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Ost und West · 1917-09-01 · Heft 9 (September 1917) · p. Seite 425 - 426

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 9 (September 1917)
Article
An den Pforten der Ewigkeit
Date
1917-09-01
Page
Seite 425 - 426 (sequence 10)
Language
German
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425 An den Pforten der Ewigkeit. 426 den, den Glanz der Schechinah schauend zu gemessen, zusammen mit euch und allen anderen Gerechten und Frommen; ich und ganz Israel, dort wollen wir alle ewiglich uns bergen unter den Flügeln Gottes, in inniger Gemeinschaft mit dem Höchsten (besether Eljon), im Schatten des Allmächtigen." Der erste Gang gilt immer dem Grabe des Rabbiners oder Lehrhauptes. Um ein solches Grab versammeln sich gewöhnlich die ehemaligen Schiller : „Sei uns gegrüsst, unser Herr, Lehrer und Meister, Friede mit dir bis in alle Ewigkeit. Ruhe sanft auf deinem Lager und möge das irdische Leid deiner Angehörigen hienieden deine selige Ruhe nicht trüben. Verweile du hoch über allen dichten Wolken, in inniger Gemeinschaft mit dem Höchsten, im Schatten des Allmächtigen. Heil dir, glücklich bist du, da es dir gegönnt war, den Wegen deines Schöpfers zu folgen und dein Licht leuchten zu lassen; du lehrtest Israel die Gesetze der Redlichkeit und der Güte, um deine Mitlebenden der Gerechtigkeit zuzuführen. Gross ist dein Lohn, und der heilige König wird dich in Bälde erwecken und auferstehen lassen mit allen anderen Gerechten und Frommen der Welt. Gleichwie du dich um dein Werk gemüht hast in diesem Leben, um die Worte der Thora zu ergründen, so mögest du von Stufe zu Stufe immer höher emporsteigen, bis zu der erhabensten Steele, wo du aus dem Munde Gottes die Urgeheimnisse der Thora vernehmen wirst, die er seinen Auserwählten offenbart. Möge uns unser Vater im Himmel um deinetwillen und aller anderen Frommen und Gerechten, die hier gebettet sind, unsere Sünden vergeben. Denn dir zu Ehren sind wir hergekommen, den grossen und erhabenen Namen Gottes zu preisen, dein Grab zu grüssen und dich zu bitten, dass du Fürsprache für uns hältst, wenn wir zu Gott beten, dass er uns bewahre vor jähem Unglück und Zusammenbruch, vor Gewalttat und harter Heimatlosigkeit und Schrecken und Getümmel und unnatürlichem und schändlichem Tod und vor bösen Stunden, dass er alle unsere Krankheiten heile und uns und ganz 'Israel als Geschenk aus seinen Händen unser täglich Brot kummerlos gebe, uns seine frohe Botschaft sende und langes Leben in Frieden und Ruhe gewähre, dass er uns nicht in der Mitte des Lebensweges abberufe, und uns nicht sündenbeladen aus der Welt scheiden lasse. Er gebe uns Weisheit, Erkenntnis, Einsicht, und Liebe und Wohlgefallen in seinen Augen und in den Augen aller seiner Geschöpfe, mit denen wir Umgang haben. Er möge unsere Seele lenken, dass wir ihn lieben und seinen Namen fürchten und seinen Willen tun aus ganzem Herzen; er vernehme unsere Gebete und weise uns nie ungehört weg von seinem Antlitz." In diesem Gebet ist das Kompromiss zwischen dem Gefühl und der Religionsvorschrift perfekt. Die Seele des Verstorbenen wird angesprochen, aber das Gebet richtet sich ausschliesslich an Gott; es ist also hier alles Verpönte ausgeschlossen. Dieses Totengebet enthält aber auch in nuce die gesamte Lebensanschauung des schlichten Juden, des Mannes aus dem Volke, der keine besonderen Ansprüche auf ausgezeichnete Gelehrsamkeit oder Frömmigkeit erhebt, dessen Haupttugend es ist, ein braver Durchschnittsmensch, ein guter Familienvater und Bürger zu sein. Wir sehen hier, wie er sich sein Verhältnis zu Gott und zum' Jenseits denkt, was er sich vom Leben wünscht, und wie er sich seine Ideale ausmalt. An ihren Gebeten werdet ihr die Völker erkennen, hier kann man ihnen die Geheimnisse ihrer Herzen ablauschen. Die Entstehungszeit des Gebetes verrät ungefähr die Bitte um Schutz vor Gewalttat und harter Heimatlosigkeit und Schrecken und Getümmel; es war offenbar die Periode des finstersten Mittelalters, da der Jude keinen Tag seines Lebens sicher war und jnicht hatte, wo er das Haupt hinlegen sollte. Gebete dieser Art, die ja nicht zu einem geordneten und wohlgegliederten, sozusagen offiziellen Gottesdienst gehörten, waren wohl mehrere Jahrhunderte hindurch dem Einzelnen überlassen; begabtere Personen verfassten ursprünglich derartige Gebete für sich allein, die dann von anderen wiederholt und ergänzt wurden und schliesslich allgemeine Annahme fanden. Daher die zahlreichen Varianten, in denen die einzelnen Stücke auf uns gekommen sind. Nur gewisse Wendungen, wie z. B. „möge das irdische Leid deiner Angehörigen deine selige Ruhe nicht trüben", sowie die Bekenntnisse und die allgemeinen Bitten kehren überall wieder, da sie gemeinsamen Anschauungen entspringen. Zum erstenmal erschien eine solche Gebetsammhing im Druck zu Mantua am Anfang des 16. Jahrhunderts. Seither sind viele in Umlauf gebracht worden unter verschiedenen Titeln, die jedoch alle eine Anspielung auf den Uebergang ins Jenseits und auf das ewige Leben enthalten. In verschiedenen Ländern sind verschiedene Sammlungen rezipiert worden, doch haben sie alle das Wesentliche miteinander gemeinsam. Für alle möglichen Lebensverhältnisse und verwandtschaftlichen Beziehungen sind besondere Gebete vorhanden, und jedes ist auf einen eigenen Ton gestimmt. Besonders ergreifend und voll stürmischer Sehnsucht sind die Gebete am Grabe der Mutter und der jungen Schwester, geradezu erschütternd ist das Gebet der Witwe am Grabe des Mannes. Die Gebete am Grabe des Vaters durchweht ein Hauch von liebender Ehrfurcht und scheuer Zärtlichkeit. Am Grabe der Grosseltern klingt es abgeklärt, in friedlicher Re-

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