Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1917)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1917-10-01
- Page
- Seite 505 - 506 (sequence 2)
- Language
- German
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505 Rumänien und seine Juden. 506 Indessen war dies alles künstliche Mache. Wie wir wissen, hatten der Fürst und die Regierungskreise sich längst mit dem iVerlust Beßarabiens abgefunden und erstrebten nichts sehnlicher, als ein Freundschaftsverhältnis zu Rußland. Der Plan, die angebotene Dobrudscha schmollend zurücldzuweisen, wurde von den in der Opposition befindlichen Konservativen öffentlich ausgelacht; in der Tat Jhätte man damit dem angeblich so gehaßten Rußland den besten Dienst erwiesen, denn die Dobrudscha mit ihren schönen Häfen wären an Bulgarien gefallen, wo das Zarenreich als unbeschränkter Herrscher gebot. Um nun die aufgepeitschten nationalen Leidenschäften von dem unvermeidlichen Verlust abzulenken, dajzu diente die Judenemanzipation. Allmählich rückt diese denn auch an die erste Stelle und bald ist Beßarabien vergessen, die Gleichstellung der Juden hatte seinen Platz im Herzen des rumänischen Patrioten eingenommen: diese wird die große, .allbeherrschende, einzige politische Frage, das furchtbare Unglück, von dem das Land und die Nation in allen ihren' Schichten bedroht ist, und das abzuwehren alle Vaterlandsfreunde ihre ganze Kraft vereinen »müssen. Natürlich war den Russen ebenfalls sehr daran gelegen, die Rumänen den Schmerz um1 Beßarabien vergessen zu machen und mit ihnen so rasch wie möglich zu einer Aussöhnung zu gelangen. Sie nutzten ihren Aufenthalt im Lande weidlich dajzu aus, um in allen Kreisen der Bevölkerung zu agitieren und die Emanzipation der Juden als den Schrecken Rumäniens hinzustellen. Es sei hier gleich betont, daß diese russische Agitation ein Jahr später, besonders in der Moldau, noch leidenschaftlicher und heftiger betrieben wurde. In jedem Städtchen saßen ein paar russische Agenten, die nicht müde wurden, gegen die damals bevorstehende Aufhebung des Artikels 7 der Verfassung die Rumänen, aufzuhetzen, obgleich mit diesem Schritt die Judenemanzipation nicht nur nicht eingeführt, sondern erst recht begraben wu{rde. Aber schon der Schein, daß eine Beschränkung aufgehoben werden sollte, bot den Agitatoren Gelegenheit, im Namen der des Lesens und Schreibens unkundigen Bevölkerung, der man leicht alles einreden konnte. Riesenpetitionen, mit Hunderttausenden von Unterschriften versehen, gegen (die Juden an die Kammern) zu schicken. Das Motiv dieser Agitation war jetizt ein anderes. An deren Spitze stand dermalen der Prinz Gregor Sturdlza, der darauf hinarbeitete, Carol zu stürzen und sich unter Rußlands Protektion zum Herrscher der von der Walachei losgelösten und mit Beßarabien vereinigten Moldau zu machen. Der Haß wurde also gegen den Fürsten Carol, als den Beschützer der Juden, geschürt. — Aber in der ersten Zeit nach dem Kongreß ging das ganze Trachten des Fürsten im Vereine mit den Russen dahin, die beßarabische Frage aus den Gemütern zu verdrängen. Wären durch ein Wunder alle Juden auf einmal aus Rumänien verschwunden oder hätten sie sich bestimmen lassen, feierlich auf jede Verbes- DIE WESTEUROPAEISCHE PRESSE UND DIE Man braucht sich nicht zu wundern, daß auch die große französische Presse die gleichen Tlöne anschlug. Der bereits erwähnte englisch-türkische Vertrag vom 4. Juli 1878, welcher England nun auch in Vorderasien das Uebergewicht sicherte, und nur das Vorspiel zur Besitzergreifung von serung ihrer Lage zu verzichten, der Fürst und die Russen, wären in größte Verlegenhteit um einen Beschwichtigungstrunk gegen den beßarabischen Schmerz geraten. Dabei war es den Russen leicht, sich als Leidensgenossen der Rumänen hinzustellen. Hatte ihnen der Berliner Vertrag nicht ebenfalls eine Enttäuschung bereitet? Trotz ihrer glänzenden Waffentaten, die ungeheure Opfer gekostet, trotz ihres endgültigen Sieges war ihnen fast die ganze Beute entrissen worden. Sie hatten den Krieg gewonnen und den Frieden verloren. Und wer^trug die Schuld daran? Natürlich kein anderer als die Juden. Man brauchte sich ja nur zu vergegenwärtigen, wer auf dem Berliner Kongreß die erste Rolle spielte: der Jude Benjamin Disraeli, und hinter ihm stand offenbar Moses Montefiore, die allmächtige Alliance Israelite Universelle und die ganze weltbeherrschende Judenheit. Dieser formidablen Macht mußten sich die Russen natürlich beugen. Der beste Beweis hierfür war, daß sie der vom Kongreß gewünschten Gleichberechtigung der Juden, die doch gewiß niemandem so in der Seele zuwider war, wie ihnen, schieß ".ich zustimmten, selbstverständlich mit blutendem Herzen. Die zweimaligen schwachen Versuche des Fürsten Gortschakow, sich dagegen aufzulehnen, waren kläglich gescheitert. Wer konnte gegen die Juden unter Führung Benjamin Disraelis aufkommen? j Wir haben gesehen, daß man sich in London bemühte, die ganze Schuld an der Emanzipation der Juden in Rumänien auf den Fürsten Bismarck abzuwälzen. In Rußland dagegen hatte, gleich als bekannt wurde, daß England die Zertrümmerung der Türkei nicht zu dulden und dem Siegeslauf Rußlands Halt zu gebieten entschlossen war, eine wütende Hetze gegen den englischen Premierminister eingesetzt, die sich zu einem publizistischen Feldzug gegen die Juden im allgemeinen und die — russischen im besonderen auswuchs. Die Juden in Rußland fühlten sich bemüßigt, die Verantwortung für die Politik ihres ehemaligen Glaubensgenossen auf dem englischen Ministerpräsidentenstuhl entschieden abzulehnen! Ihre Proteste nahmen bisweilen sogar eine komische Form an. So erließen eine Anzahl jüdischer Bewohner von Berditschew im Mai 1878 eine Loyalitätsadresse, in welcher sie erklärten: „Wir Israeliten Rußlands bekennen frei und offen, im Angesicht des gesamten russischen Volkes, daß wir mit dem Premierminister Englands, Lord Benjamin Disraeli-Beaconsfield, positiv nichts gemein haben, auch keine Lust verspüren, gemeinsame Sache mit ihm zu machen." Obgleich die russische Presse diese Erklärung mit humoristischen Glossen begleitete, so hörte sie noch jahrelang nicht auf, die Niederlage Rußlands auf dem Berliner Kongreß „den Juden" zuzuschreiben. Es wird versichert, daß sogar in russischen Geschichtsbüchern für Mittelschulen die Behauptung vorgetragen wurde, der Mißerfolg Rußlands im Jahre 1S78 wäre ein Werk „der Juden". OEFFENTLICHE MEINUNG RUMAENIENS. Aegypten war, erregte natürlich in hohem Grade das Mißfallen Frankreichs. Das Journal des Debats war in Rumänien als ein Judenblatt verschrien, und die rumänischen Juden wurden, wie erinnerlich, wiederholt 'aufgefordert, seinen Angriffen gegen die Politik dieses Landes Schweigen