Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1917)
- Article
- Heeresdienst und Vaterlandsdienst der deutschen Juden im Kriege
- Date
- 1917-11-01
- Page
- Seite 537 - 538 (sequence 9)
- Language
- German
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537 Heeresdienst und Vaterlandsdienst der deutschen Juden im Kriege. 538 Da aber diese Pflicht vernachlässigt wird, ist es die Kegel, daß die jüjdische Gesamtheit für jede wirkliche oder angebliche Missetat jedes wirklichen oder vermeintlichen Juden verantwortlich gemacht wird, während ihr die geistigen und moralischen Großtaten ihrer echten Söhne nicht angerechnet werden. 'Dadurch verzerrt sich die sittliche und intellektuelle Physiognomie der jüdischen Gesamtheit nicht) nur in den Augen der nichtjüdischen Oeffentlichkeit, sondern auch in den Augen der Juden selber. Noch von einem anderen Gesichtspunkt wäre es von großer Wichtigkeit, die Leistungen der Juden auf dem Gebiete der wissenschaftlichen, technischen und künstlerischen Kultur darzulegen. Man schreibt und spricht so viel davon, daß zwischen dem arischen oder germanischen und dem jüdischen Geiste eine so tiefe Verschiedenheit bestehe, daß keine Verständigung, ■ keine Synthese, kein Ausgleich zwischen beiden möglich sei, daß aber letzterer auf den erstcren nur zersetzend und zerstörend einwirke, und eine Gefahr für die europäische, insbesondere für die germanische Gesittung bilde. Wie nun, wenn es sich herausstellen sollte, daß eine ganze Eeihe hervorragender geistiger Schöpfungen, die Juden zu Urhebern haben, zum Gemeinbesitz der germanischchristlichen j Kulturmenschheit geworden sind, die sich 'an ihnen erlabt und erquickt, sich von ihnen gefördert und innerlich bereichert fühlt, ohne je auch nur die leiseste Empfindung zu haben, daß sie etwas Fremdartiges oder Unverdauliches in sich aufgenommen habe, das sie eigentlich abstoßen und ausscheiden müßte? Dann würde diese ganze Theorie von dem unversöhnlichen Gegensatz zwischen dem germanischen und dem jüdischen Geist in die Brüche gehen und es würde sich herausstellen, daß' umgekehrt, zwischen beiden eine tiefe Verwandtschaft besteht, daß der jüdische Geist, bei aller individueller Eigenart und Besonderheit, die ihm innewohnt, den germanischeuropäischen wohltuend ergänzt, und von ihm wiederum ergänzt wird, daß sie sich gegenseitig anziehen, und, zu einer höheren Einheit verflochten, in gemeinsamer Arbeit Schöpfungen von vollendeter Harmonie hervorbringen. Im Plane der kleinen Schrift „Die deutschen Juden im Weltkriege" lag es nun allerdings nicht, die gesamte wissenschaftliche Tätigkeit der deutschen Juden umfassend darzustellen, aber einige Kapitel daiin bieten ein sehr reiches Material hierzu, welches noch bedeutend ergänzt werden kann. Auf dem Gebiete der Arzneikunde und der Heilkunst haben sich die Juden in diesem Kriege durch ihre praktische Tätigkeit auf dem Schlachtfelde wie in den Lazaretten glänzend bewährt. Allein, das darf als etwas Selbstverständliches angesehen werden, da die Medizin das einzige wissenschaftliche Gebiet war, aus dem die Juden auch in den finstersten Zeiten nicht ganz verdrängt wurden. Bedeutsamer ist es, daß einige der allerwichtigsten Entdeckungen zur Verhütung und Bekämpfung der ansteckenden Krankheiten, von denen die Menschheit in diesem Kriege am stärksten bedroht wurde, von Juden herrühren. Da sind in erster Eeihe die Arbeiten von Ehrlich, Wassermann und N e i ß e r zu nennen, deren Ergebnisse für den Gesundheitszustand des Heeres und der Bevölkerung daheim, von unabsehbarer Bedeutung sind. Das Salvarsan ist überdies auch eine der wichtigsten Waffen im 'wirtschaftlichen Kampfe;. Deutschlands. Wassermann hat außerdem.über die Behandlung des Wundstarrkrampfes eine wertvolle Arbeit geliefert, die im Kriege eine besondere Bedeutung erlangt hat und die Schutzim p - fungen der Armee organisiert. Wichtige Methoden zur Bekämpfung der Kriegsseuchen hat ferner Prof. Julius M o r g e n r o t erfunden. Auch das Kokain, das bei den im jetzigen Kriege so häufigen chirurgischen Operationen eine wichtige Bolle spielt, ist von einem Wiener jüdischen Arzt Dr. Niemand hergestellt worden. Der österreichische Chirurge Dr. Barany (jetzt in Upsala) erhielt, während er in russischer Gefangenschaft weilte, den medizinischen Nobelpreis. Noch bedeutsamer ist es, daßi jüdische Forscher auf dem Gebiete der Technik und der Chemie überaus hervorragende Leistungen aufzuweisen haben. Die Technik steht nämlich mit dem Handwerk in unmittelbarem Zusammenhang, während die Chemie, wie man meinen sollte, ausschließlich die Domäne jener ist, welche unmittelbar mit der freien Natur und den Rohprodukten, welche sie hervorbringt, in Berührung stehen. Die Juden aber waren vom Handwerk sowohl, alsvonder fr eierr'Natur'jahrhundertelang ausgeschlossen und sind es zum großen Teil auch heute noch. Gleichwohl haben jüdische Ingenieure, Techniker und Chemiker eine Reihe von bahnbrechenden Leistungen aufzuweisen. So z. B. der verstorbene Emil Rathenau, der mit seiner „genialen Erfindung der Drehst r o m m o - t ore" wie kein geringerer als Prof. S'läby versichert, ,,die Kultur an einen neuen Wendepunkt" gebracht hat. „Ihm allein gebührt der Vorsprung, den damals' die deutsche Elektrotechnik gewann und der bis zu den Victoriafällen in Afrika seine Wirtschaft-