Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1917)
- Article
- Die Moralisten
- Date
- 1917-10-01
- Page
- Seite 497 - 498 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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497 Die Moralisten. 493 zu diente der aus Deutschland nach Riga hin üb ergekommene Dr. Max Lilienthal, der es auf Qeheiss der Regierung unternahm, Volksschulen für die Juden zu gründen. Diese Bestrebungen stiessen bei den Juden auf starkes Misstrauen und Dr. Lilienthal flüchtete sich nach Amerika, als ihn die Regierung im Vertrauen eröffnete, sie erwarte, dass er, um seine Mission zu erfüllen, zum griechisch-orthodoxen Glauben übertreten würde. Gleichzeitig aber erstarkte von innen heraus die Aufklärungsbewegung unter den Juden, die sogenannte Haskalah, deren Instrument die neuerblühte hebräische Literatur war. Stark beeinflusst von der in Norditalien, Preussen und Galizien erwachten modernen Wissenschaft des Judentums, die vornehmlich durch Luzatto, Rapoport, Zunz und Krochmal vertreten war, übte die neue hebräische Literatur eine zum Teil übertriebene Kritik an dem ganzen Herkommen. Israel Salant sah das Judentum von aussen wie von innen bedroht und beschloss, es vor dem Untergang zu retten. Doch war er keine Kampfnatur, seine grosse Zartheit und Herzensgüte, die Scneu vor jedem Aufsehen erlaubte ihm nicht, zum Feind in die Arena hinabzusteigen, um es mit ihm aufzunehmen. Darum richtete sich sein Augenmerk darauf, die Stellungen im Innern zu befestigen und sie für den feindlichen Ansturm uneinnehmbar zu machen. Als Hauptmittel dazu diente ihm seine Idee: die Versenkung in das Studium der Moralliteratur und das Grübeln über die ethischen Probleme. Er war fest überzeugt, dass wenn nur jeder Jude sich aller moralischen Pflichten bewusst und an der Ausbildung" seiner Persönlichkeit in dieser Richtung arbeiten würde, alle Gefahren der Verlockung zur aIn trünnigkeitund zur weltlichen Aufklärung an ihm abprallen würden. Er bildete allmählich sogar eine Art ethischen Systems heraus, dessen zwei Hauptsätze sich etwa folgendermassen formulieren lassen: Der Mensch muss darnach trachten, dass die Tugend ihm zur zweiten Natur werde und dass er sie übe, nicht weil Gott es so befiehlt, sondern weil er gar nicht anders kann. Nach dem Gute des Nächsten soll der Mensch kein Gelüste tragen, nic'ht weil die zehn Gebote dies verbieten, sondern instinktmäßig, ebenso wie er sich davor hütet, verdorbene Speisen zu genießen. Jeder Mensch kann diese Stufe erreichen, lehrte Israel Salant, nur muss er darnach streben, mit Bewusstsein, „durch Nachsinnen, Betrachtung der Nichtigkeit dieser Welt, Selbstkritik und praktische Uebung". Diese letztere beruht darauf, dass der Mensch seine Affekte bezähmt; wer jähzornig ist, gewöhne sich, seinen Zorn zu unterdrücken und zu schweigen, wenn er beleidigt wird; er rotte aus seinem Herzen jeden Funken von Hass oder Groll gegen jedes Lebewesen aus, verzeihe von ganzem Herzen allen, die sich gegen ihn vergangen, und unterdrücke in sich jegliche Ehrsucht. Doch genügt es nicht, wenn jedermann das für sich allein tut; jedermann ist verpflichtet, den Nächsten dazu anzuleiten. Aber das muss mit grösster Vorsicht geschehen, man muss seinem Nächsten Verständnis entgegenbringen, sich in das Besondere seiner Natur vertiefen, um nachzufühlen, was ihm fehle und wessen er bedürfe. Vor allem aber muss man ihm Geduld, Nachsicht und Liebe entgegenbringen. Am besten dient dazu das „Musar-Haus", wo alle zusammen gemeinsam an der Besserung jedes Einzelnen .arbeiten. Je mehr Israel nun dieses System der Einwirkung auf die Menge ausbaute, desto mehr vergröberten sich die Mittel. Natürlich ist die Strafandrohung eines der wirksamsten Mittel, um die Masse vom Bösen abzuhalten. Israel Salant erschöpft sich also in der Ausmalung* der Strafen, die den Bösewicht in der Hölle erwarten. Der ursprünglich so hohe Gedanke, das Gute sei ganz uneigennützig, rein um seinetwillen zu erstreben, stieg allgemach in die Niederungen herab und verwandelte sich fast in sein Gegenteil: der Mensch muss das Böse meiden, aus Angst vor der Strafe, die ihn dafür treffen wird. Und da diese Welt nur ein vergänglicher, kurzlebiger Traum ist,, so wiegen alle Leiden, die der Mensch hienieden erdulden kann, federleicht und sind gar nicht der Rede wert, im Verg.eichi mit den Qualen, die ihm1 in der Hölle für seine Sünden auferlegt werden. Diesen. Qua.en zu entgehen, das muss das einzige Trachten des Menschen auf Erden sein. Es ist selbstverständlich, dass „für diese Welt", für das politische, kulturelle und wirtschaftliche Leben des jüdischen Voikes in dem System des Meisters Israel kein Raum war. Ihm persönlich waren alle D'nge dieser Welt vollkommen gleichgültig. Natürlich war es eine grosse Mizwah, eine heilige und gute Sache, Wohltätigkeit zu üben; er regte überall dazu an, übte selber Wohltätigkeit über seine Kräfte, mit vollständiger Selbstvergessenheit und Selbstentäusserung. Aber für die Rechte der Masse zu kämpfen, ihre wirtschaftliche und kulturelle Lage zu heben, welche Torheit! Erstens war das ja so gleichgültig, und dann, was konnte es nutzen? Gott führte ja am Ende die Welt, ganz wie es ihm gefiel. Die Hauptsache war die Versenkung in die Moral. Jede intimere Berührung mit der Aussenwelt war vom Uebel. Schon eine andere Sprache tu reden als den Jargon war Sünde. Eine schwere Erkrankung nötigte Rabbi Israel Salant im Jahre 1857 nach Preussen zu gehen, wo er in Halberstadt die Aerzte befragte. Von dort ging er über Berlin nach Frankfurt a. M. und dann nach Königsberg, Memel und Tilsit. In Deutschland, das ihm als der Urquell aller so gefürchteten Ketzerei und Aufklärung erscheinen musste, fand er zu seinem Erstaunen Stimmungen, die der seinigen ähnlich waren. Auch hier kämpfte man gegen einen ge-