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Ost und West · 1917-10-01 · Heft 10 (Oktober 1917) · p. Seite 501 - 502

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 10 (Oktober 1917)
Article
Die Moralisten
Date
1917-10-01
Page
Seite 501 - 502 (sequence 6)
Language
German
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501 Die Moralisien. 502 tes Fahrwasser geraten; die Führer verlegten sich auf das Wundertun und' zogen daraus reiche Einkünfte, die geistige Seite versumpfte in stumpfsinnigem Aberglauben und Unwissenheit. Das im .Menschenherzen stets wache Bedürfnis nach hinschmelzender Wehmut, nach Melancholie und Zerknirschung, nach Einsamkeit und Beschaulichkeit ging im Chassidismus leer aus. Sein lärmendes Treiben und die Lebensführung seiner Oberhäupte* musste die edler veranlagten Naturen bald abstossen. Allen diesen Sehnsüchten gewährte der „Moralismus" die Möglichkeit, sich auszuleben. Beide Avaren in hohem Grade kulturfeindlich, beide haben den Juden im Osten schweren geistigen Schaden zugefügt und die gesunde'Entwicklung des Volkes arg gestört und verzögert. Dass der jüngere Spross der sympathischere und edlere von beiden war, unterliegt indessen keinem Zweifel. Allein, auch ihn sollte bald das Schicksal des älteren erreichen, nämlich in einem seichten Materialismus und in Parteigezänk unterzugehen. Anfangs 1874 schritt der bedeutendste lünger des Stifters, Rabbi Simdba Süssel in Keim unweit Kowno an die Gründung einer richtigen Musargemeinde, womit er eine Jeschiba nach altem Muster verband. Hier nahm die Bewegung zum erstenmal die Gestalt einer regelrechten, kristallisierten Gemeinde (Kehilla) an, die sich bewußt in einen bestimm:- ten Gegensatz zu den andenen Glaubensgenossen stellte. Sogar gewisse, natürlich ganz unbedeutende und im Grunde lächerliche Aenderungen im Gebetrituai wurden eingeführt; von Keim' aus verbreitete sich die Bewegung über andere Städtchen, teils automatisch, teiis durch bewusste, rührige Propaganda. Die Sektenbildung machte wirkliche Fortschritte. Im Jahre 1877 oder 1878 stiftete ein reicher frommer Mann in Berlin, der Geheime Kommerzienrat Lachmann, die Summe von zehntausend MarK als Stipendium für junge Leute, die sich an den Jeschiboth in Litauen für den Rabbinerberuf heranbilden wollten. Als ob den Juden in Litauen an nichts anderem Not täte, als an Rabbinern, als ob nicht die Jeschiboth von Talmudbeflissenen überfüllt gewesen wären, vermeinte dieser Philanthrop, seinen Glaubensgenossen im Osten hierin zu Hilfe kommen zu müssen. Das war wohl als geringe Kom'i pensation gedacht, für die grossen Summen, die aus Polen und Rußland alljährlich dem Berliner orthodoxen Rabbinerseminar zuflössen. Die Kandidaten sollten aber nicht etwa zu modernen Rabbinern, wie die Zöglinge des Hildesheimerschen Seminars in Berlin herangebildet werden. Sie sollten vielmehr Rabbiner alten Schlages bleiben, fern von jeglicher Berührung mit der profanen Welt und deren Wissenschaften. Das war der ausdrückliche Wunsch des Spenders. Das Geld wurde dem Rabbiner von Kowno Rabbi Jizchak Elchanan und dem Rabbi Israel Salant übergeben. Sollte die Zahl der Kandidaten sich vermehren, versprach der Spender ihnen die ganzen Einkünfte seines im Gouvernement Suwalki gelegenen Gutes zu widmen. Rabbi Jizchak Elchanan (gest. 1896) erfreute sich wegen seiner grossen Gelehrsamkeit und seines mit strengster Frömmigkeit gepaarten milden Wesens bei den Juden der ganzen Welt hohen Ansehens, er stand an der Spitze einer grossen Jeschiba in Kowno. Kaum hatten die Musar-Jünger von Keim den Braten gerochen, als sie haufenweise nach Kowno kamen. Hier bildeten sie eine besondere Partei oder Gruppe unter den ,,Bachurim" (Jünger). Anfangs war der Gegensatz zwischen ihnen und den anderen nicht merklich; sie scharten sich um die Fahne und um das Schlagwort des „Musar", das immer mehr von seinem ursprünglichen Inhalt verlor und zu einem Aushängeschild für egoistische Parteizwecke wurde. Die „Moralisten" hielten sich für die Vornehmeren und Besseren, und damit für berechtigt, die Stipendien und alle anderen Benefizien zu beanspruchen, sowie bei Rabbinerwahlen bevorzugt zu werden. Der rein ideale Streit hatte materialistische Formen und Ziele angenommen. Es scheint, dass die Spende aes Wohltäters dem Rabbiner Jizchak Elchanan den Ansporn gab, e;ne große Aktion zur Förderung der litauischen Jeschiboth einzuleiten. Er stand mit Rabbinern und jüdischen Gemeinden der ganzen Welt in Briefwechsel, da es seine besondere Spezialität war, Nachforschungen nach verschollenen Auswanderern anzustellen, deren Frauen in der Heimat zurückgeblieben waren. In der Tat bewirkte der Aufruf des Kovvnoer Rabbiners, dass bedeutende Summen bei ihm für die unter seiner Leitung stehenden Lehranstalten einliefen. Es wurde versichert, dass in manchen Jahren die Beträge die Höhe von hunderttausend Rubeln erreichten. 'Der Rabbiner, der sich fast ausschliesslich um die geistige Leitung der Jeschiboth, ferner um öffentliche Angelegenheiten kümmerte, überdies von einer weit ausgreifenden literarischen Tätigkeit in Anspruch genommen war, überliess das finanzielle Gebahren und die persönlichen Angelegenheiten der Hörer einem seiner Mitarbeiter namens J. Blaser, einem Jünger des Rabbi Israel Salant, der ein stiller Anhänger und Förderer des „Musar" war. Die „Moralisten" hatten in ihm also einen heimlichen und offenen Protektor. Ihr Einfluss nahm immer mehr übeihand, sie verdrängten alle, die sich ihnen entgegensetzten. Da das Studium der Moral- und Erbauungsbücher, sowie die Kontemplation und das müssige Träumen leichter und angenehmer sind, als das mühselige Talmudstudium, so gewann diese Richtung immer mehr Parteigänger, stiess aber die ernsteren und besseren Eiemente ab. Es kam zu

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