Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1917)
- Article
- Friedensziele der Juden
- Date
- 1917-10-01
- Page
- Seite 471 - 472 (sequence 4)
- Language
- German
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471 Friedensziele der Juden. 472 von (der Maßregel betroffen wurden. Immerhin weiß jeder, daß: 'Evakuierungen auch in kleinem Maßstäbe und in mildester Form durchgeführt, kein Segen für. die Betroffenen sind. Allein jeder mußte sich fragen: Warum ist diese Entrüstung nicht so hell aufgelodert in den Jahren 1915 und 1916, als die zarische Regierung in Polen, Litauen und Kurland, bis in die jNjähe von (Petersburg und bis in die Ukraine hinein, die Juden in Massen „evakuierte"? Es kam vor, da$ an die jüdischen Bewohner einer Stadt der Befehlerging, binnen drei Stunden den Ort zu verlassen, mitten in der Nacht, im tiefsten ,Wiinter. Unter den lächerlichsten Vorwänden wurden ganze Gemeinden unter den Verdacht der Spionage zugunsten des Feindes (gestellt, und aus ihrem Wohnort verjagt. Zu Hunderten wurden sie in Viehwagen verladen und tagelang durch ganz Rußland hin und hergeschleift, ohne Speise und Trank, Greise und Kinder starben wie die Fliegen dahin und wurden mitgeführjt. Aber kein Amerikaner protestierte! deswegen bei der .russischen Regierung. Zu Hunderten mußten Juden mit Frauen und Kindern tagelang mitten im Winter in den Wäldern kampieren, weil irgend ein Unteroffizier auf die Idee gekommen war, daß sie mittels eines unterirdischen Telegraphendrahtes mit dem Feind Verbindungen unterhielten, oder daß sie auf dem Dach der Petersburger Synagoge eine Funkenstation errichtet hätten. Unter den Augen der Behörden wurden Progome, Massenschändungen, Plünderungen veranstaltet, wobei die Offiziere fröhlich mitwirkten. Aber weder in England noch in Frankreich regte sich ein Laut. D. A. Haltrecht: Die Wäscherin Warum verwendeten sich die Staatsmänner und Diplomaten dieser Länder nicht bei ihrem hohen Verbündeten, um dem Morden und Plündern Halt zu gebieten? In Galizien wütete Rußland ganz besonders gegen die Juden. Zu Hunderten wurden sie niedergeknallt und gehängt, weil sie sich weigerten, die Stellungen der österreichischen Armeen zu verraten. Die jüdischen Bewohner ganzer Städte wurden vertrieben, durch Frost und Schnee mußten sie tagelang zu Fuß wandern. Zu Tausenden wurden friedliche alte Menschen durch ganz Rußland „als Geiseln" nach Sibirien verschleppt, wo sie zum größten Teil elendiglich zu Grunde gingen. Erst vor kurzem wandte sich das Moskauer jüdische Hilfskomitee an die provisorische Regierung zu Petersburg mit der Bitte, den zehntausend noch immer in Sibirien schmachtenden galizischen Juden die Heimkehr zu erlauben. Warum blieben damals die humanen Staatsmänner der Westmächte stumm?;Die beiden jüdischen Dumaabgeordneten Friedmann und Bomasch erzählten auf der Tribüne grauenhafte [Einzelheiten über die Behandlung der Juden im westrussischen und galizischen Kriegsgebiet. Hat man in England, Frankreich, Italien und Amerika nichts davon erfahren? Warum schlief denn damals die sittliche Entrüstung? Hat man den ganzen Vorrat an sittlicher Entrüstung aufgespart, um ihn jetzt gegen die Türkei loszulassen? Die schweizerische Presse, auch die deutsche, war voll von Kundgebungen, die alle Missetaten der Russen gegen die Juden im Kriegsgebiete ableugneten und die Lage der letzteren im rosigsten Lichte darstellten; jetzt aber übersprudelte sie