Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1917)
- Article
- Die Moralisten
- Date
- 1917-10-01
- Page
- Seite 493 - 494 (sequence 2)
- Language
- German
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493 Die Moralisten. 494 des „Hauses der Moral" ist über solche „Kleinigkeiten des profanenen Alltagslebens" hoch erhaben. Er grübelt über ein ethisches Problem; seine ganze Gedankentätigkeit ist nach innen gewendet und konzentriert sich auf einen Punkt. Er hält Gewissensprüfung, er hält Abrechnung mit sich selbst. Er versenkt sich in die Betrachtung der Nichtigkeit dieser vergänglichen Welt, er vergegenwärtigt sich dass der Mensch, all sein Tun und Sinnen und Trachten eitel, Eitelkeit der Eitelkeiten ist. Dann strengt er seine Phantasie an, um sich alle die Strafen auszumalen, die den Sünder in der Hölle erwarten; er gibt sich Mühe, sich als den ärgsten Sünder zu betrachten, für dessen Sühne sämtliche sieben Hallen des Gehinnom (Hölle) nicht ausreichen werden. Je mehr er sich in diese Betrachtungen versenkt, eine umso grössere Angst bemächtigt sich seiner. Endlich bricht er in ein bitteres Weinen und Jammern aus. Er beweint seine eigene tiefe Sündhaftigkeit. Unweit steht ein zweiter, ein dritter, ein zehnter, der düstere Raum widerhallt von Stöhnen und Wehklagen, jeder Neuangekommene wird von der Atmosphäre angesteckt und stimmt ein, jeder beklagt sein „Bündel Sünden", die Sünden, die er begangen, oder die er in Zukunft begehen könnte. Die Exstase der Zerknirschung und der Bussfertigkeit steigt immer höher, das Weinen erreicht seinen Höhepunkt, doch plötzlich schweigen alle still und horchen auf. Einer der Anwesenden, der Aelteste oder Angesehenste, rezitiert mit lauter Stimme einen Vers aus der Bibel, aus dem täglichen Gebet, oder auch aus der Mischnah, der sich auf Sündhaftigkeit oder Busse bezieht, und die anderen wiederholen den Vers angstvoll und bangend, mit herzzerreissender Stimme unter la.'item Weinen und Jammern. Sie wiederholen den Vers immer von neuem, bis ihre Kräfte erschöpft zu sein scheinen. Dann rezitiert der Vordermann einen anderen Vers derselben Art, und alles fängt von neuem an. Das dauert so fast einige Stunden. Gewöhnlich schloss dieser seltsame improvisierte Gottesdienst mit dem Vers: „O, Ewiger hilf uns!", worauf das übliche Abendgebet (maarib) Vorschrift»- massig verrichtet wurde. An manchen Tagen, so z. B. am Ausgange des Sabbat, und am' Vorabend der Mondweihefeste1 (rosch chödesch) fing einer aus der Versammlung an „Musar zu sagen", d. h Moral zu predigen. Diese Predigt hatte nichts gemein mit den gewöhnlichen Predigten der Rabbiner oder auch der berufsmäßigen Prediger (maggidim oder darschanim); sie enthielt keinen scharfsinnigen „Pilpul", d. h. gelehrte Diskussionen über ein halachisches Thema, noch Homiletik, d. h. erbauliche Betrachtungen über aggadische Stoffe, sondern einfache Ermahnungen und Bussreden; so einfach die Worte waren, so eindringlich wirkten sie. Die Zuhörer erfasste ein Schaudern. Sobald der Prediger schwieg, fing das Jammern und Weinen von neuem ah. Wer einmal ein solches Bild gesehen, musste sich in die Büsserkammer eines mittelalterlichen katholischen Klosters oder wenigstens in eine Versammlung der Heilsarmee versetzt glauben. Selbstverständlich konnte von einer bewussten Nachahmung oder auch nur Anlehnung an diese Vorbilder nicht die Rede sein. Diese Frucht erwuchs auf ureigenem, jüdischem Boden in Litauen und Kurland — dicht vor den Pforten Deutschland, Allein, die „Moralisten" bildeten nicht nur lose zusammenhängende Betgemeinden; es existierte auch eine Art Organisation, ihre Richtung hatte sich zu einer förmlichen Lehre ausgebildet, die ihre Pflanzstätten besass und eine Propaganda entfaltete, so dass sie auf dem besten Wege war, sich zu einer wirklichen Sekte zu entwickeln, wenigstens in dem Sinne, wie der Chassidismus diesen Namen verdient. Allein sie war um gute hundert Jahre zu spät gekommen. * * * Um das Wesen dieser Bewegung richtig einzuschätzen, muss man sich die kulturelle Lage des Judentums in Litauen und Kurland vergegenwärtigen, während der Zeit ihres Entstehens bis zu ihrem' Ende. Dies wird uns durch die Schilderung der Persönlichkeit ihres Gründers und Meisters am' besten ermöglicht werden, über den wir eine aufschlussreiche und schön geschriebene Biographie von Samuel Rosenfeld in hebräischer Sprache (Warschau 1911) besitzen; die Lücken in dieser Biographie sowie in der Schilderung der „Moralisten"-Bewegung werden ergänzt durch eine Reihe von Aufsätzen in der Monatsschrift „Haschachar" (zehnter Jahrgang) und dem hebräischen Tageblatt „Hameliz" (1897). Rabbi Israel Lipkin, wie er mit seinem Familiennamen hiess, oder Salant, wie er nach dem Städtchen benannt wurde, wo er seine Jugend- und Werdezeit verbracht, war 1810 geboren; sein Vater war eine bekannte talmudische Grösse und fungierte als Rabbiner in Goldingen und Telschy, zwei Ortschaften, die während der letzten Kämpfe in Kuriand und Litauen oft genannt wurden. Früh verheiratet, Übersiedetie Israel in das Haus seines Schwiegervaters nach dem oben genannten Salant, und in dieser Stadt reifte das Eigentümliche seiner Persönlichkeit unter dem Einfluss zweier Lehrer: des Ortsrabbiners, der zu den ersten talmudischen Kapazitäten seiner Zeit gehörte, und eines schlichten Mannes aus dem Volke, halb Krämer, halb Handwerker, der jedoch, wie alle dortigen Juden dazumal, nicht etwa ein „Am Haarez" war, sondern in der jüdischen Literatur tiefe Kenntnisse besass, so dass die wenigen unter den zeitgenössischen Gelehrten, die ihn näher kannten, ihn sehr hoch