Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1918)
- Article
- Sein oder Nichtsein?
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 95 - 96 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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95 Sein oder Nichtsein? 96 lismus und Egoismus, die von dem Idealen in der Menschennatur sich ein Mäntelchen ausgeborgt haben. Der Egoismus und der Materialismus haben, als roher, animalischer Unterbau jedes höheren menschlichen Lebens, ihre Berechtigung, und darum ist die Politik notwendig, aber sie ist ein notwendiges Uebel, das man mit in den Kauf nehmen muß; darum muß sie auf das unumgängliche Maß beschränkt werden. Wir Juden aber haben uns ihr zu sehr ergeben, mit bedenklicher Hintansetzung viel edlerer Betätigungen. Es ist nötig, daß hier ein gründlicher Umschwung eintrete. Es war eine geschichtliche Notwendigkeit, daß wir uns um die Mitte des vorigen Jahrhunderts Hals über Kopf in die Politik stürzten. Damals galt es, die Gleichberechtigung zu erkämpfen, und als sie halb und halb, wenigstens auf dem Papier erkämpft war, sie zu befestigen und einigermaßen sicherzustellen. Wir waren Neulinge in der Politik, denn wir hatten ja nie zum Staatsleben Zutritt gehabt. Mit dem Eifer von Neulingen ergaben wir uns dem Rausch dieses Kampfes. Allein das dauerte an, und im Verlauf der Jahrzehnte verschlang es den besten Teil unserer Kraft, drängte die höchsten geistigen Interessen zurück und bewirkte eine bedenkliche Verflachung und Veräußerlichung unseres Geisteslebens. Die politische Tätigkeit ist darauf eingestellt, in die Breite zu wirken, die Masse zu gewinnen; es kommt bei ihr auf den Schein ebensoviel an, wie auf das Sein. Schlagworte, auf den Augenblick berechnet, sind oft das Entscheidende. Darum' ist es sehr gefährlich, wenn die besten Kräfte auf das Politische eingestellt werden, und dieses auf die edleren Bezirke der Seele hinübergreift. Die Folge davon ist eine Verödung und Verkümmerung des geistigen Lebens, ein Sinken seines Niveaus. Man kann das am deutlichsten an den englischen Juden beobachten, die am frühesten angefangen haben, sich der Politik zu widmen und in ihr auch tiefer aufgegangen sind als die Juden anderer Länder. Die englischen Juden haben eine bedeutende Anzahl hervorragender Parlamentarier, sodann eine ganze Menge von Kabinettsministern, aber keinen einzigen bedeutenden Denker, Forscher, Gelehrten, Dichter hervorgebracht; weder in den Natur-, noch in den Geisteswissenschaften hat ein eingeborener englischer Jude in den achtzig bis hundert Jahren, seit dem Eintritt der Juden in die europäische Kultur, etwas Hervorragendes geleistet, was sich den Leistungen der deutschen Juden zur Seite stellen könnte. Und das, obgleich dort alle Hindernisse und Vorurteile längst vor ihnen hinweggeräumt und obgleich dort gestört der Pflege des Geistigen zu widmen. In der Wissenschaft des Judentums haben sich aus längst jener Grad von Wohlstand verbreitet ist, der es den Begabungen ermöglicht, sich unvergangenen Tagen kaum zwei Namen von Klang erhalten. Die größte jüdische Büchersammlung, die gegen den Ausgang des 18. Jahrhunderts zusammengebracht worden war und die die kostbarsten Schätze des mittelalterlichen Schrifttums bewahrte, wurde (allerdings nicht von einem Juden) nach England angekauft und in der Bodleyana zu Oxford untergebracht. Aber aus Deutschland, Polen und Ungarn mußten die Gelehrten hinüberkommen, um diese Schätze zu heben. Ja, sogar zum Ordnen und Instandhalten der Bücher und Handschriften mußten die Fachmänner aus Deutschland und Ungarn berufen werden. Auf kostbarem Papier gedruckt und prächtig ausgestattet erschien bis vor einigen Jahren in England eine jüdisch-wissenschaftliche Vierteljahrsschrift (sie ist seither nach Amerika übergesiedelt), aber die Mitarbeiter waren, bis auf zwei oder drei, deutsche, polnische und ungarische Juden. In Frankreich gab es im ,19. Jahrhundert auf vielen Gebieten der Wissenschaft eine stattliche Anzahl von jüdischen Denkern und Forschern, die dem jüdischen Namen in ganz Europa alle Ehre machten. Sie sind alle einer nach dem anderen dahingestorben, andere sind an deren Stelle nicht gekommen. Auch dort haben offenbar die besten Kräfte sich der Politik ergeben, und den verhängnisvollen Tanz mitgemacht, der den Jammer des jetzigen Krieges über die Welt heraufbeschworen hat. Der einzige französische Jude, der in der neuesten Zeit als Denker und Forscher Großes geleistet, von einem ansehnlichen Teil der jüngeren Generation sogar als Führer ausgerufen und erst jüngst unter die „Unsterblichen" aufgenommen wurde, Henri Bergson, stammt aus Warschau, und hat erst seit dem Ausbruch des jetzigen Krieges angefangen, sich mit der Politik zu befassen. Alle diese Tatsachen beweisen zur Genüge, daß ein allzu tiefes Untertauchen in den Strom der Politik sehr wenig förderlich für unsere geistige Entwickelung ist. Die Verinnerlichung