Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1917)
- Article
- Die Moralisten
- Date
- 1917-10-01
- Page
- Seite 495 - 496 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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4)5 Die Moralisten. 496 schätzten. Unter der Anleitung des erstcren erwarb sich der junge Israel eine tiefe und umfassende talmudische Gelehrsamkeit; der andere war sein Meister in Sachen der Moral und Frömmigkeit. Dieser letztere hat auf die Geistesart und die ganze Lebensrichtung Israel Salanis einen bestimmenden Einfluss geübt. Der einlache Mann, der seinem Aeusseren und seiner Lebensstellung nach den niederen Volksschichten angehörte und sich vor der Weit durch nichts auszeichnete, war eine kontemplative Natur und führte ein tiefes Innenleben, dessen Inhalt vornehmlich durch die hebräische Moralliteratur bestimmt wurde. Der junge Gelehrte und der einfache Mann fanden an einander Gefallen und der Umgang dieser beiden entwickelte in dem Wesen Israel Salants jene Seite, die von der Unterweisung des Rabbiners unberührt blieb, nämlich das Gemütsleben und die mit einem starken, wohl angeborenen Hang zur Weltflucht verbundene Neigung zur Versenkung in das eigene Innere. Eine strenge Aufrichtigkeit und ein starker Wahrheitsdrang entwickelten in ihm eine Selbstprüfung und eine scharfe Gewissenhaftigkeit in der Beobachtung der eigenen Handlungen und Gesinnungen. Der ganze Inhalt seines Geisteslebens bestand natürlich im Studium der talmudischen und rabbinischen Literatur, das war seine Welt, die Gedanken, die ihm aus dieser zuflössen, waren die einzigen, die ihn beschäftigten. Andere Probleme waren für ihn nicht vorhanden. Innerhalb der talmudisch-rabbinischen Welt stritten seit jeher zwei Richtungen mit einander. Die eine zog im Studium den „Pilpul" vor, die scharfsinnige, spielerische Kasuistik und Diskussion, die sich an sich selbst berauschte und Freude daran fand, „Berge, die an einem Haare hingen", übereinander zu türmen; die andere ging darauf aus, den Sinn der Texte zu ermitteln und das wahre Gesetz durch streng logische Konstruktion herauszufinden; denn auf Erkenntnis des wahren Gesetzes beruhte das Heil des Menschen, gleichviel, ob das Gesetz zu denen gehörte, die noch heutzutage ausführbar und verbindlich sind, oder zu jenen, die nur während des Bestandes des jüdischen Staates in Palästina und des Tempels in Jerusalem Geltung hatten. Es liegt auf der Hand, dass die letztere Lehrweise mit wissenschaftlichem Betrieb viel grössere Verwandtschaft hatte, als die erS'tere, die sich häufig in windige Phantasmagorien und nichtigen Wortschwall verlor; gleichwohl hatte die Methode des Pilpul viel Reiz für die Jünger, die dabei ihren Scharfsinn glänzen lassen konnten, Israel Salant, dessen scharfsinnige Begabung gross war, überliess sich anfangs ganz dem Pilpul, aber eine gewissenhafte Selbstprüfung sagte ihm, dass er sich unbewusst hierbei von der Ruhmsucht leiten liess, da sein Scharfsinn die Bewunderung der Kollegen und Lehrer erregte. Alsbald entsagte er dem Pilpul und wandte sich der entgegengesetzten Methode zu. Aber auch hier fand er keine Beruhigung, da er gewahr wurde, dass es seine Eitelkeit befriedigte, den Pilpul zu überwinden; die Eitelkeit zu befriedigen, zumal durch das Studium der Thora, war aber eine Sünde, und zwar eine sehr schwere. Endlich kam er zu einer Art von Synthese der beiden Methoden. Indessen mochten ihn seine Selbstquälereien auch hierin keine volle Befriedigung finden lassen, und das war wohl mit der Antrieb dazu, dass er immer mehr anfing, sich in die reiche und mannigfache Moralliteratur zu vertiefen und, entgegen der seit jeher üblichen Gepflogenheit, dieser Literatur einen Platz neben der rein halachischen, religionsgesetzlichen einzuräumen. Bei seinen Jüngern und Nachfolgern führte dies zum Extrem, so dass das Studium des Talmud beträchtlich zurückgedrängt wurde und gewissermassen sogar in Verruf geriet, gleichwie dies ehemals mit dem Studium der Bibei dem Talmud gegenüber der Fall gewesen ist. Mehrere andere Widersprüche im Wesen dieses seltsamen und in seiner Art bedeutenden Mannes kamen noch weniger zum Ausgleich. Der Drang zur Selbstbetrachtung und zu Grübeleien über ethische Probleme trieb ihn frühzeitig zur Einsamkeit, aber gleichzeitig fühlte er, dass es seine Pflicnt war, das Gewonnene mit seinen Mitmenschen zu teilen, ihnen seine höheren moralischen Einsichten zu vermitteln und sie auf den richtigen Weg zu leiten. Da galt es, sich unter die Menge zu mischen. Um Einfluss auszuüben, nahm er nacheinander Stellungen als Lehrhaupt (rosch jeschibah), Rabbiner und Prediger an (in Wilna und Kowno). Aber da diese Stellungen mit einem Gehalt verbunden waren, so hiess das für ihn, die Thora als Broterwerb zu missbrauchen. Er entsagte also diesen Stellungen nacheinander und zog es vor, in tiefster Armut dahinzuleben,' unter der auch seine Frau und Kinder litten. Bezeichnend für seine Sinnesart ist folgende Tatsache; nach dem Tode seiner Frau fand man unter ihren Sachen eine kleine Summe Geldes, die sie trotz der grossen Dürftigkeit für die äusserste Not erspart hatte. Rabbi Israel Salant fand, dass er von dieser Summe keinen Gebrauch ma:hen durfte, und verschenkte sie an die Armen. Als Israel Salant sich seinem dreissigsten Lebensjahre näherte, brach über die Juden in Russland die Nikolaische „Aufklärungsepoche" heran.1) Der Zar wollte die Juden mit Hilfe der Polizei und der Knute zu aufgeklärten Untertanen, wie er es verstand, heranbilden; und dahinter steckte der unausgesprochene Gedanke, die Juden halb zwangsweise, halb durch gütliches Zureden, der griechischorthodoxen Kirche zuzuführen. Als Werkzeug hier-!) Vergl. „Ost u. West" 1916, Heft 2/3.