Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1917)
- Article
- Friedensziele der Juden
- Date
- 1917-10-01
- Page
- Seite 477 - 478 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2583875-2584069-2584076-2606000--16767-2606050- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
477 Friedensziele der Juden. 478 der Türkei. Nicht etwa aus Feindschaft gegen Italien oder Griechenland, sondern aus Dankbarkeit für die Türkei und im vollen Bewußtsein, daß von ihrer freundlichen Haltungdas fernere Gedeihen der jüdischen Kolonien abhängt Was hat es nun zu bedeuten, daß die ungebetenen Helfer aus Italien den palästinensischen Juden Schutz ihrer Rechte gegen die Pforte gewähren wollen? Man darf wohl getrost behaupten, daß, die Judenheit der Türkei die „an Palästina geknüpften Rechte des jüdischen Volkes" mindestens ebenso sehr wahrzunehmen berufen ist, wie die genannte italienische Gesellschaft, und daß; sie über die Bedürfnisse und Wünsche ihrer palästinensischen Glaubensgenossen nicht weniger unterrichtet ist, als jene. Nun hat die Judenheit der Türkei durch ihre berufenen Vertreter, die Repräsentanten sämtlicher Gemeinden, Vereinigungen und Korporationen von Konstantinopel, mit dem Oberrabbiner an der Spitze, dem Justiz- und Kultusministerium eine Ergebenheitsadresse an den Sultan überreicht, in welcher sie dem Herrscher von neuem Treue gelobt, gegen die auswärtigen Umtriebe, die Unversehrtheit des Reiches anzutasten, protestiert, die Unwandelbarkeit der patriotischen Gesinnungen der türkischen Juden betont, versichert, daß' sie nach wie vor bereit sind, für, ihr Vaterland, in welchem sie seit vierhundert. Jahren Zuflucht, Schutz und Wohlstand gefunden, Gut und Blut zu opfern und dem sehnlichen Wunsche Ausdruck gibt, die Türkei möge nach einem endgültigen Siege sich zu einem einheitlichen, unteilbaren Ganzen entwickeln. Traurig ist es, daßi eine solche Kundgebung, die nur Selbstverständliches wiederholt, nötig gemacht worden ist. Und man muß sich fragen: Wem soll man da glauben? Wer ist der berufene Vertreter der jüdischen Interessen: die Unterzeichner dieser Adresse, oder die italienische Assoziation e non israelitica? Auch die amerikanischen nicht -jüdischen Arbeiter wollten nicht zurückbleiben und haben nun ebenfalls eine „Federation" gebildet, die den Juden einen Staat in Palästina unter dem hohen Protektorat der Entente aus dem Leib der Türkei zu schneiden und tapfer für dessen autonome Rechte zu kämpfen verspricht. Das ist gewiß sehr human und edel. Leider aber wird man dabei an die Haltung der amerikanischen Arbeiter zu Anfang des Krieges erinnert, als ihre erste Sorge war, darüber zu wachen, daß. die verarmte und ruinierte Bevölkerung, besonders die jüdische, aus den sich gegenwärtig zerfleischenden Staaten Europas nicht nach den Vereinigten Staaten dränge und dort die Löhne drücke! Man kann sich der unerquicklichen Vermutung nicht erwehren, daß; auch hinter diesem Beschluß, den Juden die (längst offenen) Tore Palästinas schleunigst zu öffnen, der heimliche Wunsch lauert, ihren angeblichen Auswanderungsdrang ein für alle mal nach dem fernen Osten abgelenkt zu wissen. Neuerdings hallte es aus Washington herüber, Präsident Wilson habe endgültig beschlossen, „in Palästina eine jüdische Republik unter der Schutzherrschaft von England und Frankreich zu errichten"*; natürlich muß Palästina zuerst erobert und die Türken aus Europa vertrieben werden. Gleichzeitig ist von England die Parole ausgegeben worden, in Palästina müsse „ein zionistisches Land unter britischer Flagge" errichtet werden. „Wir haben uns Aegypten gesichert und dieser Krieg muß: uns Palästina bringen. Die Türkei darf es nicht behalten. Können wir aber zugeben, daß es in die Hände einer anderen europiäischen Großmacht fällt? Man hat uns vorgeschlagen, es an Frankreich zu geben. Frankreich hat weder politische noch militärische Interessen in Palästina.; seine .syrischen Interessen können nicht besser geschützt sein, als durch ein zionistisches Palästina unter britischer Flagge. Palästina ist ein Pfeiler für Englands imperialistische Politik. Das haben wir erkannt, deshalb erobern wir es uns und werden es behalten." Die Juden wurden also, ohne erst befragt zu werden, zu Teilhabern eines in Zukunft zu gründenden Geschäftes ernannt, noch bevor das für diese Gründung notwendige Grundkapital aufgebracht ist. Vorläufig wurden sie vor der ganzen islamitischen Welt zu Hochverrätern gestempelt. Sie wurden gleichsam eingeladen, gegen den Staat, auf dessen Gebiet und in dessen Schutz sie leben, mit dem kriegführenden. Feind gemeinsame Sache zu machen, mitzuwirken, daß er geschlagen und aus Europa und natürlich auch aus Syrien vertrieben werde. Zum Lohn versprach man ihnen als Anteil an der Beute die „jüdische Republik' in Palästina". Ist es da ein Wunder, daß in den Augen der Türkei, die in den letzten Jahren von ihren „besten Freunden" so oft verlassen und verraten wuide, nun auch auf die Juden in Palästina ein Schatten fiel? Besonders ,auf die eingewanderten Kolonisten, die zumeist noch keine ottomanischen Untertanen sind? Mit einem Zynismus, dessen Grausamkeit sich nicht überbieten läßt, ist hier eine