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Ost und West · 1917-09-01 · Heft 9 (September 1917) · p. Seite 443 - 444

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 9 (September 1917)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1917-09-01
Page
Seite 443 - 444 (sequence 3)
Language
German
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443 Rumänien und seine Juden. 444 Minister des Aeußeren Gogaliiiceano zwei Besprechungen gehabt hatte, die mehrere Stunden dauerten; die Wünsche, welche die Wiener Allianz im Interesse der Gleichberechtigung der Juden in Rumänien hegte, wurden dargelegt Und alle Einwendungen des Ministers entkräftet. „Wir glauben uns", schließt der Bericht, „zu der Annahme berechtigt, daß diese Besprechungen von einiger Wirkung auf den Minister gewesen sein dürften, der nicht schied, ohne uns eine vorläufig teilweise Emanzipation in nicht ferner Zeit erhoffen zu lassen." * * * Jetzt, lange ehe es feststand, ob der Kongreß überhaupt zusammentreten würde, war der richtige Augenblick gekommen, die Judenfrage in Fluß zu bringen. Den Juden in Rumänien lag es ob, überall Versammlungen zu berufen und sich an die rumänische Nation zu wenden, Petitionen in geeigneter Form an den Fürsten und an die gesetzgebenden; Körperschaften zu richten, und gleiche Bürgerrechte, zunächst aber die Aufhebung aller hinfällig" und sinnlos gewordenen Beschränkungen zu fordern, um jeden Preis eine Verständigung zu suchen, bevor das Ausland veranlaßt wurde, einzugreifen. Sache der westeuropäischen Juden war es, ihre rumänischen Glaubensgenossen zu diesem Schritt anzuregen und anzuleiten, sowie ihrerseits unmittelbar und auch durch Vermittlung wohlwollender Staatsmänner und Diplomaten der Großmächte auf den Fürsten Carol und auf die Kammern, durch die Presse auf die öffentliche Meinung in Rumänien: einzuwirken und eine klare Stellungnahme herauszufordern, bevor sie sich an den Kongreß wandten. Dies ist aber weder von der einen, noch von der anderen Seite geschehen. Warum? Das ist jetzt schwer zu entscheiden. Wir finden in Rumänien zwar ein jüdisches Aktionskomitee, allein wir werden es erst post festum in Ajktion. treten sehen. Die Abgesandten der Alliance Israelite Universelle gingen nach Berlin, die gesamte europäische Presse berichtete darüber, nannte ihre Namen neben denen der Delegierten der Kleinstaaten, die sich in Berlin eingefunden hatten (ohne am Kongreß teilnehmen zu dürfen), aber von einer vorhergehenden Fühlungnahme mit den maßgebenden Faktoren in Rumänien, wie Adolf Wahrmann dies angeraten hatte, finden wir keine Spur. Das alles war eine schwere Verfehlung; es ist unmöglich, heute zu entscheiden, wen hieran die Schuld trifft, aber daß eine Schuld vorliegt, steht außer Zweifel. Inzwischen war der Kongreß einberufen worden. Wir kennen bereits den Verlauf der Aktion der Alliance und ihrer Freunde in Berlin, sowie deren Ergebnisse. Wir haben jetzt, zurückgreifend, den Reflex dieser Aktion auf die in Betracht kommenden Balkanvölker zu schildern. Der Fürst, sowie die maßgebenden rumänischen Politiker hatten sich im stillen damit abgefunden, daß Rußland zum Lohn für die Hilfe, die ihm Rumänien gegen die Türkei geleistet, ihm Beßarabien abnehmen und als Ersatz die Dobrudscha aufnötigen würde. Sie hatten sich alsbald überzeugt, daß sie von den Großmächten nur teilnehmende Worte, aber keinen werktätigen Beistand zu erwarten hatten. Es galt für sie nur noch, die Amputation so gelind als möglich zu gestalten, an .Vergütung so viel als möglich herauszuschlagen! und vor dem Land den Schein zu retten, indem der Widerstand gegen die Vergewaltijgung so energisch und lange als nur irgendwie anfing, aufrecht erhalten wurde. Hauptsächlich handelte es sich darum, den Befreier rasch zum Abjzug aus dem Lande zu bewegen. Die Lage der Regierung Bratianos, der den ganzen Handel mit Rußland eingefädelt hatte, war sehr heikel. Das Ansehen des Fürsten stand auf dem Spiel. Wenn seine nahen verwandtschaftlichen Beziehungen zu den mächtigsten regierenden Häusern das Land vor dieser schmachvollen Beraubung und Demütigung nicht schützen konnten, wozu hatte es genützft, ihn, den Fremden und Andersgläubigen, auf den Thron zu berufen? Gab es nicht einheimische Fürstengeschlechter genug, die würdig wären, über Rumänien zu herrschen? Antidynastische Stimmungen regten sich im Volk wie unter den Bojaren, im Lande wuchs die Verwirrimg und Erbitterung, die nach dem ein Jahr lang andauernden patriotischen Begeisterungstaumel und den hochgespannten Hoffnungen sich um so fühlbarer machten und nach einem Ventil suchten. In Berlin nahm die Aktion zugunsten der rumänischen Juden ihren Anfang. In einem Punkt freilich wurde der Rat Adolf Wahrmanns befolgt. Die dem Kongreß überreichte Denkschrift der Alliance bezog sich nicht allein auf die rumänischen Juden, sondern auch auf die der anderen Balkanstaaten. Stellenweise hatte sie jedoch Ton und Charakter einer Anklageschrift. Der Pariser „Temps" vom 18. Juni veröffentlichte sie vollinhaltlich. In knapper, gedrängter Darstellung Wurde die Lajge der Juden geschildert, wie die Verträge von 1856 und 185S von Rumänien und Serbien verletzt oder umgangen wurden, wie die Forderungen der Türkei bezüglich des Schutzes der Juden unbeachtet blieben; die Teilnahme der rumänischen Juden am Kriege wurde hervorgehoben. „Desto unerhöjrter ist es, daß die Gesetze und noch jüngst ein Erlaß des Gerichtshofes erklären, daß diese Juden, die ihr Blut für die Ehre ihres Vaterlandes vergossen, keiner Nationalität angehören, kein Vaterland haben." (Dieser Passus bezog sich auf eine am 10. November vom Appellhof zu Jassy gefällte Entscheidung in einem Prozesse.) „Wenn dies das Verfahren Serbiens und Rumäniens gegen die Israeliten ist," fährt die Denkschrift fort, „was hat man erst von den anderen losgelösten türkischen Provinzen zu befürchten? Brauchen wir an die traurigen Vorgänge von Eski- Sagra und Kazanlyk zu erinnern, um auf die Gefahren hinzuweisen, welche die Israeliten in Bulgarien und in einem Teile von Rumänien erwarten? Tausende von ihnen irren noch ohne Schutz und ohne Erwerbsquellen, fern von ihrer Heimat, umher. Im Namen der Israeliten, im Namen der Humanität wenden wir uns ehrerbietig an Europa zugunsten unserer unglücklichen Glaubensgenossen in Bulgarien, Rumelien, Serbien und Rumänien. Von Europa erwarten sie das Ende ihrer Leiden. Sein Schutz ist ihnen in Gegenwart und Zukunft unentbehrlich. Möge Europa seine mächtige Stimme vernehmen lassen, möge es die Gleichheit der Menschen, unabhängig vom Glaubensbekenntnis, verkünden und die Eintragung dieses Prinzipes in die Konstitution fordern. Möge es sich endlich ■zu dessen wachsamem Hüter machen.

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