Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1918-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1918) · p. Seite 91 - 92

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1918)
Article
Wiener Juden
Date
1918-03-01
Page
Seite 91 - 92 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2584078-2584080-2606269--16975-2606310
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

91 „Wiener Juden". C2 Abramowitsch ganz ähnliche Bilder von jüdischen Frauen und jüdischem Familienleben entwarfen, so gewinnen wir den Eindruck von der Einheitlichkeit und Gleichartigkeit der jüdischen Volkspsyche und des jüdischen Lebenscharakters in den entferntesten Gegenden — geschaffen durch die^fast überall gleichartige Stellung zur Umwelt, vor allem aber durch die Gleichartigkeit der traditionellen Lehre. Der Verfasser, ein typischer und hervorragender Repräsentant des Wiener Judentums, stammt aus Preßburg, wo er auch seine Knabenjahre verbracht hat. Preßburg, war, gleichwie Budapest, bis vor etwa einem halben Jahrhundert gleichsam eine Vorstadt von Wien. Und wer ein echter Wiener ist, der stammt immer aus Preßbur^ — oder Umgebung. Die Bilder, die er vom Leben und .Weben in seiner Heimatstadt entwirft, sind offenbar, typisch für alle jüdischen Gemeinden in Ungarn und Böhmen-Mähren, wie in dem ganzen Landstrich, der auf der Grenzscheide zwischen Deutschland und Osteuropa liegt. Die nivellierende und ernüchternde „Aufklärung" scheint in diesen Gegenden das jüdische Dasein schon in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts durchdrungen und viel Wertvolles aus dem religiösen Leben verdrängt zu haben. Es scheint, daß man dort in weiten Kreisen frühzeitig aufgehört Ihiatte, nicht nur eine tiefere Kenntnis des gedanklichen Inhalts des Judentums dem heranwachsenden Geschlecht zu übermitteln, sondern daß das auch in bezug auf die Gemütsseite, auf die Poesie des Lebens, der Fall war. Es wäre sonst unbegreiflich, wie der Verfasser, ein so warmer Vorkämpfer seiner Glaubensgenossen, einmal schreiben kann, daß die jüdische Religion für ihre Bekenner keine Quelle der Fröhlichkeit, der heiter-gehobenen, frohmütigen Stimmung bilde. Hat er im Vaterhause nie einen Freitagabend durchlebt, einen Sederabend, einen Purimtag, hat man in seiner Gemeinde nie das Simchas-Thorafest gefeiert, den Lagbeomer, oder irgendeine Simchah schel Mizwah, z. B. das Mazzoth-Backen vor Pesach, das Einweihen einer neugeschriebenen Thorarolle, einen „Sijjum auf Schaßt u. dgl., oder fröhliche Familienfeste, wie Hochzeiten, Bar-Mizwah-Feiern, Pidjon Ha-ben? Wie diese Veranstaltungen die Prosa des arbeits- und mühevollen Alltagslebens verschönten und verklärten, hat bisher noch kein Dichter adäquat geschildert, und man vermißt derartige Beschreibungen schmerzlich bei unserem Verfasser. Dafür entschädigt er uns reichlich durch die eingehenden Beschreibungen des Ueberganges der Wien-Preßburger Juden vom Ghetto zum modernen Leben. Besonders die Wirtschaftsgeschichte der Epoche von 1848 bis auf die neueste Zeit wird reichlich bedacht. Der überragende Anteil, den die Juden an dem ökonomischen Aufschwung Oesterreich- Ungarns und seiner Ausgestaltung zum modernen Staat genommen haben, tritt lebhaft, ohne Ue'berschwang und Lobrednerei, hervor. Ein tieferes Verständnis für die Ursachen und 'Entstehungsgeschichte des österreichischen Liberalismus und seines Niederganges, sowie des Antisemitismus erschließt sich dem Leser. Es braucht nicht betont zu werden, daß der Verfasser nicht die geringste Neigung verspürt, seine Glaubensgenossen zu beschönigen oder auf seine Berufs- und Standesgenossen keinen Fleck kommen zu lassen. Er ist überall und nach allen Seiten hin objektiv und verteilt Licht und Schatten vollkommen gerecht. Eine ganze Gallerie von Bildnissen tritt uns entgegen, jedes in seiner Art vollendet, mit wenigen Strichen kühn hingezeichnet. Gelehrte und Träumer, Streber, Politiker, Kaufleute, die zu Fabrikbesitzern geworden sind, Kleinkrämer und Geldwechsler, die durch Intelligenz und Tüchtigkeit es zu Großhändlern und Bankdirektoren gebracht haben, Journalisten, Poeten und Handlanger der Literatur. Ganze Familien steigen aus den Niederungen auf, andere gehen von der Sonnenseite des Lebens hinab und versinken ins Dunkel. Das Verhältnis des einzelnen Juden, sowie der jüdischen Gemeinschaft zur nichtjüdischen Umwelt, wie es sich im Laufe eines Jahrhunderts gewandelt hat, rollt sich vor unseren Augen auf. Seit de» „Denkwürdigkeiten der Glückel von Hameln" ist kein jüdisches Buch in deutscher Sprache geschrieben worden, das eine solche Fülle des Belehrenden über das innere Leben der Juden aus unmittelbarer Anschauung wie das vorliegende böte. Nur ist dieses von einer ganz unvergleichlich höheren Warte abgefaßt, mit einem ungleich reicheren und vielfältigeren Rüstzeug an Welt- und Menschenkenntnis, an Einblicken in die geschichtlichen Zusammenhänge und an Verständnis für das Werden und Wachsen der Zeiten: Ein großer Schriftsteller unserer Epoche sagte einmal, wenn die wenigen vernünftigen Menschen des werktätigen Lebens sich entschließen wollten, das, was sie erlebt und erschaut, schlicht und einfach zu erzählen, ohne schriftstellerische Absicht und ohne Stilisierung, so wären ihre Werke die beste und schönste Belletristik, interessanter und lohnender als alle Romane und Novellen, die der überhitzten Phantasie der Poeten am Schreibtisch entspringen. Ein solches Stück lebenswahrer und ungekünstelter Belletristik bietet uns das Buch von Sigmund Mayer.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.