Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1917-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1917) · p. Seite 575 - 576

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1917)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1917-11-01
Page
Seite 575 - 576 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2584069-2584077-2606106--16874-2606156
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

575 Rumänien und seine Juden. 576 gierung kann sich nicht zu einer bestimmten Stellungnahme in der Judenfrage entschließen, auf die er (der Fürst Carol) dringt. Er ist überzeugt, daßi das Ministerium durch eine offene und feste Forderung dem Lande die Entscheidung erleichtern würde, das fortwährende Schwanken hingegen und die immer wiederholten Versuche der Regierung, von den Westmächten die Anerkennung der Unabhängigkeit lediglich auf ein Versprechen der Verfassungsänderung hin zu erlangen, gebe der Haltung der Regierung eine Unsicherheit, die nicht ohne schwere Folgen bleiben werde." Mittlerweile schickte er Bratiano und Rosetti auf die Rundreise zu den Kabinetten der Großn mächte, um sie für die Anerkennung Rumäniens ohne jede (Vorleistung zu gewinnen. Damit beginnt eine neue Phase in dem Kampfe gegen den Artikel 44. DIE BESONDEREN SCHWIERIGKEITEN DER JUDENFRAGE IN RUMAENIEN. Betrachtet man den hartnäckigen Krieg, den die rumänischen Politiker gegen die Judenemanzipation führten, so fragt man sich erstaunt: warum sträubte sich dieses Land mehr als alle anderen Balkanstaaten, ja, mehr als überhaupt irgend ein Staat, gegen die Gleichstellung seiner jüdischen Bewohner? Wollte man einwenden, daß: die Zahl der Juden hier größer war als anderswo, so brauchte man hur auf das benachbarte Ungarn hinzuweisen, oder auf Galizien und die Bukowina, wo die Juden einen viel höheren Prozentsatz ausmachten als in Rumänien, und wo deren Emanzipation von den hervorragendsten Patrioten mit Energie gefordert und seit langem durchgeführt worden war. "Wir werden weiter unten Gelegenheit haben, die Debatten über die Judenfrage in den rumänischen Kammern zu verfolgen, die kulturhistorisch sehr interessant sind.. Allein, es sei gleich hier bemerkt, daß man nach dem aufmerksamen Studium aller dieser Ergüsse sioh immer von neuem fragt: was waren, die wirklichen Gründe, die diese Politiker veranlaßten, dem Willen von ganz Europa sich entgegenzustemmen und den Juden nicht nur die volle Gleichberechtigung zu verweigern, die ihnen überall, his auf Rußland, zugestanden wurde, sondern sogar das Heimatrecht, welches ihnen nicht einmal das Zarenreich absprach? Der Fürst Carol gibt uns einen Fingerzeig, indem er im Sommer 1879, als der Kampf den Höhepunkt erreicht hatte, in seinem Tagebuch notiert : „Was die aufrichtig und vorurteilslos an die Judenfrage herantretenden Leute besonders besorgt macht, ist die starke Verschuldung des Großgrundbesitzes. Rumänien hat keine Majorate, die Güter gehen, aus einer Hand in die andere, und von dem Tage ab, wo die Juden dieselben kaufen könnten, würden ihnen alle von Rechts wegen zufallen,, da sämtliche Hypotheken in ihren Händen sind. Deshalb herrscht hier eine so starke Strömung, den Erwerb von Grundbesitz an den Genuß der politischen. Rechte zu knüpfen." Allein, das würde bloß die Weigerung erklären, den Juden politische Rechte zu gewähren, warum aber sollten, ihnen die bürgerlichen Rechte vorenthalten bleiben, als da sind: freies Wohnrecht, Erlaubnis zur Ausübung der Advokatur oder der gewöhnlichen bürgerlichen Berufsarten und dergl.? Wenn übrigens das Bedürfnis nach Schutz des Großgrundbesitzes vor der Invasion der Juden der Grund war, diesen die politischen Rechte zu verweigern,, so hätte dies in erster Reihe im Interesse der Großgrundbesitzer liegen müssen. Ihre Partei, die Konservativen, hätten demnach die heftigsten Gegner der Juden sein sollen. In Wirklichkeit aber rekrutierten sich, die verbissensten Bekämpf er der JxidenenianzTpation aus -den Reihen-der sogen. Liberalen und Nationalliberalen, der Advokaten, Agitatoren, Volksredner, Schreiber und Händler, die weder Ar noch Halm ihr eigen nannten, und keine mit Hypotheken belasteten Güter besaßen, die in Gefahr waren, von den Juden mit Beschlag belegt zu werden. Klingt es schon unwahrscheinlich, daß „alle Güter" den Juden von Rechts wegen zugefallen wären, wenn diese sie käuflich hätten erwerben könnein, so ist es vollends unbegreiflich, warum die Regierung nichts unternahm, um einer solchen übermäßigen Verschuldung des Großgrundbesitzes zu steuern. Ein solcher Zustand ist ja, auch Wo gar keine Judengefahr vorhanden, äußerst ungesund und muß; am Ende zu einer wirtschaftlichen Katastrophe führen. Dies ist um so verwunderlicher, als Fürst Carol dieselbe Weisheit bereits zwölf Jahre vorher, kurz nach seiner Thronbesteigung verkündet hatte. Am 14. Juni 1866 verzeichnete er nämlich folgende Sätze in seinem Tagebuch: „Dieselben"" (die Juden nämlich) „sollen Hypotheken im Gesamtbetrage von vielen Millionen Dukaten, besitzen, und es würden ihnen fast sämtliche belastete Güter zufallen, wenn es ihnen gestattet würde, Grundbesitz zu erwerben." Unzweifelhaft ist der Bestand eines gesunden schuldenfreien Grundbesitzes eine Lebensfrage für ein Land, zumal, wenn es die ersten Schritte auf der Bahn der Entwicklung macht. Nun waren in dem seither verflossenen Zeitraum eine Unmenge Gesetze gegen die Juden gemacht worden, ohne daß deren Name dabei genannt wurde. Wäre es nicht zweckmäßiger gewesen, einen Teil dieser Kraft auf die Schaffung eines Instituts zu verwenden, welches den agrarischen Kredit geregelt und die Großgrundbesitzer entschuldet hätte? Diese ganze "Behauptung des Fürsten erscheint jedoch gewaltig übertrieben . Denn es ist schwer zu glauben, daßi die Juden so unvernünftig waren, ihr ganzes Kapital in Hypotheken anzulegen, während sie wußten, daß sie die belehnten Güter im Falle einer Versteigerung doch nicht erstehen konnten. Uebrigens konnte es sich hier nur um eine ganz geringe Anzahl reicher Juden, handeln, die enorme Summen an die Bojaren ausgeliehen hatten, und vor deren „Landhunger" die Güter des Großgrundbesitzes geschützt werden sollten. Warum war es aber zu diesem Zwecke nötig, den armen kleinen jüdischen Händlern zu verbieten, eine Tabakverkaufsstelle zu halten, eine Dorfschänke oder einen Laden zu pachten? [ Es ist ein sehr berechtigter Wunsch, daß der Grund und Boden, diese Basis des Wohlstandes und der gedeihlichen. Entwichelung jedes Landes, sich in ehrlichen, treuen Händen befinde, die keinen Spekulationshandel mit ihm treiben, sondern ihn fleißig bebauen, und immer verbessert von einer Generation an die andere vererben. Wenn es darauf ankommt, daß die Güter durch mehrere Geschlechter Besitz derselben Familie bleiben, so war es ja leicht, ein Fideikommißi-Gesetz zu erlassen, welches

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.