Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 9 (September 1917)
- Article
- An den Pforten der Ewigkeit
- Date
- 1917-09-01
- Page
- Seite 417 - 418 (sequence 6)
- Language
- German
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417 An den Pforten der Ewigkeit. 418 Auf einem sehr alten, schon im Talmud erwähnten Brauch beruht es, dass die Leidtragenden, nachdem sich das Grab über dem Toten geschlossen, die „Rechtfertigung des göttlichen Gerichtes" (Zidduk ha din)- sprechen. In der heute vorliegenden Form, ist das ein ergreifender Hymnus voll herzhafter Glaubenskraft und hingebenden Vertrauens in die göttliche'Güte und Gerechtigkeit; er verfehlt-seine tiefe, herzstärkende und tröstende Wirkung auf keinen, der ihn in der Originalsprache versteht, an die keine Uebersetzung heranreicht. Er besteht aus einigen Bibelversen, an die sich Stücke aus der talmudischen Zeit und aus späteren Epochen sinnvoll aiischliessen. Die Schauer der Ehrfurcht vor diesem Hymnus steigern sich nur noch, wenn man bedenkt, dass der Auftakt 2U ihm, die einleitenden und die Schlussverse, von drei Märtyrern, Vater, Mutter und Tochter, gesprochen wurden, nämlich von Rabbi Chanina ben Theradjon, seiner Frau und seiner Tochter, als sie, nach dem Aufstand unter Kaiser Hadrian (135—138 n. Chr.), den Weg zur Richtstätte antraten, um den Märtyrertod von Henkershand zu erleiden. Da kam dem Vater das Wort auf die Lippen: „Gott ist unser Hortj sein Tun ist sonder Fehl, alle seine Wege sind gerecht/' Die Frau rief: „Er ist der Gott der Treue, ohne Unrecht, er ist gerecht und redlich." (Deuteronom. 32, 4.) Die Tochter antwortete: „Gross, unerforschlich ist Dein Ratschluss, mächtig ist Deine Tat, Deine Augen bewachen die Wege der Menschenkinder, um jedem nach seinem Wandel und nach den Früchten seiner Handlungen heimzuzahlen." Gerc_ mias 32, 19") Das immer wiederkehrende Motiv dieses' Hymnus ist die Lobpreisung, die man beim Vernehmen einer Trauerkunde zu sprechen hat: »Gepriesen sei, der uns richtet nach der Wahrheit." Der Hymnus schliesst mit dem Worte Hiobs: "Gott hat es gegeben, Gott hat es genommen; der Name Gottes sei gepriesen." Dann: „Er ist barmherzig, vergibt die Sünde, überliefert uns nicht dem Verderben, er beschwichtigt machtvoll seinen Zorn, und erweckt nimmer seinen ganzen Groll." Nun kommt das Kaddisch, das berühmte Totengebet, in dem des Todes mit keinem Worte gedacht wird. Diesmal aber heisst es das »Kaddisch der Weltverjüngung". Anstatt der üblichen Form: „Erhöht und geheiligt werde Sein grosser Name in der Welt, die Er geschaffen hat nach Seinem Willen," lautet es diesmal: „in der Welt, die Er dermaleinst verjüngen wird, indem Er die Toten auferstehen heisst und sie einführt ins ewige Leben." Dieser Hymnus ist heutzutage (auch ilurch das bekannte Heinesche Gedicht) in der ganzen Welt als das spezifische Gebet für das Seelenheil der Verstorbenen bekannt, welches zu verrichten besonders den Söhnen obliegt. Man empfindet es sogar als unstatthaft, wenn ein Sohn es hei Lebzeiten seiner Eltern spricht. In Süddeutschkind und in ganz Osteuropa nennen Eltern ihren Sohn, zumal, wenn er ein einziger ist, ihren „Kaddisch". Wer ohne männliche Nachkommen aus der Welt geht, von dem heisst es', er habe keinen Kaddisch hinterlassen. Indessen ist diese Funktion der schönen, kurzen Lobpreisung als „Waisen-Kaddisch" (kaddisch jathom) verhältnismässig sehr jungen Ursprungs. Vormals war das eine Eulogie, die vornehmlich zum Schluss der Lehrvorträge, besonders aggadischen Charakters, gesprochen wurde. Es war eine alte Gepflogenheit, die öffentlichen Vorträge in den Lehrhäusern mit Trostesworten (nechamali), meist eschatologischer Art, zu schliessen. (Daher im Kaddisch das „wenechamatha", welches viel Kopfzerbrechens verursacht hat.) Ferner wurde das Kaddisch zum Schluss der Vorlesung aus der Thora, sowie eines jeden Gottesdienstes, eines Vortrages der Psalmen oder der Propheten, rezitiert. Seinen Kern und ältesten Teil bildet das „Jene scheinen rabba", das zuerst im Talmud erwähnt wird. (Dass das Kaddisch nur in einer Versammlung von min- Mina Lewi: Mädchentoilette