Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 9 (September 1917)
- Article
- An den Pforten der Ewigkeit
- Date
- 1917-09-01
- Page
- Seite 423 - 424 (sequence 9)
- Language
- German
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423 An den Pforten der Ewigkeit. 424 dass er mit dem Geist des Judentums unvereinbar sei. Andererseits ist die Totenfeier und die Jahrzeit in der neuesten Zeit mit viel Sorgfalt ausgebaut und mit einer Menge Zeremonien ausgestattet worden, die ungemein feierlich wirken; das könnte den Anschein erwecken, als sollte die Totenfeier zum Mittelpunkt und zum Hauptstück des jüdischen Gottesdienstes werden. Die Toten auf irgendeine Weise zu ehren und ihrer in Liebe und Sehnsucht zu gedenken, entspricht indessen einem so tiefen Bedürfnis des Menschenherzens, dass es vergeblich ist, ihm mit Vernunft oder theologischen Gründen beikommen zu wollen. Die Religion tut besser daran, dieses Bedürfnis unter ihren Schutz zu nehmen und ihm möglichst viel Stimmung und Idealgehalt einzuflössen. Es ist zwecklos, sich darüber zu entrüsten, dass Männer und Frauen, die das ganze Jahr der Synagoge fernbleiben, sich zum „Maskir" oder zum Kaddischsagen in die heiligen Hallen drängen. Eher sollte man sich darüber freuen. Die Pietät für die Vorfahren bildet ja mit eines der besten Elemente des religiösen Lebens, und so kann dieses Gefühl jenem Knöchelchen gleichen, von dem die Sage behauptet, dass es im Grabe unversehrt bleibe und von ihm dermaleinst die Wiederbelebung des ganzen Organismus ausgehen werde. 1 ■* * * Die Gräber der Verstorbenen zu besuchen ist eine Sitte, so alt, wie das jüdische Volk. Schon tiie Bibel eifert — dagegen, weil sich damit Zauberwahn und Götzendienst verband. Im Talmud (Thaanith 16 a) finden wir den Brauch erwähnt, an Fasttagen wegen allgemeiner Unglücksfalle die Grabstätten der Verstorbenen aufzusuchen, „damit ihre Seelen bei Gott Fürbitte für uns halten". Zahlreiche Legenden und sinnige poetische Aggadasprüche schreiben solches den biblischen Persönlichkeiten zu. Hier waltet also die Vorstellung ob, dass die Seelen der Abgeschiedenen, von den Fesseln des Irdischen befreit und der Sünden ledig, Gott näher stehen, als die Lebenden und darum bei ihm durch die Bitte mehr ausrichten können, als diese. Logisch betrachtet, lässt diese Vorstellung sich nur schwer mit der anderen vereinbaren, dass die Lebenden sich um das Seelenheil der Verstorbenen mühen müssen, aber wann hätte das Menschenherz und die Volksphantasie sich je um die strenge Logik gekümmert? Die Vöilkerpsyehoiogen sprechen von einem Gesetz der Verträglichkeit sich ausschliessender Vorstellungen in der Volksseele. Diese können ruhig nebeneinander bestehen, es kommt nur darauf an, was für Früchte sie treiben. Natürlich haben sich die Juden, von den Vol'ksiehrern und Rabbinern immer von neuem ermahnt, «;tets davor, gehütet, etwa die Toten als Geister anzubeten. Zwischen dem unwiderstehlichen Drange, am Grabe eines geliebten oder verehrten Toten das Herz auszuschütten, „sich auszuweinen", und der religiösen Forderung, sich vor allem Zauberwerk und Götzendienst in acht zu nehmen, ist denn auch ein Kompromiß zustande gekommen, das in der Fassung der Gebete beim Gräberbesuch sichtbar wird. Der Brauch, zwischen dem Neumondstag des Monats Elul und dem Versöhnungstag die Gräber zu besuchen (zu welchem Zweck auch weite Reisen unternommen werden) dürfte schon um das Jahr 1000 bestanden haben. Seit dieser Zeit nämlich i'A die Auffassung bekannt, dass die vierzig Tage, die dem Jörn Kippur vorangehen, als Busstage anzusehen sind, an denen „Selichoth" (Bussgebete) vor Sonnenaufgang verrichtet werden, auch wird nach dem Morgengottesdienst der Schofar geblasen. In dieser, den „Tagen des Gerichtes" vorangehenden Zeit werden auch die Gräber besucht und Gebete verrichtet. Beim Betreten des Friedhofs spricht man: „Gepriesen sei der Ewige, unser Gott, der Welten'könig, der euch erschaffen hat in Gerechtigkeit, euch ernährte und am Leben erhielt in Gerechtigkeit, euch sterben Hess in Gerechtigkeit, euer aller Zahl kennt in Gerechtigkeit und euch auferstehen lassen wird in Gerechtigkeit. Gepriesen sei der Ewige, der die Toten auferotehen lässt** Diesem Gebet liegt offenbar die Vorstellung zugrunde, dass die Seelen der Toten zeitweise in der Nähe von deren Gräbern weilen und die Anrede der Lebenden vernehmen. Das ist eine uralte, allgemein in der Welt verbreitete Vorstellung, die jedoch den poetischen Gehalt und die Schönheit des Gebetes nicht mindert. Dass hier nur von der Gerechtigkeit (din), nicht aber von der Liebe (chesed oder rachamim) Gottes die Rede ist, erklärt sich daher, dass es nicht gut angeht, zu sagen „er Hess euch sterben in seiner Liebe"; es wird daher das Prinzip der Gerechtigkeit auch auf alle anderen Gebiete angewendet. Dann folgt der Gruss an die Seelen: „Ihr Gerechten, Grundfesten der Welt, ihr reinen Seelen alle, möge es der Wille sein vor unserem Vater im Himmel, der das Paradies erschuf, bevor er noch seinen Fußschemel, die Erde, ins Dasein rief, daß ihr ruhet in Ehre und Frieden bis ans Ende der Tage; iniden Bund des Lebens möget ihr aufgenommen sein, beim Ewigen, eurem Gott, dem Grossen und Erhabenen. Möge mir und meinen Angehörigen und dem ganzen Hause Israel das Verdienst (sechuth) eures Thorastudiums und eurer guten Taten beistehen, das ihr erworben habt, solange ihr auf Erden wandeltet. Und wenn meine Stunde kommt, aus dieser Welt zu gehen, möge mein Anteil sein, neben euch im Gan Eden zu weilen; möge ich gewürdigt wer-