Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1917)
- Article
- Henryk Glicenstein als Zeichner
- Date
- 1917-11-01
- Page
- Seite 549 - 550 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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549 Henryk Glicenstein. 550 Der Kopf spricht gleichsam zu uns: Mich, ihr Kinder, kann nichts über? raschen, weder eure Kriege, noch eure Revolutionen, noch eure Progrome, ich bin der Sohn eines uralten Volkes, weis ches quer durch die ganze Geschichte der Menschheit gegangen ist, Enkel und Urenkel von Märtyrern. Alles ist schon dagewesen, alles wird noch kommen. Man betrachtet die »Wahrsagerin«. Ein eigenartig hingegebener Glaube mit einer kaum merklichen Ironie ver? bergen sich in den Winkeln ihrer Augen und Lippen, während sie eine ihrer ausgelegten Karten betrachtet. Sie träumt wahrscheinlich einsam und prophezeit sich selber in nächtlicher Stunde, von niemandem gesehen, sie möchte gern glauben, daß die besten Jahre noch nicht ganz vorüber sind. Da sieht man ferner das »Jüdische Mädchen«, mit dem Ausdruck der tiefen Keuschheit, die in ihrem lieben Profil leuchtet, obgleich die leicht auf? geworfenen, halbgeöffneten Lippen von verborgenen, heißen Mädchenträumen erzählen .... Aus allen diesen Figuren blickt uns ein Künstler voller Hingabe an, der zwischen seinen Silhouetten lebt und mit ihnen zusammen leidet. Der Bild? hauer Glicenstein, der hohen, über? irdischen und ewigen Zielen nachstrebt, ist weit, weit . . Und das setzt seine Vielseitigkeit in ein volles Licht. Verschiedenartig sind seine Themen, verschie? denartig die Ausführung, verschieden auch das Mate? rial einer jeden Zeichnung: Bleistift, Kreide, Kohle, Wasserfarben und Tinte. Er macht aus keinem gelun? genen Werke ein Genre. Er schabionisiert nicht die Ausführung dieser oder jener Zeichnung, er spezi? alisiert sich nicht in diesem oder jenem Mittel zum Malen, damit die Arbeit stets rundlich, abgezirkelt und geleckt herauskomme und dem Geschmack GLICENSTEIN KREIDEZEICHNUNG aller Welt Genüge täte. Glicenstein läßt sich nicht von den leblosen Mitteln beherrschen, sondern er zwingt sie unter seine Herrschaft. Jedes Stück Papier, glatt oder rauh, jeder Stoff, der sich als Zei? chenmittel verwenden läßt, genügt ihm, um dadurch malerisch auszudrücken, was er sieht, was ihm vor? schwebt. Auch an Ausführung und Stimmung ist es fast unmöglich, eine seiner Zeichnungen mit einer anderen zu vergleichen. Für jeden, der den Bildhauer Glicenstein kennt, ist es eine besondere Genugtuung, in ihm nun auch einen Zeichner von solcher Tiefe kennen zu lernen.