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Ost und West · 1917-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1917) · p. Seite 573 - 574

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1917)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1917-11-01
Page
Seite 573 - 574 (sequence 5)
Language
German
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573 Rumänien und seine Juden. 574 von. neuem die Versicherung, daß die Verfassung abgeändert, und alle politische Ungleichheit verschwinden werde, und daß: die feierlichen Erklärungen des. Fürsten und der Kammern „die letzten Schatten eines Zweifels zerstreuen müßten". Mittlerweile berieten die Kammern über den oben gekennzeichneten Antrag Gradisteano, welcher den Juden die Naturalisation auch, nach Aufhebung des Artikels 7 durch die Konstituante unmöglich machte (über dessen Bedeutung die europäische Diplomatie sich, nicht sofort klar wurde). Gleichwohl betonte der Kammerpräsident Rosetti in der von ihm verfaßten Adresse an den Thron am 22. Dezember, daß; die Abgeordneten ebenso wie die Senatoren vor Ungeduld brennen, einer Konstituante Platz zu machen, die den Artikel 7 der Verfassung abändern sollte, „damit der Irrtum verschwinde, daß. in Rumänien religiöse Unduldsamkeit herrsche, oder je geherrscht habe. Artikel 7 der Verfassung sei nur eine soziale und wirtschaftliche Maßregel gewesen, die heute, wo Rumäniens Stellung klar definiert sei, verschwinden könne." Das war wohl der Gipfel der Heuchelei, wurde aber als solche nicht erkannt. Inzwischen hatte die Regierung eine neue Zählung der jüdischen Bevölkerung vornehmen lassen, um festzustellen, wieviele ihrer in Rumänien geboren waren, und nie einem anderen Staatsverbande angehört hatten. Nur diesen nämlich sollte die neue Ordnung der Dinge zugute kommen. Nun hatte der amerikanische Generalkonsul Peixotto, als er merkte, daß seine diplomatischen Bemühungen zugunsten der Juden nichts fruchteten, viele seiner Glaubensgenossen veranlaßt, die amerikanische, holländische oder eine andere fremde Staatsangehörigkeit anzunehmen, um den Schutz dieser Staaten zu genießen. Es zeigte sich jetzt, daß der amerikanische Diplomat sehr kurzsichtig gewesen war. Denn alle diese rumänischen Holländer, Amerikaner usw., die nie die Adoptivländer gesehen, mußten von dem Genuß! der in Aussicht gestellten Gleichberechtigung ausgeschlossen bleiben. WIDERSTREITENDE STROEMUNGEN INNERHALB DER RUMAENISCHEN DIPLOMATIE. In diesem Zeitpunkt gab es in der rumänischen Diplomatie zwei Strömungen. Die eine, repräsentiert durch Cogalniceano und einem kleinen Anhang, in welchem sein Schwiegersohn, der bereits erwähnte diplomatische Agent Rumäniens in Berlin, der bedeutendste war. Diese Richtung erstrebte eine rasche Lösung der Judenfrage durch Gewährung der Emanzipation nach den Bestimmungen des Berliner Vertrages. Die andere Strömung war hauptsächlich durch Bratiano und Rosetti vertreten, zu denen sich auch Boeresoo gesellte; diese waren entschlossen, die Emanzipation zu verweigern und die Mächte durch die Politik der Ausreden und des Hinhaltens zu ermüden. Der Fürst bekannte nicht offen Farbe, tat, als vermittele er zwischen den Gegnern, in Wirklichkeit aber war er das treibende Rad der Emanzipationsgegner. Diese schützten vor Europa die parlamentarische Opposition vor, die angeblich im Volke über einen gewaltigen Anhang' verfügte und um keinen Preis auch nur das geringste Zugeständnis an die Juden zulassen wollte. In Wirklichkeit wurde die Opposition von oben ermuntert und gestützt. Liteano berichtete aus Berlin am 20. Dezember, der französische Botschafter habe ihm in Gegenwart des Herrn von Radowitz gesagt, Frankreich könne sich in bezug auf die Anerkennung Rumäniens von Deutschland nicht trennen. Deutschland, England und Frankreich hätten sich verpflichtet, in der Ausführung des Berliner Vertrages solidarisch vorzugehen. Indesisen klagt einige Tage darauf der Fürst bitterlich, daß es hauptsächlich Deutschland sei, das ihm in der Judenfrage Schwierigkeiten bereite. „Deutschland zeigt uns wenig Wohlwollen.; Frankreich und Italien wären jetzt geneigt, ihre Vertreter hier zu Gesandten zu ernennen, um so mehr, als sie in den Kammeradressen, eine Garantie für die Lösung der Judenfrage 'erblicken.; sie werden aber von Berlin aus davon abgehalten. Die öffentliche Meinung ist dadurch sehr aufgebracht." Anfangs Januar 1879 ermahnt Liteano seine Regierung, „sie möge nicht vergessen, daß der Kongreß, indem er allen rumänischen Staatsangehörigen ebenso wie den Ausländern die Freiheit verbürgte, nicht beabsichtigt hat, die rumänischen Juden als Ausländer behandelt wissen zu wollen." Er fügte hinzu: „Wir sind es, die dabei gewinnen werden, indem wir die Juden zu Bürgern erheben, sie zu Grundeigentümern machen; sie werden für unser Land ein wertvolles Kapital bilden, das durch seine Arbeit und Betriebsamkeit den öffentlichen Reichtum vergrößern und alle Kräfte der Produktion steigern wird. Die unbestreitbare Größe dieses Fortschritts soll uns als Hauptansporn dienen, die Umgestaltung vorzunehmen, die Europa uns vorschlägt. Es handelt sich hier um die Unabhängigkeit und die Würde des Landes." Diese Sprache war offenbar durch das Berliner Milieu eingegeben. Es war ersichtlich, daß Berlin in dieser Angelegenheit die Führung in die Hand genommen hatte und die Sache konsequent durchzusetzen gesonnen war. In Berlin stand ja Gerson von Bleichröder sozusagen am Ruder. Die Gegner schoben immerfort die Opposition vor. Der Fürst klagte, daß die Moldauer in bezug auf die Judenfrage unbeugsam seien, er prophezeite, daß Cogalniceano sich würde zurückziehen müssen. Die Judenangelegenheit rege ganz Rumänien auf; in der Moldau herrsche große Erregung und man werde dort energisch gegen die Emanzipation der Israeliten ankämpfen. So viel jedoch sei gewonnen: auch die Radikalsten anerkennen die Notwendigkeit, den Artikel 7 der Verfassung zu streichen.. Die Prophezeiung des Fürsten ging bald in Erfüllung. Cogalniceano legte das Portefeuille des Aeußeren nieder, und an se'ine Stelle trat Campin eano. Die Zeitung „Fanfulla" versicherte am 2Q. Januar 1879, Cogalniceano habe sein Amt niedergelegt, weil die Regierung sich, weigerte, den Berliner Vertrag durchzuführen. Und am 23. Februar erklärte Cogalniceanos Organ Romania Libera, daß „Wankelmut, Kurzsichtigkeit und Zweideutigkeit nach wie vor die Politik bilde, von der die Minister sich leiten lassen. Nach außen hin verspricht man alles; nach innen ruft man in allen Tonarten, man sei entschlossen, nichts zu gewähren." Der Fürst schlug elegische Töne an: „Die rumänische Re-

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