Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1918)
- Article
- Wiener Juden
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 89 - 90 (sequence 3)
- Language
- German
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89 „Wiener Juden". 90 gegenüber, die zum Denken zwingen. Sie muß ihren Geschmack, ihre Gesinnung erkunden, ihren Bedarf erraten, nötigenfalls ihre Bundesgenossenschaft gewinnen. Sie muß deren Verhältnisse,. Charakter unjd Lebensführung studieren. „Das alles 'hat für die individuelle Ausbildung der Ehefrau,'für die Denkübung eine ganz andere Bedeutung als der Jour,der Zeitungsroman, das Theater, die Promenade." Und mit dieser Fähigkeit und Gewohnheit, gerade das Wichtigste zu erfassen und zu würdigen, hängt noch ein anderes, nicht minder bedeutsames Moment zusammen : „die Stellung dieser Ghetto frau zwischen Mann und Kindern war eine andere als jene, die man heute für selbstverständlich hält. Gewiß waren den beiden jüdischen Ehegatten in ihrem gemeinsamen Leben unjd Weben die Kinder die Hauptsache, nur für sie arbeiteten sie, unla* in dem, was die Kinder erreichten, sahen-sie den Erfolg des eigenen Lebens, aber innerhalb des Rahmens ihrer Familie war der Jüdin jener Zeit vor allem der Mann die Hauptsache. Der Mann, das steckte durch tausendjährige Uebertragung eisern in ihrem Blute, ist die Säule, auf der ihrer und ihrer ganzen Familie Existenz beruhte. Dieser Gedankengang gab unserer jüdischen Ehefrau das Talent, in Entwurf: FRIEDRICH ADLER Eckausbildung eines Herrenzimmers dem Manne, der sie zum Weibe genommen, immer soviel als möglich die guten Seiten herauszufinden und anzuerkennen. Darum kam der Mann vor den Kindern, die Kinder erst nach dem Manne. Das drückte sich im Leben des Hauses aus, und die Kinder gewannen dieselbe Empfindung. Sie sahen, wie der Vater das ganze Denken der Mutter ausfüllte, das flößte ihnen vor dem Vater einen Respekt ein, den die Kinder heute nicht leicht gewinnenkönnen . . Solcher Kabinettsstücke feiner, psychologisch vertiefter Sittenschilderungen finden wir in dem Buche die Menge. Es ist interessant, daß: hier die große wirtschaftliche Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Frau nicht, wie man meinen sollte, sie dem Manne entfremdet, sondern sie ihm nur noch tiefer und inniger verbindet. Bemerkenswert ist, daß der Verfasser ähnliche Verhältnisse in Ludwig Bambergers Erinnerungen geschildert findet. Diese Sitten und Zustände scheinen also im Ghetto überall geherrscht zu haben, nicht nur in dem ungarisch-deutschen, welches der Verfasser beschreibt, sondern auch in dem süddeutsch-rheinischen. Fügen wir noch hinzu, daßi die großen und wahrheitsgetreuen Schilderer des ostjüdischen Ghettos, wie P. Smolenski, Scholem Aleichem, Elisa Orzesko und Hamburg