Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 9 (September 1917)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1917-09-01
- Page
- Seite 441 - 442 (sequence 2)
- Language
- German
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441 Rumänien und seine Juden. 442 einer Intervention für die gesamte Judcnheit der europäischen Türkei wirken; daraus wird eo ipso für uns, die Bewohner Rumäniens, nur Gutes resultieren, zweitens, worauf das Hauptgewicht zu legen ist, muß die günstige Stimmungin unserem Lande benützt Werden, um bei uns, d. h. bei tmseren bedeutenden Politikern und Staatsmännern, wie besonders bei der jetzigen Regierung, das Glück zu versuchen, dort für die Idee der Emanzipation Propaganda zu machen und sie dafür zu gewinnen. Will man Hand ans Werk legen, um durch Vermittlung Europas die Emanzipation der Juden in unserem Lande zu erwirken, dann muß hier zuerst vorgearbeitet werden." Eins stehe aber fest, nämlich, „daß durch eine Pression, die noch |daz'u auf Rumänien allein ausgeübt werden soll, nicht geholfen we rd en kau n." Gerade die letzten Dezennien hätten bewiesen, daß die Rumänen in gar manchem Punkte vom Pariser Vertrag (1858) auch bezüglich der Judenfrage abgewichen seien. Wer bürge also dafür, daß, wenn Europa ihnen die Judenemanzipation abzwinge, sie sich gar lange daran gebunden halten würden? „Ist es daher nicht nötig, daß vor allem hier (im Lande) tüchtig vorgearbeitet werde . . . Wir sollen uns, und unsere europäischen Glaubensgenossen mit uns, von allem an das r u m än ische Volk wenden* es an die Opfer, die wir für das Vaterland s,tets;, und besonders in diesem Kriege gebracht, erinnern, es aufmerksam machen, daß die Emanzipation der Juden eine der Hauptbedingungen des Florierens und Gedeihens dieses Rumäniens sei, welches aus der Konferenz als unabhängiger Staat hervorgehen dürfte. Die Stimmung! ist für uns jetzt günstiger als sonst, und das muß gehörig benutzt werden." Diese Ansichten trug Adolf Wahrmann in den Monaten April bis Juni 1S7S vor. Sein Rat wurde auch befolgt, aber sehr unvollkommen. Mittlerweile hatten die Rumänen ihre liebe Not mit dem Bundesgenossen und Schutzherrn, der ausgezogen war, sie vom türkischen Joch zu befreien. Die Befreiten fanden, daß diese Absicht viel zu gut gelungen war. In dem Friedensvertrag von San Stefano wurde, wie wir wissen, festgesetzt, daß Beßarabien den Rumänen abgenommen werden sollte. Von dem Schicksal der dortigen Juden war in den Abmachungen mit keinem Worte die Rede.) Aber außerdem hatte Rußland die Absicht, das befreite Rumänien zwei Jähre lang besetzt zu halten — um es gründlich an die neu errungene Freiheit zu gewöhnen. Das erfüllte die Rumänen mit Grauen. Bratiano machte sich auf zu einer Rundreise durch Europa, um die Hilfe der Kabinette gegen den Beschützer anzurufen. Wir erinnern uns, welche Antwort ihm der englische Botschafter in Wien erteilte. In Wien fand er eine nicht gerade warme Aufnahme. Wenigstens erinnerte die ,in jenem Moment ihm noch feindlich gesinnte Neue Freie Presse daran, daß er es war, der vor einem Jahre den Pariser Vertrag für null und nichtig erklärte, die Kriegskonvention mit Rußland abschloß, jeden uissischen Großfürsten als willkommenen Gast in Bukarest begrüßte, dagegen Oesterreich-Ungarn^ einen geographischen Begriff nannte und auf der Parlamentsbühne den Grafen Andrassy als den „Schlächter der Rumänen" bezeichnete; das einflußreiche Blatt, das als Sprachorgan der Regierung] in auswärtigen Fragen betrachtet wurde, fand, daß Rumänien keinen unpassenderen Sendling hätte Wählen können. Indessen war das Wiener Kabinett geneigt, ihm wenigstens in einem Punkte zU) Hilfe zu kommen, nämlich die Zeit der Besetzung durch die russischen Truppen abzukürzen. Da aber die Neue Freie Presse in der Judenfrage gegen die rumänische Regierung seit jeher Partei nahm, so wurde ihr feindseliges Verhalten gegen Bratiano den rumänischen Juden zur Last gelegt, und diese beschuldigt, im Auslande gegen ihr eigenes Vaterland zu wühlen, in welchem sie Gleichberechtig'ung erstrebten. Die „Romania Libera", Organ des Ministers des Aeußeren Cogalniceano, bezweifelte den Zusammenhang der rumänischen Juden mit diesen Treibereien in Wien, aber die Partei der Interventionisten, die sich von einem Eingreifen der Großmächte alles Heil versprach, hielt es für angemessen, die Ansicht zu bestärken, daß die rumänischen Juden mit den auswärtigen Mächten in Fühlung standen, und in den dort maßgebenden Kreisen durch ihre Freunde bedeutenden Einfluß besaßen. Zu ihrem Sprachrohr wählten sie die zu Bukarest in deutscher Sprache erscheinende „Epoche". Anfangs Mai schrieb dieses Blatt: „die Juden Rumäniens stünden mit den israelitischen Komitees in Paris, London, Berlin, Wien usw. in (Verbindung, um, falls der Kongreß zustande kommt, eine Petition an diesen zu .überreichen, worin sie um Gewährung der Gleichberechtigung ansuchen." Das klang wie eine Drohung, und ließ die sonst vernünftigen Ausführungen des Artikels in einem sehr zweifelhaften Licht erscheinen. Bratiano ließ sich inzwischen in Wien von Journalisten ausfragen 'und sagte au einem Rejdakteur der Deutschen Zeitung: „Diese Dinge" (gemeint sind die Judenverfolgungen und -bedrückungen in Rumänien) „haben uns ungemein geschadet, sie wurden geglaubt" (obwohl sie nur zu sehr walv waren) „und diskreditierten uns. Man klagt mich der Judenfeindschaft an, ich verdiene diesen Vorwurf nicht . . . Jeder Jude in Rumänien erklärt sich, sobald er irgend einen Konflikt mit der Behörde hat, für einen Oesterreicher oder Ungar." Unbegreiflich ist es für ein europäisches Hirn, warum ein Oesterreicher oder Ungar in einem zivilisierten Lande bei einem Konflikt mit der Behörde sich besser 'stünde, als ein Einheimischer. Wir haben auch gesehen, daß der Handelsvertrag mit Oesterreich-Ungarn die jüdischen Untertanen der Donaumonarchie der rumänischen Judengesetzgebung völlig überließ. Aber in den Zeitungen nahm sich diese Aeußerung des Ministerpräsidenten gut aus, und bewies dem Ausland, mit was für großen Schwierigkeiten Rumänien zu kämpfen hatte; sollte man es nicht wenigstens im Kampfe gegen Rußland etwas kräftiger unterstützen? Im englischen Unterhaus gab die Regierungnoch Ende März die feierliche Versicherung ab, daß sie ihren ganzen Einfluß aufbieten würde, um in Rumänien und Serbien allen Konfessionen die Gleichberechtigung zu verschaffen. Die Juden, der ganzen Welt, und vor allem die Rumäniens, zweifelten nicht einen Augenblick, daß England sein Versprechen auch verwirklichen werde. Die Wiener Allianz berichtete im Frühjahr 1878, daß ihr Präsidium (Präsident war damals Josef Ritter von Wertheimer) mit dem rumänischen