Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1917-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1917) · p. Seite 547 - 548

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1917)
Article
Henryk Glicenstein als Zeichner
Date
1917-11-01
Page
Seite 547 - 548 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2583875-2584069-2584077-2606094--16837-2606142
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

547 Henryk Qlicenstein. 548 brandts. Nicht ein einziger Punkt ist hier überflüssig. Glicenstein, scheint uns, hütet sich ständig davor, seine Zeichnungen mit Tusche oder mit groben Kohleschattierungen auszufüllen. Er benügt sich mit feinen, oftmals kaum bemerkbaren Linien. Mit zarten Fingern berührt er die verborgenen Saiten im Zuschauer. Und doch genügt dies, um dies selbe Stimmung zu erwecken, die den Künstler beim Schaffen beherrschte. * * * Im Verlaufe der letzten drei Jahre war der Bildhauer Glicenstein infolge des Krieges seiner Tätigkeit als Plastiker entzogen. Weder fand er das passende Milieu, noch die nötige Ruhe, die er bis dahin in Italien hatte, noch die Ausdrucks? mittel, um seine Gedanken in Ton oder Marmor verkörpern zu können. Das unruhige Leben rings herum, die Ver? Wüstungen, sein zertretenes halbverheertes Vaterland Polen, seine unglücklichen jüdischen Brüder, die sich die ganze Zeit über wie zwischen Hammer und Ambos befanden — all das erschütterte ihn jeden Tag zu sehr, als daß er die nötige Seelenruhe und konzentrirte Kraft für plastische Schöpfungenhätte finden können. Aber der innere Drang des echten Künstlers ist zu stark, um ihm zu gestatten, mit verschränkten Armen dazusitzen und bessere Zeiten abzuwarten. ... Das brausende Ta? lent sucht sich Luft zumachen. Undmit der ganzen Leiden? schaft, deren Gli? censtein fähig ist, ergab er sich der Zeichnung, dem vorbeihuschenden Schattenriß, dem Ausdruck, der jäh aufleuchtet und bald erlischt, der feinen, harmoni? sehen Bewegung und Haltung, die den schauenden und empfänglichen Künstler reizen. Das alles fing er auf und hielt es in der Zeichnung fest. Es istbemerkens? wert, daß während der Bildhauer Gli? censtein sich immer von dem Monu? mentalen, Ueber? menschlichen ange? H. GLICENSTEIN zogen fühlte, von den mächtigen Problemen des Lebens und den ewigen Symbolen der Geschichte, die ihn drängte, Werke wie »Bar Kochba«, »Messias«, »Sphinx« und ähnliche zu schaffen — den Zeichner, im Gegenteil, das Augenblickliche, Sanfte und Alltäg? liehe anzieht: das volkstümliche Motiv, die Idylle, die zitternden Schattenriße der Armen und Ge? brochenen. Die Umgegend des jetzigen Warschau und Lodz mit ihren Dutzenden zerstörter und ver? wüsteter Städte und Städtchen lieferte ihm des Stoffes eine ganze Fülle. Da ist die wehmütige, halbdunkle Tintenzeich? nung »Vor der Volksküche»; wenn man die gebeugte, vor Kälte zitternde Figur des Armen anschaut, rieselt es einem kalt über den Rücken und man möchte sich in des Großvaters alten Pelzmantel hüllen, an die Figur näher heranrücken und ein gutes, teil? nehmendes Wort zu ihr sprechen. Da ist wiederum die »Verlassene«; auf einen Arm gestützt, liegt sie am Boden halb hingeworfen, mit dem Ausdruck von Schrecken, Hilflosigkeit, Leid und Bangen im Gesichte; sie sieht dem Lebenswagen nach, der sie soeben abgeworfen hat •und davon rollt, sie einsam auf dem staubigen Weg zurücklassend, nur mit einem leichten Tuch um die mageren Schultern. Da ist ferner der »Jüdische Glaser« mit seiner ganzen primitiven Werkstatt auf dem Rücken, einem Joch von Glas und Heimatlosig? keit, das er immer? zu mit sich her? umträgt. Auf dem interessanten, ge? furchten und typi? sehen Gesicht ist eine eigenartige, philosophische Ruhe hingegossen, die Ruhe des schlichten Mannes aus dem Volke, der sein herbes Schicksal mit Er? gebenheit trägt. Da sieht man den Kopf eines al? ten Juden, mit ei? nigen geraden und zackigen Tinten? strichen skizziert, mit dem erstarrten Ausdruck von vielen Leiden und vielen Erfahrungen. rfM^L Jüdisches Mädchen FEDERZEICHNUNG

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.