Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1917)
- Article
- Die Moralisten
- Date
- 1917-10-01
- Page
- Seite 499 - 500 (sequence 5)
- Language
- German
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499 Die Moralisten. 500 fährlichen Feind, das war die Reform, auch hier suchte man nach dem Ausdruck einer neuen Frömmigkeit. Der Meister aus dem Osten mit seiner grossen Gelehrsamkeit, seinem innigen Wesen, se<- ner Milde und Bescheidenheit, der Originalität seiner Gedanken, mit seiner Selbstlosigkeit und der Reinheit seines Strebens gewann hier viele Herzen. Bei näherem Zusehen hätte man freilich nur zu bald entdeckt, daß die Unterschiede sehr groß waren, denn was dem litauischen Rabbi als ein Greuel dünkte, galt seinen vermeintlichen deutschen Gesinnungsgenossen längst als ein überwundener Standpunkt, und diese hätten sich wohl mit 'aller Gewalt dagegen gesträubt, bei sich Zustände _u dulden, die jenem als das Ideal erschienen. Aber die gegenseitige Sympathie bewirkte, dass man das Trennende übersah, und nur auf das Gemeinsame das Augenmerk richtete. Die deutschen Orthodoxen mochten wohl denken, dass Verinnerlichung und Musar, wie der litauische Meister sie lehrte, ihren Gemeinden nicht schaden konnte. In Königsberg nahm sich seiner der dortige Rabbiner Jakob Hirsch Mecklenburg an, trotz seiner hohen Bildung ein Orthodoxer alten Schlages. Auch in jden anderen Städten Ostpreussens fand er Beschützer. Was er in Deutschland sah, erregte in ihm durchaus nicht den Drang, Zivilisation und Bildung den Juden seines Vaterlandes zu bringen, aber es machte immerhin einigen Eindruck auf ihn und regte ihn an, sich dieser neuartigen Mittel zu seinen Zwecken zu bedienen. So fing er in Memel (1861) an, eine Wochenschrift herauszugeben, von der allerdings nur zwölf Nummern erschienen. Sie führte den Titel „Hathebunah" (Die Vernunft), hatte aber mit anderen Wochenschriften nur das äussere Gewand gemeinsam, inhaltlich stand sie über Zeit und Raum, befasste sich nicht mit den Vorgängen dieser Welt, sondern war ausschliesslich gelehrten Diskussionen über talmudische Stoffe gewidmet. Israel Salant scheint um diese Zeit eine Wendung zum Talmud zurück gemacht zu haben; er sann jetzt auf Mittel, ihm unter den Juden die alte allbeherrschende Stellung wieder zu erobern, die er einst unumstritten besass. Zuerst wollte er ihn ganz in ein populäres Hebräisch übertragen lassen; dann aber verfiel er auf den Gedanken, eine Petition an die Regierungen zu richten, dass sie den Talmud in eine europäische Sprache übertragen lassen sollten, gleichviel in welche. Er versprach sich davon zunächst, dass das Ansehen des Talmud in den Augen der Europäer steigen werde, sobald sie sich nur mit seinem Inhalt vertraut gemacht haben; daran würden sich die Juden ein Beispiel nehmen, würden reuig und beschämt ganz zu ihm zurückkehren und ihn wieder in alle Ehren einsetzen, die er noch vor zwei Wenschenaltern besass; die Juden aber würden natürlich mehr als ein bloss theoretisches Interesse an ihm nehmen; sie würden streng seine Lehren befolgen und nach ihm leben. Ueber allen diesen Plänen und Arbeiten vergass er seine Gründungen in Litauen, dieMusar-Häuser, nicht, ebensowenig die in der;Heimät zurückgebliebenen Jünger und Anhänger und richtete aus der Ferne an sie Sendschreiben und Belehrungen und ermahnte sie, der Fahne treu zu bleiben. Die Rabbiner alter Observanz witterten in dieser ganzen Bewegung zwar etwas Störendes, Neuartiges, das vielleicht zu tiefgehenden Spaltungen führen konnte. Sie traten auch gegen Israel Salant auf und wiesen auf das Sektiererische seiner Bestrebungen hin. Wenn es nicht zu einem so heftigen Kampfe kam, wie er sechzig oder achtzig Jahre rorher gegen den Chassidismus entbrannte, so lag es an zwei Umständen: Israel Salant entwaffnete durch die Makellosigkeit seines Wandels, die absolute Uneigennützigkeit seines Strebens und die Milde und Güte seines Wesens jede heftige Gegnerschaft. Seine grosse Gelehrsamkeit flösste überdies allen, denen seine Lehre übertrieben und verdächtig scheinen mochte, tiefen Respekt ein. Wo so grosse und echte Kenntnis der , Thora war, konnte am Ende nichts Gefährliches für das Judentum erwachsen. Wichtiger jedoch war der .Umstand, daß die Zeit für Religionskriege nicht mehr geeignet war. Die Haskalah hatte ihr Werk getan, die politische und ökonomische Entwicklung war weiter gegangen, die Geister hatten sich anderen Aufgaben und Problemen zugewendet. Im Jahre 1880 finden wir Rabbi Israel Salant in Paris, wo er unter dem damals kleinen Häuflein von eingewanderten russischen Juden seine Lehre predigt und Musar-Häuser gründet, dabei sich bemüht, einen Uebersetzer für den Talmud zu finden, doch ohne Erfolg. Michael Rabinowitz war ihm zuvorgekommen und hatte ganze Teile ins Französische übersetzt und mit einem Kommentar verse'hien; es ist indessen nicht bekannt geworden, dass diese Werke den von Israel Salant erhofften Erfolg gehabt hätten. Auf der Heimreise aus Paris nach zweijährigem Aufenthalt verstarb Rabbi Israel Salant in Königsberg (1883). * * * Sein Werk dauerte in der Heimat fort, aber noch zu Lebzeiten des Schopfers war der Keim des Unterganges in das Werk gelegt worden. Diese ganze Bewegung war, wie man sieht, eine verspätete Nachfrucht des Chassidismus. Dieser war aus einer Opposition gegen den starren Rabbinismus des 18. Jahrhunderts erwachsen, aus der Sehnsucht nach einer Befriedigung des Gemütes und der Phantasie. Er befriedigte indessen nur eine Seite dieser Sehnsucht: das Bedürfnis na:h fröhlichem, gehobenem Stimmungsleben, nach geselligem Treiben. Bald war er jedoch in ein seich-