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Ost und West · 1917-09-01 · Heft 9 (September 1917) · p. Seite 439 - 440

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 9 (September 1917)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1917-09-01
Page
Seite 439 - 440 (sequence 1)
Language
German
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439 Rumänien und seine Juden. 440 RUMAENIEN UND SEINE JUDEN. Von Dr. S. Sch if f er. VII. DER UMSCHWUNG DER STIMMUNG IN RUMAENIEN. Die judenfreundliche Stimmung in Rumänien, wie wir sie bereits kennen gelernt haben, hielt bis zum Siommer 1878 an. Es wurde emstlich der Gedanke erörtert, die volle Emanzipation der Juden durchzuführen, und zwar derart, daß die eingeborenen uneingeschränkte staatspolitische, die eingewanderten dagegen die bürgerlichen Rechte erhalten sollten. Die konservative Partei, die bis dahin eine Gegnerin der rumänischen Judenpolitik war, sollte zur Regierung herangezogen werden, da die am Ruder befindliche liberale oder nationallliberaje Partei sich nicht getraute, das Werk allein zu unternehmen. Wie wir gesehen haben, gab es unter den rumänischen Juden zwei entgegengesetzte Richtungen; die eine erhoffte alles von einem Einschreiten der Großmächte zugunsten der Emanzipation, die andere erstrebte eine Verständigung mit den Rumänen. Als jedoch die großen jüdischen Organisationen und hervorragenden Persönlichkeiten die Sache ihrer;Brüder iml Osten in die Hand genommen hatten und mit so großem Eifer vor dem Forum Europas vertraten, war ihre Aktion, wie eine ins Rollen gekommene Lawine, nicht mehr aufzuhalten. Jetzt trat unter den rumänischen Juden eine driote Strömung an iden Tag, deren Wortführer hiit Namen genannt zu werden verdient, da er mit den Verhältnissen offenbar genau vertraut war und infolgedessen grundgescheite und maßvoll vorgetragene Ratschläge gab. Er hieß Adolf Wahrmann, war cand. juris und lebte in Botuschani, kannte also die Zustände und Stimmungswanidlungen aus nächster •Nähe. In mehreren Artikeln der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" stellte er fest, daß der Judenhaß in Rumänien eigentlich nie populär war. „Das rumänische Violk ist von sanftem, duldsamem Charakter und würde sich mit seinen jüdischen Mitbürgern sehr gut vertragen, wenn die Hetzerei nicht von einigen Individuen ausginge, welche den Judenhaß als Aushängeschild für ihre Politik benutzen und dadurch das Herz des rohesten Teils des Volkes vergiften. Sonst hat das rumänische Volk einen gesunden Kern, und man würde — das wird jedermann zugestehen müssen, der Land und Leute von '•Rumänien nicht nur oberflächlich kennt — bei einer etwaigen Gleichstellung der Juden auf dieser Seite auf keinen Widerstand stoßen. Denn, ich wiederhole es, die Judenfrage in Rumänien ist nie eine nationale, den Geist des Volkes beschäftigende, noch iweniger vom religiösen (Standpunkt diskutierte Frage gewesen, wie es in anderen Ländern, wo die Juden früher, teilweise noch jetzt, in gesellschaftlicher Beziehung zurückgesetzt waren, resp. noch sind, der Fall war. Wenn überall der Sinn des Volkes von einer intoleranten Geistlichkeit, die eine vorherrschende Stellung einnimmt, betört und verdorben war, so blieb der Sinn des rumänischen Volkes von solchem schlechten Einfluß verschont. Vielmehr zeigt unser Klerus eine Toleranz gegen Andersgläubige, die wahrhaft in Staunen setzt. Jesuitismus! und sonstige religiöse Intrigen sind hierzulande nie heimisch gewesen, die Religion hat sich bei uns! nie in die Politik gemengt, nie eine polirisch-klerikale Partei geschaffen und der liberalen gegenübergestellt. Wenn in den letzten Jahren Judenhetzen leider nur zu oft vorkamen, so ist doch der grösstte Teil der Bevölkerung davon freizusprechen, und die Ursache, wie gesagt, nur darin zu finden, daß die Erneute» von Leuten angeregt und betrieben werden, die sich sonst auf bürgerliche Tugenden nichts zugute tun konnten und darin (nämlich in den Judenhetzen) ein großes Verdienst um ihr Vaterland gefunden zu haben glaubten. Auch dächten sie sich dadurch schnell einen berühmten, oder besser berüchtigten Namen und in der europäischen Presse von sich reden zu machen ... Ist dieser Krieg einmal zu Ende und die orientalische Frage gelöst, dann wird der Osten Europas eine neue Gestaltung bekommen. ... Es wird dann endlich die Emanzipation der Juden in Rumänien, das als 'unabhängiges und gestärktes Fürstentum hervorgehen dürfte, eine der Hauptbedingungen des Gedeihens und Florierens sein. Haben die Juden .Rumäniens schon in diesem Kriege alle Opfer für ihre Heimat gebracht, haben jüdische Jünglinge auf den Schlachtfeldern Bulgariens für die rumänische Unabhängigkeit ihr Leben ausgehaucht, werden sich gar manche Juden auf die Narben ihrer Wunden, die sie sich bei ,Rahowa, Griwitza und Plewna geholt, als auf die schönste Dekoration ihrer Bürgerpflicht berufen können, — was ist dag erst gegen das, was die Juden im Frieden, wo Handel und Gewerbe blühen, der Geist eine gehörige Pflegestätte fordert, durch ihre intellektuellen Kräfte, da sie in geistiger und materieller Beziehung in nichts ihren christlichen Mitbürgern nachstehen, dem Lande werden leisten können." Er schlägt alsdann vor, daß die Bemühungen der jüdischen Notabein in Westeuropa, vornehmlich der Alliance Israelite Universelle und ihres Zweigvereins in Berlin, derart gehalten werden, „daß siekeine Spitze gegen Rumänien und dessen Unabhiängigkeitsbestrebungenhervork ehren lassen." Man solle sich zugunsten aller Juden verwenden, die in großer Zahl die Balkanhalbinsel bewohnen und sie als Versöhnungsmittel zwischen den verschiedenen Nationen gebrauchen. Es wäre schwer, einzusehen, warum man die Juden Rumäniens allein berücksichtigen sollte. Von einer; einseitigen Intervention ausschließlich zugunsten derj rumänischen Juden verspricht sich Wahrmann keinen Erfolg, eine solche könne viel mehr nachteilig wirken, als nützen, es wäre eine contradictio in adjecto, daß man in derselben Zeit, da Rumänien die Unabhängigkeit zugesprochen werden soll, eine Pression darauf übe, in einer Frage, die seine internen Angelegenheiten betrifft. Das könnte auch die Rumänen reizen. „Sie werden den Juden vorwerfen, daß diese in einer Zeit, wo das Land in einer bedrängten Lage sich befindet und hur noch Europas Schutz gegen Rußland erwartet, die öffentliche Meinung gegen sie einzunehmen suchen . . . Erstens müssen also unsere (westlichen) Glaubensgenossen, denen, wie sie rühmlich gezeigt, unser Wohl am Herzen liegt, in der allgemeinen Form

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