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Ost und West · 1918-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1918) · p. Seite 93 - 94

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1918)
Article
Sein oder Nichtsein?
Date
1918-03-01
Page
Seite 93 - 94 (sequence 1)
Language
German
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93 Sein oder Nichtsein? 94 SEIN ODER NICHTSEIN?*) DieEntpolitis *) Anmerkung der Redaktion: Wir bringen den nachstehenden Artikel zum Abdruck, ohne uns mit den Ausführungen des Verfassers in bezug auf die Entpoiitisierung der Juden einverstanden zu erklären. Wenn den Juden „in dieser von nationalem Hader zerrissenen Zeit eine besondere Mission zugewiesen ist", nämlich, „das zu pflegen, was die Völker verbindet und idem entgegenzuwirken, was sie trennt und Haß zwischen ihnen säet", so kann sich diese Aufgabe unmöglich auf die Periode des Weltkrieges beschränken. Dieser ist ja selber nicht plötzlich entstanden, sondern ist das Ergebnis von Prozessen, die sich' jahrzehntelang im Untergründe des Völkerlebens abspielten und die sich nach dem Friedensschluß fortsetzen können, wenn nicht das ganze Völkerleben auf einer neuen Basis aufgebaut wird. An uns Juden tritt .also die Pflicht heran, unser Verhalten unserer „Mission" ent- / sprechend einzurichten — nicht nur im Weltkriege, sondern auch während des - Weltfriedens, in welchem' sich die Kriege vorbereiten. Denn, wie zum Hohn auf das bekannte römische Sprichwort, .dient der Friede meist dazu, dem Krieg den Weg zu bahnen. Und da wird es zunächst gelten, daß wir unsere Tätigkeit den Werken des Friedens widmen, unser ganzes Denken und Empfinden dazu erziehen, das Fördernde, Positive, Heilbringende im öffentlichen Leben zu kräftigen, ihm1 zu dienen und ihm unsere geistigen und materiellen Mittel zu widmen. Einer, auf dessen Urteil man sich verlassen kann, Clausewitz, hat gesagt, der Krieg sei nichts anderes, als eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Daraus folgt umgekehrt, daß die Politik nichts anderes ist, als die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Wenn es nun unsere „Mission" ist, dem Frieden in der Welt zu dienen, so ergibt sich daraus die Notwendigkeit einer Entpoiitisierung der Juden. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß wir uns der politischen Tätigkeit enthalten sollen, ebensowenig, wie es irgend einem vernünftig Denkenden einfallen würde, im Namen der Friedensmission der Juden von ihnen zu fordern, sie sollen den Kriegsdienst verweigern. Das heißt auch nicht etwa, die Juden sollen auf die Aus- Ii. ierung der J uden Übung ihrer politischen Rechte als Staatsbürger verzichten. Aber man kann in jeder Richtung einmal zuviel des Guten tun. Und' wir müssen uns eingestehen, daß wir auf dem Gebiete der Politik viel zuviel des Guten getan. Viel zuviel Geisteskraft und Energie haben wir der Politik gewidmet, der Parteipolitik wie der Staatenpolitik — auf Kosten anderer Betätigungen, die für das Gedeihen und Blühen des Vaterlandes viel wichtiger sind. Auf die Nuance kommt es hier an, wie in allen Regionen des entwickelteren Lebens. Wissenschaft und Kultur sind für das Glück und die Wohlfahrt der Völker viel wichtiger, als die Politik in allen ihren Abartungen. Wissenschaft und Kultur sind es auch, die das stärkste Einigungsband unter den Völkern bilden, sie werden es auch sein, welche zuallererst eine Aussöhnung unter den jetzt so blutig verfeindeten Nationen und Staaten herbeiführen werden. Man wende dagegen nicht ein, daß es ja die Träger und Führer der Wissenschaft gewesen sind, diein diesem Weltkrieg einen Krieg der Geister entfacht haben. Sie haben eben darin gesündigt, daß sie die Grenzen überschritten, die ihnen der Geist gezogen, daß sie die Wissenschaft und die Philosophie in den Dienst der Politik gestellt. Manch einem von ihnen graut es jetzt in der Seele vor dem Frevel, den er begangen, indem er das Heiligtum geschändet, in welchem er als Priester waltete. Aber eine Verirrung ihrer Diener entheiligt die Gottheit nicht, nimmt ihr nichts von ihrer Majestät. Wenn der Mensch seine Vernunft mißbraucht, „um tierischer als iedes Tier zu sein", so ist das nicht die Schuld der Vernunft, sondern der Unvernunft, der niederen Triebe, die über jene obsiegen und sie in ihren Dienst nehmen. Doch sind es immer wieder „Vernunft und Wissenschaft, des Menschen höchste Kraft", die die Wunden heilen, welche Politik und Krieg der Menschheit geschlagen. Im Getümmel scheinen die einfachsten Funktionen ausgeschaltet zu sein; aber für die Dauer bleibt zweimal zwei doch immer vier. Nur wer den ewigen Werten des Geistes und des G'uten dient, hat seine Sach' auf festen Glrund gestellt. Die Politik in allen ihren Er scheinungsformen ist der organisierte Materia-

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