Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1917)
- Article
- Heeresdienst und Vaterlandsdienst der deutschen Juden im Kriege
- Date
- 1917-11-01
- Page
- Seite 525 - 526 (sequence 3)
- Language
- German
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525 Heeresdienst und Vaterlandsdienst der dentschen Juden im Kriege. 526 gleichem Maße den Erfolg des Krieges aufs Spiel setzen müßte. Femer hat dieser Krieg ganz besonders hohe Anforderungen an die ärztliche Kunst und den Sanitätsdienst gestellt wie nie zuvor. Nun ist es eine bekannte Tatsache, daß die Landbevölkerung, die in der Landwirtschaft tätig ist, einen ungleich höheren Prozentsatz der „Tauglichen" stellt, d. h. solcher Personen, die in bezug auf ihre Körperbeschaffenheit für den Front- und Schützengrabendienst geeigneter sind, als die Abkömmlinge der Städter; diese dagegen stellen ein weit höheres Kontingent der „Verwendungsfähigen". Von den Städtern wiederum liefern die Angehörigen der Handwerker und Arbeiterklassen eine größere Anzahl von Tauglichen, als die Angehörigen der sogenannten freien Berufe, als die Angestellten oder Selbständigen im Handel. Nun ist die katholische Bevölkerung Deutschlands in weit höherem Maße Landbevölkerung als die evangelische; daher ergibt sich der verhältnismäßig höhere Prozentsatz Militärtauglicher, den die Katholiken imVergleiche mit den Evangelischen liefern. Man sieht, daß die Anzahl der Frontsoldaten, die eine Konfession oder eine Klasse liefert, nicht mit dem Grad ihrer Vaterlandsliebe zusammenhängt, 1 sondern ein Ergebnis natürlicher Ursachen und sozialer Vorgänge ist. Bei den Städten mit mehr als 100 000 Einwohnern gellt die Militärtauglichkeit der dort G-eborenen bereits auf 51 Prozent dessen zurück, was man erwarten müßte, bei Berlin sogar schon auf nur 37 Prozent, während sie bei den Ortschaften mit weniger als 20 000 Einwohnern sogar auf 111 Prozent des „Solls" steigt, in Ostpreußen sogar auf 142 Prozent. Noch stärker als bei den Stadtgeborenen zeigt sich der Einfluß der Stadt auf die Militärtauglichkeit bei den Kindern der Stadtgeborenen. Vollstädter, d. h. Heerespflichtige, deren Eltern bereits in der Stadt geboren sind, liefern nur halb so viel Soldaten wie jene Stadtbewohner, die noch selber auf dem Lande geboren sind. Wenn man nun in Betracht zieht, daß im Jahre 1910 in Preußen Von je ,100 Evangelischen 51 Prozent auf dem Lande, 49 in den Städten, 38,6 in den Ortschaften mit mehr als 20000 Einwohnern wohnten, von den Katholischen dagegen 59 auf dem Lande, 41 in den Städten und 33 Prozent in den Ortschaften mit mehr als 20 000 Einwohnern i— so wird man begreifen, daß die Katholischen einen bedeutend höheren Prozentsatz zu den Tauglichen stellen, als die Evangelischen i—, ohne daß jemand dadurch berechtigt wäre, die Evangelischen deshalb der Drückebergerei oder der mangelnden Vaterlandsliebe anzuklagen. Im Offizierkorps stellt sich das Verhältnis natürlich ganz anders, da Katholiken in weit minderem Grade zum Avancement zugelassen werden, als Protestanten. Es ist klar, daß diese Einflüsse von Stadt und Land von ganz besonder Bedeutung sein müssen bei einer Konfession, deren Angehörige seit Jahrhunderten Städter sind, die die Gesetzgebung und dann die eherne Macht der Umstände seit jeher vom Ackerbau ausschlössen. Will man nun den Prozentsatz, den eine solche Konfession dem Heere als Taugliche liefert, richtig berechnen, so darf man ihn selbstverständlich nicht mit dem Prozentsatz der Gesamtbevölkerung, sondern I nur mit dem der Städter vergleichen. In Preußen wohnten im ganzen 12,7 Prozent Juden auf dem Lande (zumeist auch hier nicht als Landwirte, sondern irgendeinem „städtischen" :Gewerbe, als Handwerker oder Kaufleute, ergeben), dagegen S7,36/s Prozent in den Städten, 72,9 Prozent in clen Ortschaften mit über 20 0Ö0 Einwohnern. Was Wunder also, daß die Juden einen weit geringeren Prozentsatz von Militärtauglichen liefern als die Nichtjuden? „Die Protestanten," sagt der Verfasser, „werden, sowohl was ihren Prozentsatz im Heere, als was den Prozentsatz ihrer Gefallenen anbelangt, nicht ganz in der Mitte stehen zwischen den betreffenden Prozentsätzen bei den Katholiken und bei den Juden." Ein weiteres Moment, welches auf die Beteiligungsstärke der einzelnen Konfessionen an der Heerestauglichkeit einwirkt (das aber mit den bereits Hervorgehobenen zusammenhängt), ist der Altersaufbau der Bevölkerung, der sich in der Zahl der Geburten ausdrückt. Die evangelische Bevölkerung bildete 1910 in Preußen 61,82 Prozent der Gesamtheit, an G-eburten entfielen auf sie 52,3 Prozent, die katholische bildete 36,4 Prozent, hatte aber an Geburten 40,4 Prozent, die Juden dagegen, welche 1,04 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, wiesen 0,5 Prozent an Geburten auf. Während also die Katholiken beinahe um 4 Prozent mehr Geburten lieferten, als ihrem Prozentsatze entspräche, blieben die Evangelischen um nahezu 10 Prozent, die. Juden sogar um mehr als die volle Hälfte, also um 50 Prozent hinter dem „Soll" zurück. Nun weist der Verfasser nach, daß diese Rückstancligkeit der Geburten mit dem städtischen Charakter der Bevölkerung und mit der Höhe des Einkommens zusammenhängt, und kommt zu dem Schluß: „Wenn man den Juden einen Vorwurf machen will,