Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1917-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1917) · p. Seite 529 - 530

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1917)
Article
Heeresdienst und Vaterlandsdienst der deutschen Juden im Kriege
Date
1917-11-01
Page
Seite 529 - 530 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2584069-2584077-2606090--16821-2606133
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

529 Heeresdienst und Vaterlandsdienst der deutschen Juden im Kriege. 530 städtische und industrielle Entwicklung, Peinarbeit und Kopfarbeit tausendmal der Moloch sind, (der die vom Lande und der Landwirtschaft in die Stadt und die Industrie strömende Lebenskraft immer von neuem verzehrt, ohne diesen Moloch geht es nicht. Wenn der russische Koloß eine Bildungsschicht in der Breite der unsrigen hätte, aus der er, wie wir, immer von neuem die vernichteten Führer wieder ersetzen könnte, wir wären verloren. ... Jn bisher ungeahntem Maße braucht der Körper geistige Kräfte, und wenn er ihre Ausbildung in erforderlicher Anzahl noch so sehr mit geringerer Tauglichkeit seiner Städter und Stadtgeborenen, seiner Industrie- und Kopfarbeiter bezahlen muß, er muß sie haben. Mehr als früher ist'heute die Wehrmacht eine geistige Macht. In der degenerierenden höheren Schule, im zersetzenden Laboratorium ist sie am Werke. „In Friedenszeiten haben sich die Techniker, - die Chemiker, die Aerzte gegenseitig im' Wege gestanden; der Krieg hat gezeigt, daß ihrer noch nicht genug waren." Wer fragt nach ihrer Tauglichkeit? Sind sie;,verwendungsfähig'4? In Friedenszeiten konnten tüchtige Handwerker und gerissene Handlungsbeflissene nicht vorwärts kommen. Im Kriege weiß man sie in der Werkstatt, in der Etappe und an der Front als Organisatoren zu schätzen. Unzählige Schreiber, gewandte Telephonisten, gebildete Sprachkundige werden gebraucht. Sind sie verwendungsfähig"? Das ist die einzige Frage. Der Verfasser zählt eine ganze Reihe von Fällen auf, in denen jüdische junge Leute direkt aus den Schützengräben geholt wurden nach Stellen, wo sie 'organisatorische Funktionen zu erfüllen haben. Die Juden zeichnen sich eben durch hervorragende Begabung für Organisation aus. Einer von ihnen, Handlungsgehilfe von Beruf, leitet eine Automobilwerkstatt mit Garage von vierhundert Autos in einer belgischen Großstadt, ein anderer leitet die technische Abteilung eines Betriebes, ein dritter, selbständiger Kaufmann, leitet die Muni tions zufuhr und nebenbei, dicht hinter der Front, die Organisation icler Landwirtschaft. Ein vierter wurde auf dem Wege zur Front zurückberufen und zum Leiter einer Zentralorganisation in Berlin gemacht. „Jeder von uns könnte aus seinem Bekanntenkreis eine Anzahl solcher Fälle nennen. So kommen Juden aus der Front in Stellungen, wo sie dem Kugelregen weniger ausgesetzt sind, — aber doch sicherlich nicht, weil man sie vor dem Kugelregen bewahren will, sondern weil sie anderswo besser verwendet werden können und müssen." Die Bildungsschicht unter den Juden ist eben zehnmal breiter als unter den anderen Konfessionen und ein Abfluß aus dieser Bildungsschicht in das Offizierkorps findet bei ihnen in viel geringerem Maße statt, als bei den anderen. Dazu kommt, "daß für die fraglichen Posten hauptsächlich Selbständige und Angestellte in Handel und Industrie in Betracht kommen, nicht aber Arbeiter. Nun sind von den Juden, die in Handel und Industrie tätig sinjd, 49,6 Prozent, bei den Protestanten 13,2 Prozent, bei den Katholiken nur 9,6 Prozent Selbständige. (Ein Verwandter des Verfassers, ein bedeutender Fabrikant, wurde aus sehr gefährlicher Stellung an der Front in eine organisatorische hinter der 'Front versetzt, weil man ihn sonst zum Offizier hätte machen müssen!) Die zwangsweise Zusammenpferchung der Juden in den Ghettos der Großstädte und deren Ausschließung aus dem Ackerbau, sowie aus den Handwerksgilden und -zünften durch die mittelalterliche Gesetzgebung, welche bis in das 19. Jahrhundert andauerte, hat aus ihnen Gehirn- und Nervenmenschen gemacht, hat ihre Muskelkraft und ihre Fähigkeit, Strapazen zu ertragen, bedeutend herabgemindert gegenüber der christlichen, namentlich der katholischen Bevölkerung; sie hat sie zu ,,geborenen" Großstädtern 1 gemacht, deren Nahrungszweig und Tätigkeit hauptsächlich Handel und Industrie, sowie die freien Berufe bilden. Sie hat ihre Geburtenzahl herabgedrückt, und ihre Kinder in die höhere Schule gedrängt. Daher ist ihre Bildung'sischicht eine um so viel breitere, als bei der nichtjüdischen Bevölkerung. Im ärztlichen Berufe sind sie ungefähr siebenmal so stark vertreten, als ihrem Prozentsatz in der Bevölkerung entspricht; es dienen also siebenmal so viel Juden als' Aerzte im Heere, meist hinter der Front, wo sie der Todesgefahr weniger ausgesetzt sind, als die Frontsoldaten; irn! Juristenberuf (als Rechtsanwälte, Notare, Patentanwälte) gar vierzehn- bis sechszehnmal stärker als nach' ihrem Anteil an der Bevölkerungszahl zu erwarten wäre. Aus den Kreisen der Juristen rekrutieren sich aber die Reserveoffiziere — die Juden, die nur in sehr geringem Maße zu Offizieren ernannt werden, dienen beim Kriegsgericht, oder werden zur Organisierung des Justiz-, Verwaltungs- und Polizeiclienstes im besetzten Gebiete verwendet. Daß ihr Gefahrenrisiko sich dadurch vermindert, ist nicht ihr Verdienst und nicht ihre Schuld, es ist die Folge der Ausschließung, der sie jahrhundertelang unterworfen waren, und die jetzt ihre Früchte trägt. Für die Verteidigung des Vaterlandes, sind ihre Dienste genau so wichtig, wie die der anderen, die ihre Muskeln und ihre größere

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.