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Ost und West · 1917-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1917) · p. Seite 523 - 524

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1917)
Article
Heeresdienst und Vaterlandsdienst der deutschen Juden im Kriege
Date
1917-11-01
Page
Seite 523 - 524 (sequence 2)
Language
German
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523 Heeresdienst und Vaterlandsdienst der deutschen Juden im Kriege. 524 ordnet. Das Bayerische Kriegsministermm hat es anfangs abgelehnt, dem Beispiel zu folgen, sah sich aber nachher, wohl um dem Vorwurf der Parteinahme zugunsten der Juden zu entgehen, veranlaßt, sich dem Vorgang anzuschließen. Auch der Verband der deutschen Juden hat den Plan zu einer umfassenden Militär Statistik der Juden entworfen. Der Verfasser der erstgenannten Schrift hat sich nach diesen Entwürfen nicht gerichtet, sondern ist eigene Wege gegangen und hat seine Aufgabe viel umfassender begriffen und durchgeführt. Er verglich die Zahlenverhältnisse aller drei Konfessionen, Evangelischer, Katholiken und Juden und deren jeweiligen Anteil am Pleeresdienst — und kam so zu sehr merkwürdigen Ergebnissen und Aufschlüssen. Es stellt sich nämlich heraus, daß die Katholiken am Frontdienst ungleich höher beteiligt sind als ihrem Prozentsatz in der Bevölkerung des Reiches entspricht, dagegen entfällt auf die Protestanten ein viel geringerer Anteil als sie ihn, ihrer Zahl entsprechend, stellen müßten. Somit haben die Katholiken einen ungleich größeren Prozentsatz an Toten und Verwundeten aufzuweisen, als die Evangelischen. ,,Wenn demnach diese Prozentsätze maßgebend wären für den Patriotismus, dann wären, was Vaterlandsliebe anbetrifft, die Katholiken den Protestanten weit voraus." Das ist ein Schluß, den auch der fanatischste Parteigänger des Zentrums zu ziehen sich scheuen würde. Einen Maßstab für die Höhe der vaterländischen Gesinnung bildet also die Zahl der Teilnehmer am Schützengrabenkriege nicht. Es würe aber natürlich auch verfehlt, die Behauptung aufzustellen, daß das Religionsbekenntnis a 1 s s o 1 c h e s , d. h. die Dograatik, die Morallehre und das Ritualsystem einer Konfession von Einfluß ist auf (die Zahl ihrer Bekenner, die an die Front rücken, vor dem Feinde fallen oder verwundet werden. Vollends wird es keinem besonnenen Menschen einfallen, zu behaupten, die Protestanten lieferten eine größere Anzahl „Drückeberger" als die Katholiken, oder der Protestantismus bewirke bei seinen Bekennern eine geringere Neigung, sich als Freiwillige zum Heere zu melden und sich Gefahren des Todes oder der Verwundung auszusetzen. Die unzweifelhafte Erscheinung, daß die katholische Bevölkerung Deutschlands in höherem Maße als die evangelische zum Frontdienst herangezogen und somit den Kriegsgefahren viel mehr ausgesetzt wird, als diese, hängt offenbar mit allgemeinen wirtschaftlichen und kulturpolitischen Umständen zusammen, die in den besonderen Schicksalen der einzelnen Konfessionen und deren Bekenner begründet sind. Diese Zusammenhänge aufzudecken hat sich der Verfasser vorgenommen und das ist ihm glänzend gelungen. "Wenn man den Wert einer Bevölkerung für die Kriegführung bemessen will, muß man zwischen Tauglichkeit und Verwendbarkeit unterscheiden. Erstere bezieht sich auf die Fähigkeit zum unmittelbaren Felddienst und setzt zuvörderst. gewisse körperliche Eigenschaften voraus, wie Militärmaß, robuste Gesundheit, Eignung, schwere Strapazen dauernd zu ertragen, vor allem aber jugendliches Alter, etwa zwischen zwanzig und dreißig Jahren. Militärische Verwendbarkeit dagegen bezieht sich auf alle zur heutigen Kriegführung unbedingt notwendige geistige Organisation, die namentlich in diesem Kriege ein bisher nie gekanntes Maß von Anforderungen an die Kriegführenden gestellt hat. Nun ist es klar, daß jene Bevölkerungskreise, die von Natur den Bedingungen der Tauglichkeit in einem höheren Maße entsprechen, auch in höherem Maße zum Frontdienst ausgemustert werden, dagegen i diejenigen Bevölkerungskreise, deren Angehörige mehr die Merkmale der Verwendbarkeit aufweisen,- in größerer Anzahl zu denjenigen militärischen Dienstleistungen herangezogen werden, zu denen nicht die Muskelkraft, sondern das Hirn erforderlich ist, bei denen es weniger auf Widerstandsfähigkeit gegen physische Anstrengungen ankommt, als auf Beobachtungsgabe, Aufmerksamkeit, Organisationstalent, Selbständigkeit im Urteilen und Kombinieren, Beweglichkeit, Findigkeit und ähnliche Eigenschaften. Im Gegensatz zu allen früheren Kriegen ist der gegenwärtige ein Krieg der Technik und der Chemie; viel weniger als in der Vorzeit spielen jetzt Muskeln und Knochen die Hauptrolle; nicht die organischen, sondern die überorganischen, geistigen Eigenschaften werden den Ausschlag geben. Auch in einer anderen Beziehung unterscheidet sich der jetzige Krieg von allen seinen Vorgängern: nie zuvor ist das Hinterland, die Heimat, in einem solchen Maße mit in den Krieg hineingezogen worden, als diesmal, nie zuvor hat die Organisation der Wirtschaft daheim eine solche Bedeutung gehabt, wie jetzt, nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch' zum Zweck der Aufrechterhaltung der Produktion, des Güteraustausches mit den Neu traten, der Beschaffung von Rohstoffen und der Vorsorge für den künftigen Wiederaufbau von Industrie und Handel. Es ist somit für jeden Denkenden klar, daß beide Kategorien von Bürgern für den vaterländischen Dienst im Kriege gleich wichtig, ja unentbehrlich sind, daß das Versagen der einen wie der anderen in ganz

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