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Ost und West · 1917-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1917) · p. Seite 557 - 558

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1917)
Article
Die Entstehung des ethischen und religiösen Universalismus
Date
1917-11-01
Page
Seite 557 - 558 (sequence 2)
Language
German
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557 Die Entstehung des ethischen und religiösen Universalismus. 558 folgerichtigen Schließens. Wir verdanken ihnen nicht grundlegende neue ethische Begriffe, nicht eine inhaltliche Bereicherung unserer sittlichen Erkenntnis, die Forderungen der Gerechtigkeit und der Menschenliebe, die sie erheben, sind ja nur eine Wiederholung der moralischen Tradition des Mosaismus. Ihre Größe liegt vielmehr in der Entschiedenheit und Klarheit, mit der sie aus der religiös-ethischen Grundkonzeption des' Mose intuitiv die letzten Schlüsse ziehen. Eine solche Auffassung der Propheten drängt sich um so stärker auf, als auch zwischen den Wahrheiten, die sie lehren, ein logischer Zusammenhang zu bestehen scheint. Ihr ethischer Universalismus ist scheinbar nur die Folge, des entschiedenen Monotheismus, den sie 'verkünden. Dem einen Gott entspricht die eine Menschheit, in der alle Unterschiede und Grenzen der Nationen aufgehoben sind. So verbreitet diese letzte Anschauung ist, so hält sie dennoch der Kritik nicht stand. Sie hat ihre Stütze scheinbar in den Worten des Maleachi 2, 1: „Haben wir nicht alle einen Vater, hat nicht ein Gott uns alle erschaffen, warum sollte Bruder gegen Bruder treulos handeln?" Was aber ergibt sich denn aus dem Glauben an einen einzigen Gott, den Schöpfer aller Menschen? Der Begriff der Schöpfung hat eine zusammenfassende und verbindende Kraft, er schließt um die Geschöpfe Gottes einen heiligen Kreis, innerhalb dessen der Wille Gottes herrscht, die Ideale der Gerechtigkeit und Liebe gelten. Jedes einzelne von Gott geschaffene Wesen hat Anspruch auf eine gerechte Würdigung seines Wertes und auf Gottes Vatergüte. Von Gott geschaffen ist jedoch nicht nur die Menschheit, sondern das ganze Weltall mit seinem unermeßlichen Reichtum tausendfältigen Lebens. Es entspricht daher vollkommen dem ethischen Grundgedanken des Judentums, wenn die Bibel ein gewisses Maß humanitären Fühlens auch den Tieren gegenüber fordert und selbst die nutzlose Vernichtung eines fruchttragenden Baumes streng verbietet. Bedeutet das aber, daß jedes lebende Wesen denselben idealen Wert besitzt und die sittlichen Gesetze auf alle in gleicher Weise anzuwenden sind? Der Begriff der Schöpfung hebt die Verschiedenheit nicht auf, die zwischen den Geschöpfen hinsichtlich ihres Wertes und ihres Lebensrechts besteht. Dann aber gilt auch für die Völker und Rassen innerhalb der Menschheit das gleiche sittliche Gesetz nicht schon deshalb, weil ein Gott sie alle schuf. Gäbe es Nationen von fundamental verschiednem sittlichem Wert und bestände zwischen ihnen eine unüberbrückbare Differenz des Wesens, dann brauchte man nicht dieselben sittlichen Forderungen für sie alle aufzustellen, obwohl sie auch dann Geschöpfe eines Gottes wären. Ebenso, wie Tiere und Pflanzen ihres geringeren Wertes wegen dem Menschen mit Recht geopfert werden, brauchten auch niedere und höhere Völker nicht das gleiche Lebensrecht, denselben Anspruch auf Gerechtigkeit und Liebe zu besitzen, und hätten nicht die gleiche Pflicht, inhaltlich übereinstimmende sittliche Gesetze zu erfüllen. Der Begriff der Schöpfung bildet aus den Völkern nicht eine gleichförmige Einheit, weil er Verschiedenartiges umfaßt, Schöpfung: und Menschheit nicht korrespondierende Begriffe sind. Vom Begriff des einen göttlichen Schöpfers aus konnten die Propheten nicht dazu gelangen, für alle Menschen dasselbe sittliche Ideal zu schaffen. Ihre Genialität ist also nicht logischer Natur, sondern ist eine Genialität des Fühlens. So innig ihre Liebe zu ihrem Volke ist, so entschieden sie die Eigenart Israels empfinden, die es von allen anderen Nationen scheidet, so fühlen sie dennoch, daß alle Völker im Kern ihres Wesens übereinstimmen. Vor ihrem divinatorischen Blick verschwindet alle äußere Verschiedenheit, die jdie Menschen trennt, und sie erkennen, daß in den Opfern und Gebeten, mit denen die Heiden ihren Göttern nahen, dieselbe religiöse Sehnsucht ringt, die sich in Israel eine höhere Gottesvorstellung und einen reineren Kult geschaffen hat. Die Propheten sind es auch,, die an den Heiden die Treue rühmen, mit der sie ihren Göttern dienen, sie empfinden, daß dieselbe sittliche Sehnsucht in allen Menschen schwingt. So enthüllt sich ihrem Herzen die seelische Verwandtschaft, die wesenhafte Gleichartigkeit der verschiedenen Völker, und sie erkennen in den Heiden ihre Brüder. Der Begriff der Menschheit, der so entsteht, erschließt sich ihnen nicht als Folge eines logischen Raisonnements, nicht als Ergebnis folgerichtigen Denkens, sondern er ist der unmittelbare Ausdruck ihres menschheitlichen Fühlens, der Empfindung der inneren Zusammengehörigkeit der Menschen. In dieser Kraft und Tiefe menschlichen Empfindens scheint mir das Geheimnis der prophetischen Genialität zu liegen. Ihr ethischer Universalismus hat in ihm seine selbständige und letzte Wurzel. Weil die Propheten die Identität der menschlichen Natur erkannten, die wesenhafte Gleichartigkeit und Verwandtschaft aller Menschen fühlten, darum gilt auch für sie innerhalb der gesamten Menschheit dasselbe sittliche Gesetz. So sind auch die Worte des Maleachi zu verstehen. Sie enthalten nicht eine verstandesmäßige Deduktion, sondern aus dem Gefühl der Brüderlichkeit heraus stellt der Prophet die Frage: „Haben wir nicht alle einen Vater, hat nicht ein Gott uns erschaffen, warum sollte Bruder gegen Bruder treulos handeln?" Sie bedeutet: „Wir sind ja Brüder, warum sollten wir unbrüderlich gegeneinander handeln?" Doch wenn der ethische Universalismus nicht die logische Folge des Monotheismus ist, läßt sich

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