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Ost und West · 1917-10-01 · Heft 10 (Oktober 1917) · p. Seite 503 - 504

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 10 (Oktober 1917)
Article
Die Moralisten
Date
1917-10-01
Page
Seite 503 - 504 (sequence 7)
Language
German
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503 Rumänien und seine Juden. 504 Streitigkeiten, die öffentliche Meinung wurde aufmerksam, schliesslich verlor Rabbi Jizc'hak Eichanan das blinde Vertrauen, das er in seinen [Mitarbeiter Blaser gesetzt hatte und stellte eine. Untersuchung an, deren Ergebnis darin bestand, dass Blaser die finanzielle Leitung niederlegte. Kommerziell rat Lachmann trat jedoch auf Seite der „Moralisten", die ihn durch ein merkwürdiges Mittel gewannen. Eines Nachts hatten alle Moralisten von Kowno den gleichen Traum; ein Vers aus dem sabbatlichen Brautlied für den Gottesdienst am Freitagabend, in dem das Wort „Beth-Halacftmi" vorkommt, war ihnen im Traum erschienen. Tief erschüttert über dieses Ereignis, traten die angesehensten Führer zu einer Beratung zusammen und fanden nach langem Nachdenken die Deutung des Traumes: durch diesen hatte ihnen der Himmel kundgetan: wenn das Haus Lachmann ihnen reiche Gaben zuwendet, so wird dadurch die Erlösung Israels und das Kommen des Messias beschleunigt. Der Traum und die Deutung wurde nach Berlin übermittelt, und als Antwort trafen zehntausend Rubel ein; ferner übergab der Geheimrat sein Gut im Gouvernement Suwalki einem der Führer der „Moralisten" zur freien Verfügung der Anhängerschaft. Blaser hatte jetzt die Mittel, eine besondere Kasse zu gründen und den Kampf aufzunehmen. Aber erst nach dem Tode des Rabbi Jizchak Elchanan (1896) wagten sie es, einen richtigen Krieg zu organisieren und herausfordernd aufzutreten. Die Spannung wuchs immer mehr; endlich kam es häufig zu Schlägereien, die grösseren Umfang annahmen. Jetzt traten (1897) die angesehensten Rabbiner hervor und kennzeichneten in einer sehr würdigen, aber ebenso energischen Kundgebung den Moralismus' und seine Anhänger vor der ganzen jüdischen Oeffentlichkeit. Die besten Schichten sahen die Hohlheit seiner Lehren und die Verwerflichkeit im Treiben seiner Anhänger ein. Der politische Zionismus, der sich um dieselbe Zeit ausbreitete, zeigte der Jugend neue. Ideale und lockte sie aus dem Gebiet dieses ganzen Streites hinweg. Der „Moralismus" verfiel immer mehr. Die Musar-Häuser verödeten. Um das Janr 1910 war nur das Musar-Haus in Kowno geöffnet, crie Zusammenkünfte fanden meist in den Wohnungen der älteren Anhänger statt. In einer Vorstadt von Kowno hatten sie eine Jeschiba unter dem Namen „Keneseth Israel" zur Erinnerung an den Stifter Rabbi Israel Salant gegründet, aber dieses Lehrhaus wurde von allen begabten und strebsamen Jüngern gemieden. Die ganze Bewegung ist in Nichts zerronnen, nur die Erinnerung an die Persönlichkeit des Stifters ist geblieben. Es war ein echter Idealist, voll reines Strebens, ganz uneigennützig-, voll unerschütteriichen Glaubens an sein Ideal, voll Tatkraft und Opfermut. Wäre sein Ideal wirklich wertvoll ge^ wesen, er hätte Grosses für sein Volk und vielleicht für die Welt wirken können. RUMAENIEN UND SEINE JUDEN. Von Dr. S. Schiffer. VIII. RUSSLAND UND BESSARABIEN. Wie wir gesehen haben, war die öffentliche Meinung in Rumänien, waren die parlamentarischen Kreise, die Presse und die Diplomatie aufs tiefste erbittert über die Bestimmung des1 Berliner Vertrages, daß; Bessarabien an Rußland abgetreten werden mußte. Das Zarenreich, noch vor einem Jahre der Beschützer und Verbündete, galt jetzt ,als der Erbfeind, der dem unglücklichen Schützling die scb,wer.stft.Demütigung und Schädigung zufügte. Noch am 23. Juli schrieb der Fürst seinem Vater: „Als die auf Rumänien bezüglichen Artikel bekannt wurden, war man hier derartig entrüstet, daß die ruhigsten Leute erklärten, um' diesen Preis lieber auf die Unabhängigkeit zu verzichten." Nun hätte man meinen sollen, daß angesichts dieses so schmerzlich empfundenen nationalen Unglücks die aufgezwungene _ Judenemanzipation als ein ganz kleines, kaum merkbares Uebel betrachtet werden mußte, zumal ja fortwährend versichert' wurde, daß man halb und halb entschlossen war, selber diese Frage zu regeln. Anfangs rangiert sie denn auch immer an zweiter Stelle in allen diesen Jeremiaden. „Die der Unabhängigkeitserklärung hinzugefügte Gleichstellung aller Kulte" erregt freilich die Gemüter, und man macht geltend, daß in Rumänien ohnehin alle Kulte gleich seien; was dagegen die politischen Rechte der Juden betrifft, so hebt man hervor, daß dies eine interne Frage Rumäniens sei und nur durch eine Verfassungsänderung geregelt werden könne. Allein schon wenige Tage danach schlägt die erwähnte „Romania Libera" ganz andere Töne an: „Der Kongreß hat beschlossen, den Juden in Rumänien bürgerliche und politische Rechte zu gewähren. Wenn die Juden; gegen diesen Beschluß, welcher geeignet ist, den ganzen Zorn der Rumänen gegen sie wachzurufen, auch nicht protestieren, wird keine rumänische Regierung Europa gestatten, sich in diese rein innere Angelegenheit des Landes' einzumischen. "Wir benachrichtigen die Israeliten, daß sie durch den erwähnten Kongreßbeschluß ihre bisherige ruhige Stellung gegen eine andere voller Gefahren eingetauscht haben. Die Hand Europas ist den Juden nicht so nahe, wie die der Rumänen." Die Forderung, daß die Juden gegen ihre eigene Emanzipation protestieren sollten, und die Drohung mit Verfolgungen kennzeichnen 'eine der Raserei verwandte Stimmung, zumal sie in dem Organ eines Ministers und einer mächtigen Partei standen.

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