Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1917)
- Article
- Die Entstehung des ethischen und religiösen Universalismus
- Date
- 1917-11-01
- Page
- Seite 559 - 560 (sequence 3)
- Language
- German
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559 Die Entstehung des ethischen und religiösen Universalismus. 560 ihr logisches Verhältnis dann nicht umkehren? Vielleicht verkünden die Propheten den einen Gott, weil sie erkannt haben, daß die verschiedenen Völker eine Einheit bilden, dasselbe sittliche Gesetz sie alle bindet und dieselben sittlichen Kräfte in ihnen wirken. Daraus folgt ja mit scheinbarer Notwendigkeit, daß in allen Menschen derselbe Gott sich •offenbart. Die zahllosen Nationalgötter der Heiden sind •ohne Zweifel die Folge der Verschiedenheit der Völker und der religiöse Ausdruck ihres nationalen Fühlens. Jedes Volk hat seine eigenen Götter, weil es sich als besonderes Volk empfindet, das seine selbständigen Interessen hat. In dem Augenblick aber, in dem die verschiedenen Völker für das religiöse Fühlen zur einen Menschen zusammenschmelzen und die nationalen Schranken fallen, fehlt auch der seelische Grund und die logische Möglichkeit, den Glauben an die vielen Nationalgötter festzuhalten. So scheint der Monotheismus sich aus dem ethischen Universalismus zu ergeben. Die Vielheit der heidnischen Götter bedeutet jedoch nicht, daß jedes Volk seinen eigenen Gott verehrt, sondern auch ein einzelnes betet zu vielen Göttern. Selbst das genialste Volk der Antike, das griechische, hat, solange seine religiöse Kraft sich in naiven religiösen Schöpfungen offenbarte, den Polytheismus nicht überwunden. So hätte auch für die Propheten an sich die Möglichkeit bestanden, neben dem einen Gott der Sittlichkeit, der zu allen Menschen spricht, eine Vielheit von Naturgöttern zu lehren. Menschheit und Natur sind ja nicht identisch, und die Vielheit der Naturkräfte., die zum Polytheismus führt, bleibt bestehen, auch wenn die Einheit des Sittlichen erkannt' ist. Wenn trotzdem den Propheten die heidnischen Naturgötter vor ihrem heiligen Gott in ein Nichts versanken, so verrät sich darin die leidenschaftliche Glut ihres ethischen Gefühls. Sie empfanden die Heiligkeit und Macht des Sittlichen so stark, daß vor seiner Majestät die Herrlichkeit der Natur verblaßte und alles Lebende in demutsvollem Schweigen sich dem heiligen Willen Gottes beugte. Die Unbedingtheit, mit der ihr Gewissen zu ihnen sprach und seine sittliche Forderung stellte, verwandelte sich ihnen in die absolute Allmacht Gottes, der neben sich keinen anderen Herrscher duldet und dessen .Reich [das Weltall ist. Der Monotheismus hat also seinen Ursprung nicht in dem menschheitlichen, übernationalen Empfinden der Propheten, sondern er entstand, weil ihnen das Sittliche die stärkste und entscheidende Kraft war, die im Weltall wirkt. Ethischer Universalismus und Monotheismus bilden demnach zwei selbständige Konzeptionen. Sie stehen zueinander nicht im Verhältnis von Grund und Folge, sondern entspringen verschiedenen Quellen. Wer nicht menschheitlich empfindet, die innere Verwandtschaft aller Menschen, die Gleichheit ihrer sittlichen Natur nicht gelten läßt, kann nicht durch logische Beweisführung gezwungen werden, die gleichmäßige, universale Geltung der sittlichen Gesetze anzuerkennen. Wem die überlegene, alles andere beherrschende Kraft des Sittlichen nicht absolut gewiß ist, dem läßt sich, auch wenn er die Einheit der Menschheit zugibt, die Wahrheit des Monotheismus nicht beweisen. Von diesem Ergebnis aber fällt auch auf die Beziehung der prophetischen Religion zur mosaischen Lehre ein neues Licht. Wenn die Erkenntnisse der Propheten nicht untereinander in logischer Verbindung stehen, dann liegt die Vermutung nahe, daß sie auch mit der Religion des Mose nicht durch das Band der Logik verknüpft sind. Die geschichtliche Abhängigkeit der Propheten von der religiösen Ueberlieferung ihres Volkes ist unbestreitbar. Warum aber verwandelt sich ihnen der Volksgott Israels in den Gott der Menschheit? Weil ihr menschheitliches Fühlen jeden religiösen Partikularismus ausschließt. Für Mose vertrug sich die Vorstellung eines heiligen Gottes mit dem Glauben an eine bevorzugte Sonderstellung Israels, weil er vor allem den fundamentalen Gegensatz empfand, der zwischen den heidnischen Völkern und seinem eigenen bestand. Im Vordergrund seines Bewußtseins steht das Gefühl, daß Israel den Heiden an sittlichem Wert unendlich überlegen ist. So wird sein Volk ihm zum „auserwählten" Volk. Die Propheten aber empfinden — vielleicht unter dem Eindruck der Sündhaftigkeit Israels, die sie so stark betonen — das Verbindende und Gemeinsame, das die Menschen eint. Die Exklusivität des nationalen Fühlens weicht einer objektiveren, gerechteren und liebevolleren Stellung zur Heidenwelt. Damit aber war von selbst gegeben, daß Israel seine religiöse Sonderstellung einbüßt, der heilige Gott der Gerechtigkeit und Liebe nicht mehr der Gott eines einzelnen Volkes bleiben konnte. Nicht, die Konsequenz der Logik zwingt also die Propheten, den nationalen Standpunkt Mosis aufzugeben, um dem Widerspruch zu entgehen, der in ihm liegt, sondern ihr neues seelisches Verhältnis zur Heidenwelt führt sie zur Lehre von dem Gott der Menschheit. Ihr menschheitliches Empfinden ist demnach die Wurzel, aus der auch ihr religiöser Universalismus stammt. Auf dieselbe Weise verändert sich für die Propheten auch die ethische Anschauung des Mose. In ihm mildert das sittliche Empfinden die Strenge seines Nationalgefühls. Seine moralische Gesetzgebung hebt darum den Unterschied zwischen Israel und den Heiden so weit auf, daß er Gerechtigkeit und Liebe auch dem Fremden gegenüber fordert. Die sittliche Anlage der Heidenwelt aber und ihre kulturelle Zukunft bleiben vollkommen außerhalb seines seelischen Horizonts. Daher richtet er seine