Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1917)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1917-11-01
- Page
- Seite 571 - 572 (sequence 4)
- Language
- German
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571 Rumänien und seine Juden. 572 der aus diesem entspringenden Fragen im Verlauf der nächsten ordentlichen Session eine Konstituante einzuberufen." Die Kammern erhoben diesen Antrag zum Beschluß. Damit hatte das rumänische Parlament im Prinzip den Willen kundgegeben, den Artikel 44 durchzuführen. Die Regierung konnte darauf pochen , daß< der erste Schritt getan war, und von den Großmächten eine Gegenleistung fordern. Am 7. Oktober schrieb Liteano aus Berlin : „Den Kammern blieb nichts übrig, als sich vor den Beschlüssen, des Kongresses zu beugen. "Die einzige Geschicklichkeit eines kleinen Staates, dem die Großmächte eine Bedingung auferlegt haben, besteht darin, sich mit guter Miene zu fügen. ... Es ist vergebens, zu hoffen, daß, Deutschland anderer Ansicht werden würde, solange wir uns in betreff der Rechtsgleichheit mit befristeten Versprechungen begnügen werden. Man vergesse nicht, daß. diese Frage eine lange Vergangenheit hinter sich hat. während welcher unsere Regierenden stets versprachen, sie zu regeln, ohne jemals ans Werk zu schreiten. Diesmal wird Europa die endgültige Lösung abwarten. Wie die Dinge jetzt liegen, hat unser Land noch die Möglichkeit, hierin die Initiative zu ergreifen, in'dem es das vom Berliner Kongreß, entworfene Programm der Großmächte zum Gesetz erhebt. Rumänien könnte hier ein Werk vollbringen, welches seine eigenste Schöpfung wäre, indem es ohne Bedauern veraltete Formeln und. Vorurteile beseitigt, die die Zeit als überlebt gebrandmarkt hat und an die der Fortschritt der Sitten und der Einrichtungen nicht länger gebunden bleiben darf. Rumänien hätte Gelegenheit, sich hier den Segen eines Gesetzes zu verschaffen, ohne welches das Land selber die berechtigten Erfolge der Unabhängigkeit schmälern würde, die es mit seinem Blut auf dem Schlachtfeld erobert hat" . . . Er betont, es sei besser, das Land nähme die Lösung der Frage selber in die Hand, solange es noch Zeit sei .... „Denn Europa, welches sich der Angelegenheit bemächtigt hat, wird sie nicht mehr aus der Hand geben." Der Pariser rumänische Agent Callimachi-Catargiu schrieb am 27. Oktober: „Die Frage unserer Anerkennung macht keine Fortschritte. Waddmgton hat mir erklärt: der Beschluß der Kammern besagt nichts über das Schicksal der Hauptprinzipien, .die der Berliner Vertrag aufgestellt hat. In Berlin wie in London wird man in (diesem Punkte nicht nachgeben. Da man einmal die Initiative ergriffen hat, trägt man auch eine größere Verantwortlichkeit." Die Rumänen setzten nun ihre ganze Hoffnung auf die Italiener, mit denen sie angeblich stammverwandt waren. Das Kabinett Depretis hatte anfangs 1878, entgegen der ausdrücklichen Versicherung Melegaris an die Repräsentanten der jüdischen Gemeinde von Rom, mit Rumänien einen Handelsvertrag geschlossen, in welchem die Rechte der italienischen Staatsbürger jüdischen, Glaubens nicht gewahrt wurden. Cogalniceano wandte sich an den Grafen Corti, der im Kabinett Cairoli das Portefeuille des Auswärtigen innehatte, erinnerte ihn an seine besondere Freundschaft für Rumänien und versicherte, ,,daß> seine Regierung von dem loyalen AVillen beseelt sei, die Bedingungen des Berliner Vertrages zu erfüllen, allein das erfordere, um auf nutzbringende Weise durchgeführt zu werden, den Beistand und die Mitwirkung der Zeit." Man möge also Geduld haben, und einstweilen die Anerkennung aussprechen. „Die Vergangenheit und die Gegenwart bürgen für die Zukunft/'' schloß; der rumänische Staatsmann. In Rom war jedoch das Komitee der Alliance aus einflußreichen und wachsamen Männern zusammengesetzt, die die rumänischen Intrigen gehörig zu beleuchten wußten. In Rom befand sich auch der Pariser Publizist Armand Levy, ehemals ein Kampfgenosse der Republikaner von 1848, der mit den damals in Paris weilenden Freiheitskämpfern aller Länder eng verbunden, war. Er war ein Freund von Michelet, Quinet und Adam Mickiewicz (dessen, entseelte Hülle er von Koastantinopel nach Paris gebracht), er war ein Kamerad von. Bratiano und Rosetti, die in Frankreich Zuflucht gefunden; er hatte damals die Sache Rumäniens in der Pariser Presse energisch vertreten. Dieses Land kannte er ausgezeichnet, da er hier mehrere Jahre gelebt hatte. Er stand in reger Verbindung mit den hervorragendsten italienischen Parlamentariern und hatte auf den Ministerpräsidenten Cairoli großen Einfluß'. Er war rastlos tätig, die Pläne Cogalniceanos zu vereiteln. Am 29 .November 1878 berichtete er der Alliance, daßi die italienische Regierung die Unabhängigkeit Rumäniens nicht eher anerkennen werde, bevor sich das rumänische Kabinett auf diplomatischem Wege verpflichtet, „aus den. Gesetzen und Verwaltungsmaßregeln jegliche konfessionelle Ungleichheit verschwinden zu lassen, den Berliner Vertrag vollständig und loyal durchzuführen, daß den im Lande geborenen jüdischen Kindern mit Erreichung der Großjährigkeit freistehen solle, das rumänische Staatsbürgerrecht zu beanspruchen, und daß die seit zehn Jahren im Lande wohnhaften Juden, nach den Bestimmungen des gemeinen Rechtes naturalisiert werden dürren. Das war viel weniger, als der italienische Bevollmächtigte, Graf de Launay, auf dem Kongreß gefordert hatte; auch schien sich die italienische Regierung mit einem Versprechen zu begnügen. Immerhin aber mochte die rumänische Regierung auch daraus ersehen, daß sie kein leichtes Spiel hatte. Der Fürst eröffnete am 27. November das Parlament in feierlicher Sitzung. Die Stimmung war gehoben, denn Rumänien hatte mittlerweile von der Dobrudscha Besitz ergriffen. In der Thronrede sagte Carol I.: „Das Land wird berufen sein, Revisionskammern (eine Konstituante) zu wählen, denen allein das Recht zusteht, die Verfassung zu ändern; es wird Gelegenheit haben, auf verfassungsmäßigem Wege den Erwartungen Europas zu entsprechen, und dem moralischen Interesse Genüge zu tun, welches die rumänische Nation selber daran hat, aus dem Grundgesetz des Landes das Prinzip der Ungleichheit der Konfessionen auszumerzen, ein Prinzip, welches den Anschauungen unseres aufgeklärten Jahrhunderts nicht mehr entspricht." Deutlicher konnte man nicht sein. Europa mochte sich zufrieden geben. Mit jenem Parlalamentsbeschluß< und dieser Thronrede konnte man sich sehen lassen. Cogalniceano fing Ende November an, abermals Noten an die Kabinette zu richten und seine diplomatischen Agenten reden zu lassen. Er gab