Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 9 (September 1917)
- Article
- An den Pforten der Ewigkeit
- Date
- 1917-09-01
- Page
- Seite 419 - 420 (sequence 7)
- Language
- German
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419 An den Pforten der Ewigkeit 420 (Jestens zehn erwachsenen Männern gesprochen werden darf, ist späteren Ursprunges.) Indessen dürfte auch der Anfangsvers sehr alt sein, da er bekanntlich in das Vaterunser aufgenommen wurde. Die Stellung des Kaddisch in der Liturgie entspricht noch heutzutage seinem Ursprünge. So gilt z. B. das Kaddisch vor Musaph eigentlich dem Vortrag des Kapitels aus den Propheten (Haphtara). So beschliesst denn auch das „Kaddisch der Weltverjüngung" auf dem Friedhof im Grunde nur die •Verse des „Zidduk ha din"; ehemals wurde es nur zu Ehren ausgezeichneter Männer und Frauen gesprochen, „deren Taten es unzweifelhaft erscheinen Hessen, dass sie am ewigen Leben und an der Auferstehung teilhaben werden". Aber schon Nach-;manides verzeichnet im 13. Jahrhundert den Brauch, es allen Verstorbenen ohne Ausnahme zu widmen. In seiner Zeit war es in Spanien auch üblich, dass dieses Kaddisch im Sterbegemach an allen sieben Trauertagen morgens und abends rezitiert wurde. Als besonderes Gebet der Hinterbliebenen für das Seelenheil ihrer Verstorbenen, gesprochen zum Schluss des alltäglichen Gottesdienstes, in der üblichen Form (mit Hinweglassung des Passus von der Weltverjüngung) ist es nach dem ersten Kreuzzug in den Rheingegenden üblich geworden und hat von dort aus, zusammen mit anderen Bräuchen zum Gedächtnis der Toten, den Weg zu allen anderen jüdischen Gemeinden genommen. : * *; .! * Die Vorstellung, dass die Hinterbliebenen duren Gebet und gute Taten, besonders Almosenspenden, das Seelenheil ihrer verstorbenen Angehörigen, insofern diese einer Sühne bedürfen, fördern können, ist sehr alt und kommt schon in einer der ältesten Schriften der talmudischen Literatur vor (Sifre zu Deuteron. 21, 8). Ebenso alt ist die Vorstellung, dass der Leichnam der Verstorbenen im Grabe erst nach zwölf Monaten der Verwesung anheimfällt, und während dieser Zeit die Seele von Zeit zu Zeit herabkommt und das Grab umschwebt. Damit verbindet sich die Beobachtungstatsache, dass der Schmerz um den Verstorbenen erst nach ungefähr einem Jahr sich zu beruhigen pflegt. Aus alledem entstand der schon in der Mischna erwähnte Volksglaube, dass die Sünder im Jenseits zwölf Monate lang gerichtet werden und die verdienten Strafen erdulden müssen, um dann ins Paradies einzugehen. Es lag also nahe, dass das Kaddisch, ,'nachdem es zum besonderen Gebet für das Seelenheil der Verstorbenen gestempelt wurde, den nächsten Leidtragenden das erste Trauerjahr hindurch oblag. Am Anfang des 13. Jahrhunderts (1220) berichtet Rabbi Isaak Or-Sarua (aus Wien), am Rhein und in Böhmen bestehe die, Sitte, dass die Waisen zum Schluss des Gottesdienstes das Kaddisch sagen. Es wird hierbei eine in mehreren Varianten umgehende, also offenbar alte Legende angeführt, wonach ein Sohn durch das im Gotteshaus gesprochene Kaddisch (aber auch das „Barechu"!) den verstorbenen Vater von der Höllenpein erlöste. Da es indessen als ungeziemend gilt, seine nächsten Angehörigen oder gar Eltern für Sünder zu erklären, die ein volles Jahr der Höllenstrafe unterworfen sindv so wurde später die Zeit des „Kaddischsagens" auf elf Monate beschränkt. * * * Den alljährlich wiederkehrenden Sterbetag teurer oder ausgezeichneter Verstorbener feierlich zu begehen, ist so natürlich, dass dieser Brauch wohl sehr hoch ins graue Altertum zurückreicht. In der Zeit der babyionischen Amoräer war es üblich, dass am Sterbetage eines hervorragenden Gelehrten, Jünger und Verehrer sich an seinem Grabe versammelten und öffentliche Lehrvorträge abhielten. Auch fastete man an diesem Tage. Es galt ferner als frommes Werk, am1 Sterbetage der Eltern zu fasten. Erst als das Kaddisch zum speziellen Gebet für das Seelenheil der Abgeschiedenen und zur Pflicht für die nächsten Hinterbliebenen Wurde, kam die Sitte auf, an diesem Tage „Jahrzeit" zu halten. Das Wort wie der Begriff ist deutsch ^kirchlichen Ursprunges. Die deutschen Christen des Mittelalters bezeichneten damit den Tag, an dem sich der Tod eines Familien- oder Gemeindegliedes jährte. Jede Kirche legte „Jahrzeitbücher" an, Verzeichnisse der Tage, an denen Seelenmessen gelesen und Lichter für die Seelen angezündet wurden. Um die Wende des 14. Jahrhunherts war der Brauch und die Bezeichnung unter den deutschen Juden schon heimisch. (Rabbi Isaak von Tyrnau und Rabbi Jakob Möllin von Mainz dürften indessen wohl die ersten sein, die etwa zu Anfang des 15. Jahrhunderts das Wort Jahrzeit erwähnen.) Von Deutschland aus verbreitete es sich über die ganze Welt, soweit Juden wohnten; die Sitte stiess im Orient auf heftigen Widerstand, trug aber schliesslich den Sieg davon. Das Wort „Jahrzeit", welches aus der heutigen deutschen Sprache längst entschwunden ist, ist auch unter den spaniolisch und arabisch redenden Juden bekannt — sie sprechen es bisweilen jarzeid, jarsait' aus; es ist kennzeichnend, dass dafür keine besondere hebräische Bezeichnung geprägt worden ist. (Die Sephardim sagen bisweilen dafür „nachalah" Erbteil.) Als ein wichtiges Mittel, das Seelenheil der Verstorbenen zu fördern, sieht ein alter Volksglaube das „Lernen" aus der Thora an den .Trauertagen, sowie an der Jahrzeit an; das Lernen .geschieht sozusagen in ihrem Namen, in ihrer Vertretung, es wird ihnen geweiht. Als besonders wirksam gilt das Studium ausgewählter Abschnitte aus der Mischnah; das beweist, dass schon zu der Zeit, als erst