vermeinen, würden es ihnen arg verübeln, wenn sie aufhören wollten, alle Kräfte in ihren Dienst zu stellen. Aber das könnte man ruhig über sich ergehen lassen, in dem Bewußtsein, daß hingebungsvolle Pflege der Wissenschaft, der sozialen Kultur und der n Parteien um die Juden. Kunst dem Vaterland größeren und dauernderen Nutzen bringt, wertvollere Güter schafft, als wenn man in den Tagesstreitigkeiten der politischen Parteien die ganze Kraft restlos für die eine oder die andere Seite einsetzt. Man beliebt es heute, nichtpolitische Menschen etwas von oben herab als Aestheten oder Intellektuelle zu bezeichnen. Waren aber die Aestheten Goethe und Beethoven, oder die Intellektuellen Fechner und Helmholtz, oder Hertz, Koch und Ehrlich für die deutsche Nation wirklich so ganz unnütz? Eduard Bernstein sagt mit Recht, der Nationalist strebe darnach, sein Vaterland vor allem ge-