Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1917)
- Article
- Friedensziele der Juden
- Date
- 1917-10-01
- Page
- Seite 465 - 466 (sequence 1)
- Language
- German
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465 Friedensziele der Juden. 466 FRIEDENSZIELE DER JUDEN. Von B. W. Segel. III Wenn im Jahre 1821 ein russischer Staatsmann auf die Idee kam, die jüdischen Palästinapilger könnten die Türkei gegen Rußland aufwiegeln, so finden wir einige Jahre später einen umgekehrten Gedankengang. Der russische Konsul in Akko (St. Jean d' Acre), Antonio Kalliphagi, fing um das Jahr 1825 urplötzlich an, sich der Juden in Galiläa mit auffälligem Eifer anzunehmen. In Safed, Tiberias und anderen Ortschaften bestanden kleine, sehr arme Gemeinden, gegründet von Pilgern überwiegend aus Polen und Litauen, die von der „Chalukka" und anderen aus der Heimat zufließenden Almosen lebten. Sie litten viel Not und der Pascha von Akko bedrängte sie häufig. In dem genannten russischen Konsul erwuchs ihnen ein Fürsprech und Beschützer; er lieh ihnen sogar Geld, und auch für die kleine verwandte Gemeinde, die 1812 in Jerusalem gegründet worden war, verwendete er sich bei den Behörden und bei einflußreichen Privatpersonen. Als die Juden von Palästina wieder einmal, wie dies in früherer Zeit oft geschah, Abgesandte nach Polen und Litauen schickten, um Unterstützungsgelder und Almosen zu sammeln, verkündeten sie das Lob des russischen Wohltäters, und die Juden von Wilna schickten ihm einen warmen Dankbrief nebst einem schwungvollen hebräischen Gedicht, verfaßt von dem berühmten Adam Lebensohn (siehe seine „Schire Sephath kodesch" I S. 166—9). Diese auffällige Anteilnahme des russischen Diplomaten an dem Schicksal der palästinensischen Juden, die in einem schroffen Gegensatz stand zu der Behandlung, die man ihnen in der Heimat angedeihen ließ, erscheint uns im rechten Lichte, wenn wir bedenken, daß Rußland damals heimlich zu einem Krieg gegen die Pforte rüstete. Davon hatten natürlich die armen Menschen in Safed und Jerusalem ebensowenig eine Ahnung, wie ihre Glaubensgenossen in Wilna. Es konnte den Russen nicht schaden, auf alle Fälle durch kleine Geldunterstützungen und gute Worte sich unter den Juden in Palästina Freunde zu machen. Möglich, daß der Gedanke hierzu mittelbar durch die so ridiküle Affaire des Salomon Plonski eingegeben wurde. Jedenfalls hat die freundschaftliche Anbiederung vonseiten einer mit der Türkei kriegführenden Macht diesmal für die Juden in Palästina keine schlimmen Folgen gehabt. Anders im Jahre 1798, als Napoleon seinen Zug nach Aegypten und Syrien unternahm. Die erste französische Republik hatte die Menschenrechte verkündet und die Juden emanzipiert. Dadurch hatte sie sozusagen ein Anrecht auf die Dankbarkeit aller Juden der Welt erworben, sogar der palästinensischen, obgleich1 (diesen alle Revolution und Emanzipation und alles, was damit zusammenhing, ein Greuel war. Dem napoleonischen Heer ging der geschickt verbreitete Ruf voraus, daß alle geknechteten und verfolgten Menschenklassen, darunter natürlich die Juden, sehnsüchtig darauf harrten, von ihm befreit zu werden. Unter der mohammedanischen Bevölkerung von Jerusalem verbreitete sich die Ueberzeugung, die Juden stünden in heimlicher Verbindung mit dem heranrückenden Feinde und trieben Spionage in seinem Interesse. Ein den Juden freundlich gesinnter Türke setzte den Chacham Baschi Rabbi Jörn tob Algazi und seinen Stellvertreter Rabbi Mordechaj Josef Mejuchas in Kenntnis, daß es beschlossene Sache war, sobald Jerusalem belagert würde, alle Juden niederzumetzeln. Die beiden Rabbiner ergriffen Gegenmaßregeln, sie forderten sämtliche Juden der Stadt auf, sich zu einem Gebet vor der Tempelmauer zu versammeln, um den Schutz des Himmels gegen den Feind herabzuflehen; nach dem Gottesdienst unterbreiteten sie der Militärverwaltung einen Plan, die Festungswerke auszubessern, Schanzen aufzuschütten und außen einen neuen Graben auszuwerfen. Alle erwachsenen Juden beteiligten sich an der Arbeit unter Anführung des Chacham Baschi und seines Vertreters, die selber Hand anlegten. Die Mohammedaner konnten keinen besseren Beweis für die Grundlosigkeit der Beschuldigung gegen die Juden haben. 'Und da sie überdies stets von einler ehrfürchtigen Scheu für deren Gebet vor dem Allerheiligsten erfüllt waren, so schrieben sie es seiner Wirkung zu, daß; Napoleon dicht vor den Toren Jerusalems den Rückzug antrat. Wenig fehlte jedoch und die Juden von Jerusalem hätten es mit ihrem Blute bezahlt, daß ihre Glaubensgenossen im fernen Westen eine Weile von der Gunst der französischen Revolution beschienen wurden. (Diese Begebenheiten sind verzeichnet in dem heb. Jahrbuch „Jerusalem" von A. M. Luncz, 1905, S. 198 u. 208.)