Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1917)
- Article
- Friedensziele der Juden
- Date
- 1917-10-01
- Page
- Seite 467 - 468 (sequence 2)
- Language
- German
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467 Friedensziele der Juden. 468 D. A. Haltrecht: Bildnis Doch wozu in die Vergangenheit zurückgreifen? Erst vor wenigen Jahren hat sich vor unseren Augen ein (ähnliches Schauspiel entrollt, dessen Ausgang — wir sind über ihn noch nicht genau unterrichtet — sich wahrscheinlich in eine Tragödie verwandelt hat. Kaum hatte Italien 1912 Tripolis und die Cyrenaika von der Türkei erobert, als die italienische Regierung anfing, sich der dortigen jüdischen Bevölkerung von ungefähr neunzehntausend Seelen mit verdächtigem Eifer anzunehmen. Eine besondere Mission wurde auf einem eigens hierzu ausgerüsteten Staatsschiff dorthin entsandt und da das Schiff gerade an einem Sabbat ans Ziel gelangte, hielt es außerhalb des Hafens bis zum Sonntag an, damit die Ankömmlinge nicht nötig hätten, durch das Landen den Sabbat zu entweihen, — obgleich die jüdischen Religionsvorschriften garnicht so rigoros sind, und Reisenden; zu Schiff ohne weiteres erlauben, am Sabbat an. Land zu gehen. Aber den armen orthodoxen Juden von Tripolis imponierte diese von der siegreichen Regierung einer europäischen Großmacht ihrer Religion erwiesene Revereuz gewaltig und sie sahen schon die Morgenröte der' Freiheit aufgehen. Italien fing auch gleich an, sie zu „organisieren", und unter seinen besonderen Schutz zu nehmen. Der Zahltag für die öffentlichen Arbeiten wurde vom Sabbat auf einen Wochentag verlegt, um den jüdischen Arbeitern und Handwerkern entgegenzukommen. Die Verwaltung der jüdischen Gemeinde von Tripolis mit ihren Wohltätigkeitsanstalten und ihrer eigenen Rechtsprechung wurde der Kontrolle der neuen Regierung unterstellt. Die Juden wurden zum Schein auf jede Weise mit sehr geringen Kosten förmlich begünstigt, denn Italien bemühte sich, um jeden Preis „dieses nützliche Element für sich zu gewinnen." Daß dies den bittersten Neid und .Haß der Mohammedaner, der Berbern sowohl als der Araber und Türken erregte, ist nicht zu verwundern. Nun wurden die Italiener im jetzigen Kriege aus ganz Lybien hinausgeworfen. Wie es den Juden dabei ergangen ist, kann man sich leicht denken. Genaueres werden wir darüber allerdings erst nach dem Kriege erfahren. Nun ist genugsam bekannt, daß die Lage der Juden in Lybien sehr gedrückt war. Ein kleiner Teil von ihnen wohnt schon seit mehr als zweitausend Jahren im Lande; unter Kaiser Trajan hat es (117 n. Chr.) in der Cyrenaika einen großen Aufstand der Juden gegeben, der in schweren Kämpfen niedergeworfen wurde. Der größte Teil der jüdischen Bevölkerung aber stammt von den Einwanderern aus Spanien und Italien ab, die in den mohammedanischen Staaten vor der Verfolgungss'ucht im Mittelalter Zuflucht fanden. Die Berbern, sowie die viel später hier angesiedelten Araber unterdrückten sie im gleichen Maße. Unter türkischer Herrschaft besserte sich ihre Lage allerdings, aber sie ließ, noch immer sehr viel zu wünschen übrig- Die Mohammedaner betrachteten sich als die Herren des Landes, die Juden aber als die Geduldeten, die ihnen gegenüber auch ^äußerlich eine demütige Haltung zu bewahren hatten. Jeder Juide mußte z. B. vom Pferde steigen, wenn er dem ärmsjten Araber begegnete. (Das gleiche war übrigens auch den Chri-