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Ost und West · 1917-10-01 · Heft 10 (Oktober 1917) · p. Seite 507 - 508

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 10 (Oktober 1917)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1917-10-01
Page
Seite 507 - 508 (sequence 3)
Language
German
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507 Rumänien und seine Juden. 508 zu gebietend Jetzt aber brachte dieses Blatt einen grimmigen Artikel gegen Disraeli und wies nach, daß der Vertrag mit der Türkei nur eine Verwirklichung der orientalischen Judenpolitik war, die der englische Premierminister schon dreißig Jahre zuvor in seinem Roman „Tancred" dargelegt hatte. Tancred ist bekanntlich ein Engländer, der in Asien das „Mysterium des Orients" sucht und sich in eine Jüdin namens Eva verliebt. Bald findet er in einer innigen Verbindung des angelsächsischen und des jüdischen Geistes das Prinzip, welches die Welt verjüngen soll. Die Königin von England müsse den Sitz ihrer Regierung nach Delhi verlegen und sich zur Kaiserin von Indien ausrufen lassen; Smyrna und Kleinasien werden die Kaiserin von Indien als ihre Herrin anerkennen, und schließlich werde ihr auch Alexandrien zufallen. Vor dreißig Jahren, meinte das Journal des Debats, betrachtetete man diese Pläne als die Phantasien eines Romandichters; aber der Geist, dem sie entsprungen sind, habe sie mit eiserner Folgerichtigkeit durchgeführt, und, wer möge wissen, ob er sie nicht bis an Ende verwirklichen werde. Die Königin von England habe sich in der Tat als Kaiserin von Indien krönen lassen, der Prinz von Wales empfing zu Delhi die Huldigungen der eingeborenen Fürsten des neuen Reiches. Alexandrien bleibe zwar bei Aegypten, aber wer vermöge zu sagen, ob das nicht ein Provisorium sei. Zypern jedoch sei auf Grund des neuen Vertrages bereits englischer Besitz geworden. „Wer kann wissen, bis zu welchem Grade alte Erinnerungen und der besondere Instinkt seiner Rasse das Verfahren des Lord Beaoonsfield bestimmt haben? Er hat immer seine Gründe gehabt, um an die Macht des Lebens und der Propaganda der semitischen Rasse zu glauben!" Dieselben Meinungen verbreitete auch die kleinere französische Presse, nur tat sie es in viel gröberer und heftigerer Form. Nun lauschte man damals in Bukarest und Jassy auf nichts so eifrig wie auf jede Stimme, die aus Rußland und Frankreich kam. Die Rumänen mit ihrer aufgeregten Phantasie sahen ihr armes kleines Land von einem unheimlichen Plan umgarnt, der zur Weltherrschaft der semi'.ischen Rasse irgendwo in London und Berlin gesponnen wurde. Jeder Jude erschien ihnen als ein Geheimagent der von Disraeli, Bismarck und der Alliance Israelite L'niverselle betriebenen Politik, und der Kampf für die Gleichberechtigung war nur der Versuch, die;Herrschaft jder Juden an der Donau aufzurichten. Das alles erfüllte die Gemüter mit einem Gruseln und beschäftigte sie viel mehr als die bevorstehende Abtrennung von Beßarabien. Das am Ruder befindliche national-liberale Kabinett, welches von den Konservativen bedrängt wurde, und nun abtreten mußte, konnte sich jetzt einen prachtvollen Abgang sichern. „Wir geben Beßarabien nicht heraus, wir nehmen die Judenemanzipation nicht an!" Sie opferten sich also auf dem Altar das Vaterlandes, indem sie dem Gegner den Platz räumten, der nun patriotisch über das schwere Erbe jammerte, welches ihm zufiel. Es wäre natürlich ein Irrtum, die rumänischen Parteibezeichnungen: liberal, konservativ, nationalliberal u. dgl. im europäischen Sinne zu verstehen. In Rumänien gab es bis zuletzt nur zwei Parteien;. eine, die sich in der Macht befand, und eine andere, die nach der Macht strebte. In sozialer Beziehung läßt sich eine Differenz feststellen. Die Konservativen repräsentieren die Großgrundbesitz er und Bojaren, die Reichtümer und Einfluß haben; ihnen stehen die Liberalen gegenüber, die nach Reichtum und Einfluß begehren und darum an die Staatskrippe gelangen wollen. Unter ihnen befinden sich allerdings auch ehrliche, aber beschränkte Fanatiker. Sie rekrutieren, sich aus Advokaten, Schreibern, Agitatoren, Lehrern und anderen Berufspolitikern, die geistig von der grauen Theorie leben. Die Interessen der Großgrundbesitzer sind in diesem agrarischen Lande mit dem allgemeinen Interesse vielfach identisch; darum ist die Politik der Konservativen viel realer und gesünder, als die maßlose, verstiegene und unehrliche Phraseologie ihrer Gegner, die den nackten Egoismus einer aus den heterogensten Elementen zusammengewürfelten Gruppe, nicht einer sozialen Klasse vertreten, die auf einer bestimmten wirtschaftlichen Arbeit basiert. Daher die für den Europäer unverständliche Erscheinung, daß in Rumänien die Konservativen in der Judenfrage einen viel maßvolleren und gerechteren Standpunkt einnehmen, als die unversöhnlichen Liberalen aller Schattierungen, trotz ihrer hochtrabenden freiheitlichen Redensarten. Indessen brachte es der Parteikampf häufig mit sich, daß mancher konservative Staatsmann sich den Standpunkt der Gegner in der Judenfrage aneignen mußte, um ihnen die gefährlichste agitatorische Waffe aus der Hand zu winden. So werden wir im Folgenden ein wirres Durcheinander von Männern der verschiedensten Parteizugehörigkeit finden, die alle, wenn auch in verschiedenem Grade, Gegner der Judenemanzipation sind. Eine Ausnahme machte der jüngst im 80. Lebensjahre verstorbene Peter Carp, ein Konservativer, der einzige ehrliche Mann unter den rumänischen Politikern. Er blieb unentwegt ein Freund der Juden. Er war bis an sein Ende ein Gegner von Jöan Bratiano, dem Vater und dem Sohn. Ihm war das tragische Schicksal beschieden, den Zusammenbruch seines Vaterlandes zu erleben, den er herannahen sah, aber zu verhindern außerstande war.- EIN KAPITEL AUS DEM RUMAENISCHEN STAATSRECHT. Zehn Tage, nachdem der Berliner Vertrag unterzeichnet wurde, notiert der Fürst in seinem Tagebuch: „Die Judenfrage kann nur durch eine Konstituante geregelt werden. Wir beabsichtigen, eine solche im Laufe des Winters zu berufen, um den bezüglichen Artikel der Verfassung zu streichen. Selbstverständlich kann diese delikate Frage nur in der Weise geregelt werden, daß in der Folge ein Jude ebenso wie jeder Fremde sich um die Bürgerrechte bewerben muß." Diese paar Zeilen enthielten das ganze Programm des 'Fürsten Carol in'der Judenfrage; mittels eines reichen Arsenals von Schlichen, Ränken und Ausflüchten, ist dieses Programm gegen die gesamte europäische Diplomatie in einem Kampfe, der mehr als ein Jahr dauerte, aufrecht erhalten und durchgesetzt worden, (und hat die vollständige ^Entrechtung der Juden Rumäniens unter einmütiger Zustimmung Europas begründet. Die Bestimmung des Artikels 44 des Berliner Vertrages wurde in ihr Gegenteil verkehrt.

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