Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1918)
- Article
- Dr. Echiel Tschlenow
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 71 - 72 (sequence 4)
- Language
- German
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71 Dr. Echiel Tschlenow. 72 Zentrum der Bewegung die Verantwortung der Leitung derselben mit tragen zu dürfen. Um so 'mehr wirkte er jetzt in Rußland selbst, und, da die russische Föderation infolge ihrer Stärke auch auf den Kongressen fast ausschlaggebend war, indirekt auch auf die gesamte zionistische Bewegung. So leitete er im Jahre 1906 die russische Zionisten-Konferenz in Helsingfors, die sich unbeschadet der politischen Bestrebungen in energischer Weise für Gegenwartsarbeit auch in den Golusländern aussprach. Auf der 2. Konferenz in Moskau im Jahre 1908 wurde Stellung genommen zu der durch die politische Umwälzung neugeschaffenen Lage in der Türkei; man beschloß, in der Türkei eine zionistische Presse zu gründen und in Konstantinopel ein Agrarinstitut zu errichten, was dann auch auf den folgenden allgemeinen zionistischen Kongressen durchgesetzt wurde. Das sind nur einige Fälle der vorbereitenden Tätigkeit der zionistischen Föderation Rußlands, an der Tschlenow an allererster Stelle teilnahm. In Rußland.wurde er zusammen mitUssisclikin unbedingt als der Leiter der zionistischen Bewegung anerkannt. Das wußte er auch, da er seinen Einfluß auf die -Masse kannte. Aber nie hat er ihn mißbraucht. Er nahm die wohlverdienten Huldigungen entgegen, ohne solche je zu provozieren; ihm lag 'mehr an der wirklichen Macht als an dem Schein oder dem Glanz einer solchen. Auf den Kongressen findet man ihn mehr in den wichtigen Kommissionen und im Kreise der Eingeweihten als bei den großen Veranstaltungen; auch auf der Rednerliste findet man seinen Namen viel seltener als den weit weniger einflußreicher Gesinnungsgenossen. Hierbei ist freilich zu bemerken, daß er auch nicht über eine zündende Rednergabe verfügte und auch Witz und Schlagfertigkeit ihm abging. Dennoch hatten seine Reden stets einen großen Reiz durch die Tiefe der Empfindung, die strenge Logik, den reichen Inhalt und die innige, oft etwas sentimentale Stimmung, die sie auszeichnete. Gegen die Zersplitterung der Leitung der zionistischen Bewegung auf verschiedene Orte war er stets, und als dann auf dem letzten, 12. Kongreß in Wien im Jahre 1913 eine einheitliche erweiterte Leitung in Berlin festgelegt wurde, entschloß er sich auf den dringenden Wunsch des Permanenzausschusses, wenn auch schweren Herzens, diesem Ruf Folge zu leisten. Das Opfer, das er brachte, indem1 er seinen ihm so lieben und erfolgreichen ärztlichen Beruf sowie seine an Moskau gekettete Familie verlassen mußte, war ein großes. Seine Wahl ins Engere Aktionskomitee wurde aber auch demgemäß von sämtlichen Delegierten des Kongresses mit stürmischem Beifall aufgenommen. Im Engeren Aktionskomitee verwaltete er die Stelle des zweiten Vorsitzenden mit Ernst und Eifer. Leider hatte aber diese Neugestaltung kaum Zeit, bedeutende Erfolge zu zeitigen; das erste Jahr dieser seiner Tätigkeit war großenteils durch den Sprachenkampf eingenommen, der zur Gründung eines bedeutenden hebräischen Schulwerkes und eines dasselbe umfassenden Schulverbandes in Palästina führte. Dann kam aber der Krieg; Tschlenow mußte Deutschland verlassen und begab sich wieder nach Moskau. Dort stürzte er sich, obgleich wieder von seinem alten Magenleiden geplagt, in die aufreibenden Arbeiten, die der Krieg zeitigte. Vor allem beteiligte er sich in leitender Stellung an den Arbeiten des Komitees für die jüdischen Kriegsopfer und sorgte für die zahllosen aus den Randgebieten ausgewiesenen und ins Innere Rußlands flüchtenden Juden. Besonders setzte er sich als Vorstandsmitglied der Moskauer Abteilung der „Bildungsgesellschaft" für die Einrichtung jüdibch-nationaler Schulen ein und kämpfte für die hebräische gegen die jüdische Unterrichtssprache mit so großem Erfolg, daß auf der Generalversammlung' die vier Kandidaten der Hebraisten gewählt wurden. Auch veröffentlichte er während dieser Zeit eine sogar in der amerikanischen Presse übersetzte Artikelserie „Der Weltkrieg und unsere Perspektiven". Er war die angesehenste jüdische Persönlichkeit Moskaus; er wurde in den Moskauer Kultusrat gewählt und nahm starken Anteil an den Vorbereitungen zum russisch-jüdischen Kongreß. Seine allgemeinen zionistischen Pflichten als Mitglied des engeren Aktionskomitees vernachlässigte er auch in dieser Zeit allgemein jüdischer Betätigung keineswegs. Besonders nahm er an den Hilfsaktionen teil, die den Zweck hatten, die jüdische Siedlung in Palästina zu retten und durchzuhalten; diese war nämlich durch die Abschneidung ihrer Ausfuhr sowie auch durch den Einfall riesiger Heuschreckenschwärme im Jahre 1915 in große Bedrängnis geraten. Aber auch an der allgemeinen politischen Arbeit der zionistischen Leitung beteiligte er sich, soweit er konnte;