Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1917)
- Article
- Friedensziele der Juden
- Date
- 1917-10-01
- Page
- Seite 469 - 470 (sequence 3)
- Language
- German
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469 Friedensziele der Juden. 470 sten auferlegt.) Das alles muß ohne weiteres zugegeben werden, aber trotzdem hatten es hier in Afrika die Jujden Idoch nicht viel schlimmer, als z. B. in Italien bis tief in das 19. Jahrhundert hinein! Und daßi die italienische Regierung sich lediglich von idealen Gründen, von Motiven der Humanitäit (und, Fr^eiheitsliebe, nicht aber von dem sacrio egoismjo leiten ließ, indem sie die Juden begünstigte, dürfte doch sehr zweifelhaft sein, auch wenn man nicht deutlich verraten] hätjte, [daß man „dieses wertvolle Element gewinnen wollte." Aber sehr unwahrscheinlich ist es, daß sich die Lage der Juden durch diese Begünstigungen auch nur für kurze Dauer gebessert hätte. Lieber ein alter Feind, als ein neuer Freund, sagt ein jüjdisches Sprichwort. Die Bevölkerung von Lybien mag den Juden noch so übel gesinnt sein, die türkische Regierung hat ihnen immer, so weit es in ihrer Macht lag, beigestanden. Wenn sie sich nun in ihrer politischen Unerfahrenheit und KjurzsicWtigkeit durch den Eroberer verlocken ließen, und von den ihnen eingeräumten Scheinprivilegien Gebrauch machten, so könnte dies wohl manch Einzelnen unter ihnen momentanen Nützen bringen, die Gesamtheit aber erleidet dadurch schweren Schaden und setzt sich großen Gefahren aus. Sie zieht sich den Haß der ganzen muselmanischen Welt zu, die sie als Verräterin betrachtet. Und wenn schließlich die Italiener mit dem muselmanischen Element auf die eine oder andere Weise ihren Frieden zu machen gezwungen sind, zweifelt jemand daran, daß die Juden zwischen zwei Stühle zu sitzen kommen, daß sie von beiden Parteien verlassen und einem doppelten Haß preisgegeben sein werden? * * * Nun haben wir in allerjüngster Zeit wiederum ein ähnliches Schauspiel erlebt, nur war es in viel größerem Maßstab angelegt und mit zugleich größerem Zynismus durchgeführt. Und die Arbeit hat auch schon ihre verhängnisvollen Früchte getragen. Vor einigen Monaten ging durch die gesamte Presse ein Schrei sittlicher Entrüstung über die „Evakuierungen" der Juden in den Kolonien und einzelnen Städten Palästinas durch die türkische Militärverwaltung-. In g*rauenhaften Farben malte man den Jammer der Vertriebenen aus und rief die edelsten Gefühle der Humanität und der Gerechtigkeit gegen die osmanischen .Machthaber an. Den Reigen führte die amerikanische Presse!; die englische, französische und italienische schüttete ihren ganzen Zorn über die türkischen Massenmörder aus und erinnerte an die Grausamkeiten, unter denen ehemals die Balkanvölker und dann, bis in die Gegenwart, die Armenier litten. In der Presse der neutralen Länder fanden die Stimmen einen mächtigen Widerhall, den mächtigsten in den Schweizer deutschen 'Zeitungen. Wochenlang verschwand das Thema, nicht .von der Tagesordnung. Die Juden konnten sich über den Jammer mit dem Gedanken hinwegtrösten, daß der höchstkultivierte Teil der ganzen Menschheit ihnen die innigste Teilnahme ausgedrückt hatte. Nachträglich stellte sich freilich heraus, daß die Nachrichten über die Grausamkeiten bei den Evakuierungen stark übertrieben waren, daß diese zum Schutz der Bevölkerung vor den Bomben und anderen Geschossen der Entente vorgenommen werden mußten und daß nicht nur Juden D. A. Haltrecht: Bei der Stickerei