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Ost und West · 1917-09-01 · Heft 9 (September 1917) · p. Seite 449 - 450

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 9 (September 1917)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1917-09-01
Page
Seite 449 - 450 (sequence 6)
Language
German
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449 Rumänien und seine Juden. 450 Groll gegen sie mußte von der Regierung' künstlich genährt werden; die Regienmjg aber hatte gute Gründe, in ihrer Hetze es nicht bis zu Gewälttätigkeiten oder gar Blutvergießen kommen zu lass-en. Zwei Tage darauf meldet Gogalniceano dem Fürsten, daß das Prinzip der bürgerlichen und religiösen Freiheit nicht nur für Rumänien, sondern für alle Balkanstaaten proklamiert werden wüjrde, „und zwar noch mehr wegen der Mohammedaner, als wegen der Juden." Trotzdem wendet sich der stets wachsame offizielle Haß nur gegen die letzteren. Der Fürst notiert am 23. Juni, daß es nötig sein werde, eine Konstituante einzuberufen, um die dem Lande „so unerwartet und so unvorbereitet aufgezwungene Judenfrage zu lösen." Wir wissen, daß diese Frage seit seiner Thronbesteigung, also seit zwölf Jahren, nicht von der Tagesordnung gewichen war und Anlaß zu um zähligen Interpellationen, diplomatischen Noten und Unterhandlungen gegeben hatte. Hier haben wir gleich eine Probe von der strengen Wahrheitsliebe und Aufrichtigkeit dieses Fürsten und nachmaligen Königs. Drei Tage darauf berichten ihm seine beiden Bevollmächtigten von ihren Berliner Eindrücken: sie seien überzeugt, daß, für [Rumänien nichts anderes übrig bleibe, als sich ins Unvermeidliche zu fügen. Alle Kongreßmitglieder hätten ihnen ans Herz gelegt, die Abtretung Beßarabiens als vollzogene Tätsache zu betrachten, und sich damit abzufinden. Auch Waddington habe in diesem Sinne gesprochen und die Notwendigkeit der Judenemanzipation betont; Bismarck habe besonders die Anbahnung eines guten Verhältnisses zu Rußland angeraten. Je näher der Tag rückte, an dem der -Kongreß über Rumänien verhandeln sollte, desto höher stieg die Wut in diesem Lande. Wir haben indessen gesehen, daß die beiden rumänischen Minister vor den versammelten Staatsmännern ■^Europas nur gegen die Abtrennung Beßarabiens, nicht aber gegen die ebenso sicher zu erwartende Judenemanzipation protestierten. Gegen die erstere hatten sie wichtige und wohlbegründete historische wie staatsrechtliche Gründe ins Feldfeu führen; was £ie gegen idie letztere einzuwenden hatten, mochte sich wohl in Volksver- AUSWAERTIGE UMTRIEBE GEGEN Inzwischen begannen eifervolle gute Freunde, die Sache auf ihre Weise ins richtige Licht zu setzen. Die „Times" brachten am 4. Juli eine aus Wien vom 3. datierte Korrespondenz, in der ausgeführt wurde, daß Fürst Bismarck die Vertreter des Berliner Zweigvereins der Alliance Israelite Universelle empfangen und ihnen versprochen hatte, die Emanzipation ihrer rumänischen Glaubensgenossen durchzusetzen, wogegen die Berliner Juden sich verpflichten mußten, „bei den bevorstehenden allgemeinen Wahlen zum Reichstag die konservative Partei zu unterstützen." (to support the conservative party on the occasion iof the coming electibns.) Es unterliegt keinem Zweifel, daß diese angebliche Wiener Korrespondenz in den Londoner Redaktionsräumen der „Times" angefertigt wurde. Man kann sich aber leicht vorstellen, welch einen Sturm 'der Entrüstung sie in Rumänien hervorrufen mußte. Dort sagte man sich: nun ist unser Land nicht nur ein Kompensationsobjekt für die europäischen Großsammlungen, in der Presse und auf der Parlamentstribüne mit Erfolg vortragen lassen. Aber vor dem Kongreß würden sich die Rumänen damit nur unsterblich lächerlich gemacht haben; davor .aber schraken die rumänischen Staatsmänner um so eher zurück, als kurjz zuvor die Vertreter der von ihnen so geringschätzig [behandelten anderen Balkanstajaten gegen diese Forderung nicht den geringsten Einwand erhoben hatten. * * * Sogleich nachdem der Kongreß die Gleichberechtigung der Juden in Rumänien votiert hatte, betrachteten die Delegierten der Alliance es alsihre wichtigste Aufgabe, so erzählt Narcisse Leven, eine Versöhnung zwischen den serbischen und rumänischen Abgesandten und den Juden dieser Länder herbeizuführen. Den Serben gegenüber war das so gut wie überflüssig; mit den Rumänen dagegen ging es nach der zwölfjährigen Verhetzung, die in der letzten Zeit nur noch verbitterter geworden, sehr schwer. Charles Netter berichtet, daß Gogalniceano ihm versicherte, er habe seit Monaten seine Kollegen ermahnt, die Judenfrage zu lösen, damit das Ausland ihnen nicht zuvorkomme. Indessen, fügte er hinzu, lassen wir das Vergangene vergangen sein, aber die Alliance müßte sich be>- mühen, daß ihre Feinde den Juden diese Intervention des Auslandes verzeihen, indem sie zur Sühne dafür bei den Mächten eine Erweiterung der Grenzen der Dobrudscha zugunsten Rumäniens erwirke. Mit dem Bleistift in der Hand entwarf er flink einen Umriß der gewünschten Grenzberichtigungen und setzte die diesbezüglichen finanziellen Fragen auseinander. — Der rumänische Minister hielt die Alliance Israelite Universelle offenbar für eine mächtige überstaatliche Organisation, deren Einfluß im Rate der europäischen Weltreiche schwer in die Wagschale fiel. Dieser, wie wir weiter unten sehen werden, von gewisser Seite mit Vorbedacht genährte Aberglaube, hat den Juden, und nicht nur den rumänischen, auch in der Folge vielen Schaden gebracht. DIE EMANZIPATION DER JUDEN. mächte, sondern auch ein Gegenstand eles Wahlhandels zwischen den Parteien in einem fernen Lande; weil Fürst Bismarck die Wahlhilfe der Berliner Juden braucht, drängt er uns eine Maßregel auf, die wir verabscheuen. Von seiten Englands war das ein geschickter Zug, um den Groll Rumäniens (welches man jetzt schon zu umwerben anfing), von .sich ab und auf die deutsche Diplomatie hinzulenken. Es nützte wenig, daß der Vorsitzende des Berliner Zweigvereins der Alliance, Dr. Salomon Neumann, am 11. Juli in der „Times" eine Berichtigung einrücken ließ, in der er feststellte, daß die Delegierten dieses Vereins nie vom Fürsten Bismarck empifangen wurden, ihm niemals irgendwelche Wahlhilfe versprachen, und daß die Alliance eine ausschließlich philanthropische Institution sei, die sich von jeder politischen und sogar religiösen Aktion fernhalte (eoarte toute action politique et meme reli- . gieuse); diesmal war ja die Philanthropie in die nächste Nähe der Politik, sogar der hohen und

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