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Ost und West · 1917-10-01 · Heft 10 (Oktober 1917) · p. Seite 455 - 456

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 10 (Oktober 1917)
Article
H. Graetz
Date
1917-10-01
Page
Seite 455 - 456 (sequence 2)
Language
German
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455 H. Graetz. 456 Judentum der Folgezeit ist bei aller göttlichen Verehrung der Bibel durchaus vom Talmud beherrscht, der als der eigentliche Erzieher des jüdischen Volkes zu betrachten ist. Dass clies einen Niedergang des Judentums bedeute, können nur kurzsichtige Beurteiler des monumentalen Werkes und des Geschichtsverlaufes behaupten, was hier nur nebenbei bemerkt sein soll. Wenn auch nicht der Talmud als Werk, so hat doch der in ihm verkörperte Geist die zwei neuen Weltreligionen aus sich herausgeboren. Tatsache ist jedenfalls, dass das Judentum schon zur Zeit des zweiten Tempels von der „Ueberlieferung der Väter", durch deren Brille auch Tora und Propheten angeschaut wurden, beherrscht war, in noch erhöhtem Masse war dies der Fall, seitdem diese Entwicklung im Talmud ein Grundbuch erhalten hatte. Wer das Judentum, sei es nun das des Mittelalters oder das der Gegenwart, wirklich verstehen will, muss vom Talmud, dem Niederschlag des jüdischen Geistes in der naciibiblischen Zeit, ausgehen. Bewußt oder unbewusst hat Graetz das Studium des jüdischen Volkes und seines Entwicklungsganges richtig mit der grundlegenden Epoche seiner Geschichte, mit dem Zeitalter des Talmuds begonnen. Der Spezialei.nleitung des in Rede stehenden vierten Bandes geht eine allgemeine Einleitung voraus, in welcher der „dritte Zeitraum der jüdischen Geschichte vom Untergange des jüdischen Staates bis auf das Anbrechen der neuen Zeit, von 70 bis 1780 nach der üblichen Zeitrechnung" charakterisiert wird. Auf kaum viereinhalb Druckseiten hat hier Graetz seine Auffassung von der Bedeutung des jüdischen Volkes, auch nachdem es seine staatliche Existenz eingebüßt hatte, kurz und bündig dargetan, woraus hier einige markante Stellen angeführt werden mögen. „Der lange, fast .siebzehnhundertjährige . Zeitraum der Zerstreuung ist zugleich ein Zeitraum beispielloser Leiden, eines ununterbrochenen Märtyrertums, einer mit jedem Jahrhundert gesteigerten Erniedrigung und Demütigung, wie sie einzig in der Weltgeschichte vorkommt, aber auch der geistigen Regsamkeit, der rastlosen . Gedankenarbeit, der unermüdlichen Forschung. Wollte man von diesem Zeiträume ein deutliches entsprechendes Bild entwerfen, so könnte man ihn nur unter einem Doppelbilde darstellen. Von der einen Seite das geknechtete Juda mit dem Wanderstabe in der Hand, dem Pilgerbündel auf dem Rücken, mit verdüsterten, zum Himmel gerichteten Zügen, von Kerkerwänden, Marterwerkzeugen und dem glühenden Eisen der Brandmarkung umgeben; auf der andern Seite dieselbe Figur mit dem Ernste des Denkers auf der lichten Stirn; mit der Forschermiene in den verklärten Gesichtszügen, in einem Lehrsaale, gefüllt mit einer Riesenbibliothek in allen Sprachen der Menschen und über alle Zweige des göttlichen und menschlichen Wissens sich erstreckend, — Knechtsgestalt mit Denkerstolz. — Die äussere Geschichte dieses Zeitraumes eine Geschichte von Leiden, wie sie kein Volk in diesem gesteigerten Grade, in dieser unübersehbaren Ausdehnung erduldet, die innere Geschichte eine umfassende Geistesgeschichte, wie sie wiederum nur Eigentum dieses einzigen Volkes ist, die, von der Gotteserkenntnis auslaufend, alle Kanäle aus dem Stromgebiet der Wissenschaften aufnimmt, mit sich vermischt und vereinigt. Forschen und wandern, denken und d u 1 de n , lernen und leiden, füllen die lange Reihe dieses Zeitraumes aus." „Hat das Judentum dieses Zeitraums die ruhmreichsten Märtyrer aufzuzählen, neben denen die gehetzten Dulder anderer Völker und Religionsbekenntnisse fast glücklich zu nennen sind, so hat es auch hochragende Denker erzeugt, die nicht bloss eine Zierde des Judentums geblieben sind. Es gibt wohl keine Wissenschaft, keine Kunst, keine Geistesrichtung, woran die Juden nicht mitgearbeitet hätten. Denken ist ein ebenso charakteristischer Grundzug der Juden geworden wie leide n." „Jeder Sturm in dem weltgeschichtlichen Umkreise hat auch das Judentum bis in sein Innerstes tief bewegt, ohne es jedoch zu erschüttern. Die jüdische Geschichte der siebzehn Jahrhunderte stellt die Weltgeschichte im Kleinen dar, wie denn auch das jüdische Volk ein Universalvolk geworden ist, das, weil nirgends, darum überall zu Hause ist." „Weil die weite Welt für das geknechtete Volk zu einem düstern Kerker zusammenschrumpfte, indem es seinen Tatendrang nicht zu befriedigen vermochte, zogen sich die Begabteren dieses Volkes in die innere Gedankenwelt zurück. Den Abglanz dieses tiefsinnigsten Gedankenlebens bildet die jüdische Literatur, und sie musste umso reicher ausfallen, als sie nicht nur ein Bedürfnis der Begabteren, sondern eine Arznei für das ganze leidende Volk war; durch das Heimisch werden des jüdischen Volkes auf der ganzen bewohnbaren Erde wurde das jüdische Schrifttum eine wahrhafte Weltliteratur. Sie bildet den Kern der jüdischen Geschichte, den die Leidensgeschichte mit einer bitteren Schale umgeben hat. In dieser Ricsenliteratur hat das ganze Volk seinen Gedankenschatz und sein innerstes Wesen niedergelegt." Hat nun Graetz gleich bei Beginn seiner Arbeit klar und bewusst den einzig richtigen Standpunkt des jüdischen Historikers eingenommen, indem er die darzustellende Geschichte weder als eine Religions- oder Kirchengcschichte, noch als eine Leidens- oder Literaturgeschichte betrachtete, sondern afs eine ,.Geschichte der Juden", d. i. als eine Zusammenfassung aller Schicksale und Taten, weiche mit Juden in Zusammenhang stehen, so hat er dann diesen Standpunkt konsequent festgehal-

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