Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 9 (September 1917)
- Article
- An den Pforten der Ewigkeit
- Date
- 1917-09-01
- Page
- Seite 421 - 422 (sequence 8)
- Language
- German
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421 An den Pforten der Ewigkeit. 422 die Mischnah allein vorhanden war, das „Lernen" für die Seelen der Verstorbenen in Ehren stand; später wurde dem Brauch der Grund unterschoben, dass das Wort Mischnah (ohne die im Hebräischen ja nicht sichtbaren Vokale) dieselben Buchstaben hat wie das Wort Neschamah (Seele). Vorzugsweise wird die Mischnahordnung „Tohorot" studiert, die von den Reinheiten handelt, darunter besonders der 24. Abschnitt des' Traktates „Kelim", der siebzehn Mischnajoht zählt (siebzehn ^hat im Hebräischen den Zahlenwert von tob gut), von denen jede mit dem Wort „rein" endigt. Oder es werden Traktate aus der Mischnah ausgewählt, deren Anfangsbuchstaben zusammen den Namen des Verstorbenen ergeben. Bei den Sephardim und den Chassidim ist es üblich, zum gleichen Zweck den Sohar zu studieren. Es ist natürlich, daß diie Kabbalah und später der Chassidismus an diese Sitte eine Unmenge mystischer und abergläubischer Vorstellungen geknüpft haben. Der Todestag besonders heiliger Männer, wie z. B. des Rabbi Simon ben Jochai, des angeblichen Verfassers des Sohar und Vaters derKabbala (Lagbaomer) wird nicht nur in wehmütiger Andacht, sondern daneben als „Hillula" (Freudentag) begangen, denn der Tod heiliger Männer i=t freilich, vom irdischen Standpunkt aus betrachtet, ein trauriges Ereignis, aber vom Ewigkeitsstandpunkt ist er der Beginn eines neuen, seligen .Lebens, eine Befreiung aus dem engen Kerker des Irdischen. Die Ghassidim begehen auf dieselbe Weise die Gedenktage ihrer grossen Wunderrabbis. Kabbalah und Mystik haben auch die ursprünglich angezweifelte und bekämpfte, zum Teil sogar verpönte Lehre ausgebildet und verbreitet, das Kaddisch sei ein Gnadenmittel, um die Seele der Verstorbenen von der Höllenpein zu befreien, oder ihr zu einer höheren Stufe der Seligkeit zu verhelfen. Die Jahrzeitfeier, 'die Kerze und das Kaddisch werden als „Thikkun" (Verbesserungsmittel) für die Seele aufgefasst. Nach dem Früh- und Abendgottesdienst pflegt der Leidtragende, der häufig bei dieser Gelegenheit auch den Vorbeter macht, der anwesenden Gemeinde einen kleinen Imbiss zu geben, der ebenfalls „Thikkun" genannt wird. Während man dem Leidtragenden zutrinkt, wünscht man ihm, die Seele seines Abgeschiedenen, der diese Feier gilt, möge eine „Alijah" haben, d. h. auf der Stufenleiter der himmlischen Seligkeit höher emporsteigen. * * * Zwei oder drei Jahrhunderte früher als die „Jahrzeit" reicht der Ursprung des „Maskir" (richtiger: Haskarah) zurück, der Seelenandacht, die heutzutage in ganz Europa einen wichtigen Bestandteil des Gottesdienstes am Versöihnungstage und an den letzten Tagen aller anderen Feste, mit Ausnahme des Rosch Haschanah bildet. In Westdeutschland allerdings, woher der Brauch stammt, nur am Versöhnungstag allein. Dem Brauch liegen zwei Vorstellungen zugrunde; die eine, bereits oben gedachte, dass die Hinterbliebenen für die Sühne der Seelen ihrer abgeschiedenen Verwandten fördernd eintreten können, und eine andere, ihr im Grund entgegengesetzte, dass die Lebenden die Verdienste (seehujoth) und die guten Werke der Väter anrufen dürfen, um Gottes- Gnade ormso wirksamer zu erflehen. Nach dem furchtbaren Würgen, welches über die jüdischen Gemeindie am' Rhein während des ersten Kreuzzuges (1096) hinwegging (und sich dann oft und oft wiederholte), kam die Sitte auf, in jeder Gemeinde „Memorbücher" anzulegen, in denen die Namen der Märtyrer verewigt wurden. Diese Verzeichnisse wurden vornehmlich am Versöfinungstag, dann auch an den Sabbaten zwischen Pessach und Schabuotli (in dieser Zeit wütete das Morden am Heftigsten) nach der Vorlesung aus der Thora vorgelesen mit der einleitenden Formel „Gott gedenke der Seelen" (hier fblg%h:'die -Namen) und dem Schluss: „sie mögen aufgenommen*'sein in den Bund des Lebens" usw. Daraus entwickelte sich der Brauch, dass jeder Betende im besonderen seiner nächsten Abgeschiedenen gedachte, und eine Almosenspende zur Erinnerung an sie gelobte. Diesen Almosenspenden wurde auch der Sinn unterlegt, dass die Nachfahren die guten Werke und Lebensführung der Vorfahren auf Erden fortsetzen wollen; die Verstorbenen würden ja, wenn sie noch lebten, selber Wohltätigkeit üben, aber da sie es nicht mehr können, treten die Nachkommen für sie ein. Das Gebet ist bekanntlich ebenso ergreifend wie schlicht und kurz, umfasst knappe vier oder fünf Zeilen. Der Gedanke lag nun nahe, dass auch der letzte Pessachtag und der zweite Schabuothtag der Totenfeier geweiht wurde, und zur Analogie wurde auch auf den letzten Tag des Laubhüttenfestes (schemini azereth) eine Seelenandacht festgesetzt. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts finden wir diesen Brauch in Italien verbreitet, ja, dort wurde sogar an jedem Sabbat eine allgemeine Seelenandacht abgehalten. Doch haben die orientalischen, sowie die nordafrikanischen Gemeinden diesem Brauch den Eingang verwehrt; dort kennt man keine •öffentliche Seelenandacht. Wie gegen das Waisenkaddisch so wurde auch gegen die Seelenandacht oft und oft Sturm gelaufen, und zwar taten das gerade Vorkämpfer des Herkommens, die sonst stets für die Erhaltung jedes überlieferten Brauches eintreten. Man sah in der Totenfeier eine fremde Sitte, die sich in den jüdischen Kultus eingeschlichen hatte, gegen den „Totenkultus" als solchen führte man eine Menge theologischer Gründe ins Feld und bewies,